Hightech im Reich der Mitte

28.09.2006 | Redakteur:

Verglichen mit dem Weltmarkt, wo weiterhin Eiszeit herrscht, liegt über dem chinesischen Werkzeugmaschinenmarkt ein warmer Frühlingshauch. Kein Wunder, dass für viele ausländische Hersteller die...

Verglichen mit dem Weltmarkt, wo weiterhin Eiszeit herrscht, liegt über dem chinesischen Werkzeugmaschinenmarkt ein warmer Frühlingshauch. Kein Wunder, dass für viele ausländische Hersteller die Volksrepublik ganz oben auf der Prioritätenliste stehtDie 8. China International Machine Tool Show (CIMT), die im April ganze Heerscharen in Chinas aufstrebende Wirtschaftsmetropole Shanghai lockte, war für manche Überraschung gut. Mit prall gefüllten Auftragsbüchern gingen die einen nach Hause, während andere ein seltsames Erlebnis hatten. So konnte manch „westlicher“Aussteller „seine“Maschine nicht nur am eigenen Stand in Augenschein nehmen, sondern auch am Stand des (ehemaligen) chinesichen Jointventure-Partners:versehen mit fremdartigen Schriftzeichen auf der Blecheinhausung, sonst aber weitgehend baugleich bis auf die kleinste Schraube. Denn trotz des WTO-Betritts Chinas im Jahr 2002 ist Produktpiraterie - neben der gelegentlich etwas großzügigen Auslegung von Zahlungsfristen - nach wie vor eines der größten Risiken im Chinageschäft. Zwar hat die Mitgliedschaft in der Welthandelsorganisation zu einer klaren Rechtslegung in Sachen Urheberschutz geführt, aber „das Land ist groß und der Kaiser weit“, wie ein chinesisches Sprichwort sagt. Bis die Buchstaben des Gesetzes in der Praxis greifen, wird es noch dauern. Solche Umdenkprozesse brauchen eben Zeit. Nachmachen wird in China seit jeher nicht als Delikt, sondern als Kompliment an den Urheber eines Produkts verstanden:denn plagiiert wird immer nur das beste Produkt. Andererseits ist die chinesische Werkzeugmaschinenindustrie immer weniger darauf angewiesen fremdes Know-how (illegal)zu kopieren. Denn nicht nur wirtschaftlich, sondern auch technisch kommt die Branche in Riesenschritten voran. „Das Niveau der Fertigungsindustrie wächst mit erstaunlicher Geschwindigkeit und das Niveau der CNC-Maschinen aus chinesischer Produktion nähert sich dem industrialisierter Länder“, stellt Chen Xiaguang, Generalbevollmächtigter der Beijing Fagor Automation Equipment Co. Ltd. mit Bewunderung fest. Beijing Fagor ist die 1997 gegründete China-Tochter des spanischen Steuerungsherstellers Fagor Automation. Obwohl der chinesische Markt ausländischen Firmen bereits vor dem WTO-Beitritt mehr oder minder offen stand, war dieser doch weit mehr als nur ein symbolischer Akt. „Der Eintritt in die WTO war der entschiedenste und wohl überlegteste Schritt der chinesischen Regierung“, lobt Gong Gang, der als Geschäftsführer bei Walter (Wuxi) Co. Ltd., einem Jointventure des Tübinger Werkzeugspezialisten Walter AG, die Strippen zieht. „Seitdem spielt China als vollwertiger Partner auf der Bühne des internationalen Wettbewerbs.“ Das bringt einerseits Vorteile, stellte und stellt andererseits die chinesischen Unternehmen und speziell die Werkzeugmaschinenbauer vor neue Herausforderungen. „Zum Überleben und zur Weiterentwicklung haben die chinesischen Firmen auf den Gebieten der Qualitätskontrolle, Effizienz und des Managements Verbesserungen vorgenommen“, weiß Wuxi-Manager Gong Gang. Schließlich ist im Zuge des WTO-Beitritts erfolgten Abbau tarifärer Handelshemmnisse für die chinesischen Hersteller ein durchaus zweischneidiges Schwert. Die Reduzierung der Zollgebühren von 14,45 auf 10,14% für insgesamt 106 verschiedene Werkzeugmaschinentypen verbilligen die Importe von Hightech-Maschinen und erfordern auf Seiten der chinesischen Unternehmen entsprechende Anpassungsmaßnahmen.Doch „Chancen koexistieren immer mit Risiken“, stellt Gong Gang nüchtern fest. Für ausländische Anbieter macht der WTO-Beitritt China als Markt noch attraktiver. Schließlich wurden außer den Zollschranken auch andere Hindernisse weggeräumt, die Ausländern die Freude am Chinageschäft oft ein wenig trübten. „Die Leistungen der Regierung sind besser geworden, die Politik transparenter, das Rechtssystem verlässlicher und die Infrastruktur besser“, lobt Ma Shouhua, China-Statthalter des japanischen Werkzeugmaschinengiganten Mazak. Ähnlich sieht es sein Kollege Liu Youpeng von Agie Charmilles Industrial Elektronics:„Die Politik wird beständiger und transparenter, das Verwaltungssystem offener, fairer, ehrlicher und effektiver.“ Auch die Infrastruktur habe sich mit der „Politik der offenen Tür“ spürbar verbessert, was für die Tochtergesellschaft des schweizerischen Herstellers von Elektroerosions- und Fräsmaschinen (Mikron) ganz praktische Folgen hat. „Durch die besseren Transportmöglichkeiten hat sich die Auslieferungsdauer unserer Maschinen von sechs Wochen auf zehn Tage verkürzt“, freut sich Liu Youpeng.Denn Zeit ist mittlerweile auch im Reich der Mitte Geld. Und gar keine Zeit haben die ausländischen Unternehmen, wenn es darum geht, sich vom großen Kuchen ein ordentliches Stück abzuschneiden. Denn anders als im „alten Europa“, wo nach wie vor konjukturelle Eiszeit herrscht, weht über China ein mildes Frühlingslüftchen. „Verglichen mit der Depression in Europa ist die Vitalität des chinesischen Marktes ermutigend“, formuliert sehr diplomatisch Agie-Charmilles-Manager Liu Youpeng. Etwas nüchterner drückt sich Dr. Rüdiger Kapitza, Vorstandschef der Bielefelder Gildemeister AG, aus. „Obwohl die Nachfrage auf dem Weltmarkt tendenziell rückläufig ist, bietet Chinas stetig wachsende Wirtschaft gute Chancen“, begegründet er das Engagement seines Hauses in China. Seit Jahresbeginn verfügt das deutsche Traditionsunternehmen - weltweit die Nummer 2 im Werkzeugmaschinen-Business - über eine eigene Fertigungsstätte in Boomtown Shanghai. Rund 150 Beschäftigte schrauben dort auf 15000 m2 Fläche CNC-Maschinen undBearbeitungszentren für den chinesischen Markt zusammen. 85% der Komponenten stammen dabei aus chinesischer Produktion, nur 15% werden aus Europa importiert. Ein derart großer „Local Content“ - übrigens typisch für deutsche Investoren - ist nach Meinung von Fachleuten fast schon so etwas wie ein Erfolgsrezept, denn er fördert die Akzeptanz der Produkte auf dem chinesischen Markt. Denn Local Content schafft oder sichert Arbeitsplätze. „Die Lokalisierung der Produkte ist nicht nur für die Zukunft unseres Unternehmens wichtig, sondern auch von großer Bedeutung für die chinesische Fertigungsindustrie“, erläutert Kapitza. „Wir planen“, so der DMG-Boss weiter, „den Ausbau eines eigenen Herstellernetzwerks, um eine hundertprozentige Lokalisierung der Produktion sicherzustellen“. Neben innovativer Technik, flankiert von hochwertigen Dienstleistungen, sichern funktionierende Wertschöpfungsketten und Zuliefernetzwerke die Spitzenposition des deutschen Werkzeugmaschinenbaus am Weltmarkt. Und warum sollte das nicht auch in China funktionieren? Der Absatz von Werkzeugmaschinen in China schlägt jedenfalls alle Rekorde. Dabei laufen die Geschäfte nach Aussagen des Verbands der Chinesischen Maschinenbauindustrie momentan sogar noch besser als ursprünglich prognostiziert. Von Eiszeit also keine Spur!„Während der letzten zwölf Jahre ist das Unternehmen rapide gewachsen. Unser Ziel ist es, das zweistellige Wachstum in den nächsten fünf Jahren beizubehalten“, verkündet selbstbewusst Ee Sian Lee von Sandvik Coromant China. China ist heute der weltweit führende Importeur von Werkzeugmaschinen. Wie aus den Statistiken der chinesischen Zollbehörden hervorgeht, wurden im vergangenen Jahr Maschinen im Wert von 4,3 Mrd. Dollar eingeführt, darunter für 3,1 Mrd. Dollar spanende Werkzeugmaschinen. Insgesamt gingen in China 2002 spanende Werkzeugmaschinen im Gesamtwert von mehr als 5,5 Mrd. Dollar über den „Ladentisch“. Und:Die Erfolgsstory ist noch lange nicht zu Ende. Für das laufende Jahr sagen die Verbands-Statistiker einen Anstieg der chinesischen Werkzeugmaschinenproduktion um 15% auf etwa 9 Mrd. Euro voraus, wobei die Produktion spanender Werkzeugmaschinen ebenfalls um 15% auf 3,1 Mrd. Euro zunehmen dürfte. Aber auch am Weltmarkt behaupten sich die chinesischen Hersteller immer besser:So sollen die Werkzeugmaschinenausfuhren, wenn die Prognosen stimmen, Ende dieses Jahres die 1-Mrd.-Dollar-Marke erreichen (plus 10%). Unverändert gut sind die Absatzchancen für ausländische Anbieter:Die Statistiker haben errechnet, dass der Importanteil im Jahr 2003 um rund 20% auf 3,5 Mrd. Dollar ansteigen wird. Zusätzlich gepusht wird die ökonomische Aufwärtsentwicklung durch den Wandel der Eigentumsverhältnisse im Lande. Im Jahr 2002 wurden viele staatliche Betriebe in Aktiengesellschaften oder Gesellschaften mit beschränkter Haftung umgewandelt. Der Einsatz von ausländischem und privatem Kapital hat eine neue Art der Koexistenz unterschiedlicher Wirtschaftssysteme in China zur Folge. Nach Angaben des staatlichen Amtes für Statistik betrug bei den Firmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 0,5 Mio. Euro im Zeitraum Januar bis November 2002 der Anteil an staatlichen Betrieben 63,8%. Unternehmen privater Inves-toren kamen auf 22,1%, und ausländische Investoren machten 14,1% der Betriebe aus - Tendenz natürlich steigend.Nach kurzer Verschnaufpause imJahr 1999 legen die Auslandsinvestitionen wieder zu und erreichten 2002 ein Volumen von mehr als 50 Mrd. Dollar. Etablierte Unternehmen denken über einen Ausbau ihres China-Engagements nach - so zum Beispiel der CNC-Hersteller Fagor, der bisher nur ein Vertriebsbüro in Beijing unterhält. „Ermutigt durch die positive Entwicklung des Investitionsumfeldes und den Fortschritt unserer Geschäfte planen wir die Errichtung einer Produktionsstätte in China“, gibt Beijing-Fagor-Manager Chen Xiaoguang zu verstehen.

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