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VDMA

Weltmarkt verlangt individuelle Strategien

09.10.2007 | Redakteur: Stéphane Itasse

„Für den Weltmarkt kann es keine Strategie für alle geben: Was für das eine Unternehmen richtig ist, kann für andere ein Desaster sein“, erläuterte VDMA-Präsident Manfred Wittenstein. Bild: VDMA

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Hamburg (si) – Ein großer Teil des Maschinenbau-Booms der vergangenen Jahre beruht auf dem Export. Immer mehr kristallisiert sich dabei heraus, dass Deutschland zum Gewinner der Globalisierung

Hamburg (si) – Ein großer Teil des Maschinenbau-Booms der vergangenen Jahre beruht auf dem Export. Immer mehr kristallisiert sich dabei heraus, dass Deutschland zum Gewinner der Globalisierung wird, mit dem Maschinenbau als einem der Spitzenreiter. Eine einheitliche Strategie für alle Unternehmen gibt es jedoch nicht, stellte VDMA-Präsident Manfred Wittenstein fest.

So manches Unternehmen musste erst in Schwierigkeiten geraten, ehe es den Schritt ins Ausland wagte, wie sich bei der Podiumsdiskussion des Arbeitskreises „Total global - intelligenter produzieren für den Weltmarkt“ bei der VDMA-Hauptversammlung in Hamburg zeigte. So litt beispielsweise die Bielefelder Boge Kompressoren GmbH & Co. Ende der 80er-Jahre unter Überkapazitäten auf dem deutschen Druckluft-Markt, erläuterte der geschäftsführende Gesellschafter Wolf Meier-Scheuven.

„Ins Ausland zu gehen, war der richtige Schritt“, blickt er zurück: Heute erwirtschaftet Boge 60% seines Umsatzes außerhalb Deutschlands. Der Umsatz des Kompressorenherstellers habe sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt, im Wesentlichen durch das Auslandsgeschäft. Doch auch der Standort Deutschland habe profitiert: Die Mitarbeiterzahl sei um 30% gestiegen. Auf den Weltmarkt zu gehen, könne er anderen Unternehmen nur empfehlen, sagte Meier-Scheuven.

Noch drängender war der Schritt ins Ausland beim Messgerätehersteller Mahr. In einer akuten Krise entschied sich das Unternehmen 1992/93 für die Internationalisierung statt des Rückzuges in eine Marktnische. Innerhalb von sechs Monaten wurde ein Billiglohnstandort in Tschechien gefunden und das Werk aus Esslingen dorthin verlagert, berichtete Thomas Keidel, geschäftsführender Gesellschafter des Göttinger Unternehmens.

Messtechnik-Hersteller Mahr produziert in vier Ländern

Inzwischen produziert das Unternehmen auch in den USA und China. In den USA sei es vor allem um die Erschließung des Marktes gegangen, weshalb Mahr ein amerikanisches Unternehmen gekauft habe. In China hätten die Kunden, insbesondere aus der Automobilindustrie, auf einem Service vor Ort bestanden; außerdem sei die Produktion in Tschechien zu dieser Zeit überlastet gewesen. Das Geschäft als Systemlieferant sei hingegen in Göttingen geblieben. „Das kann man nicht exportieren“, erläuterte Keidel.

Skeptischer gegenüber der Produktion im Ausland zeigte sich Prof. Hermut Kormann, Vorstandsvorsitzender der Voith AG. Bei technisch anspruchsvollen Produkten sieht er kaum Kostenvorteile, die Präsenz im Ausland sollte man seiner Ansicht nach nicht aus Kostengründen anstreben. „In Entwicklungsländern haben Sie 10% höhere Materialkosten, doppelt so hohe Kapitalkosten, und auch die sonstigen betrieblichen Aufwendungen, zum Beispiel für Wirtschaftsprüfer oder die EDV, sind um 50% höher“, hielt er den Verlagerungs-Befürwortern entgegen.

Maschinenbauer müssen bei Verlagerung mit ungeahnten Kosten rechnen

Oft sei dies aber nicht im Vorfeld absehbar, sondern stelle sich erst später heraus. „Man sollte die Kosten einer Verlagerung nicht nur vorher abschätzen, sondern hinterher auch überprüfen“, empfahl der Voith-Vorstandsvorsitzende. Auch die Qualitätssicherung sei in Ländern wie China schwierig: „Die Reklamationskosten eliminieren die Einkaufsvorteile für die nächsten 15 Jahre“, zeigte er sich skeptisch.

Für Voith seien die Größenvorteile wichtiger als Faktorkosten, erläuterte Prof. Kormann weiter. Deshalb arbeite jede Fabrik im weltweiten Verbund spezialisiert, das Kostenniveau werde als einheitlich betrachtet. „Sie können nicht eine Fabrik schnell auf- und wieder zumachen, wenn sich der Dollarkurs verändert“, sagte er.

Spritzgießmaschinenbauer Arburg setzt ganz auf Deutschland

Ausschließlich auf Deutschland setzt der Loßburger Spritzgießmaschinen-Hersteller Arburg. Mit modular aufgebauten Produkten gelingt es dem Unternehmen, Kundenwünsche mit einer sehr stark automatisierten Serienfertigung in Einklang zu bringen. Die Strategie ziele aber eindeutig auf das oberste Marktsegment. „Der stark wachsende Markt in China für einfache Spritzgießmaschinen gehört nicht zu unseren Märkten“, stellte Herbert Kraibühler, Geschäftsführer Technik von Arburg, klar.

Partnerschaft mit Großunternehmen hilft beim Erschließen des China-Marktes

Anders habe sich hingegen die Situation beim Schneidtechnik-Hersteller Polar-Mohr dargestellt: „Der chinesische Markt macht für unser Maschinenprogramm 50% des Weltmarktes aus. Das konnten wir nicht von Deutschland aus erschließen“, sagte Alfred Henschel, Sprecher der Geschäftsführung. Zudem erschwere die Volksrepublik China durch Importzölle die Ausfuhr aus Deutschland, und auch die wichtigsten Wettbewerber sieht Henschel im Reich der Mitte herankommen. Der Schneidtechnik-Hersteller produziert deshalb seit etwa einem Jahr in China, einerseits um durch die Umgehung der Importzölle besser im lokalen Wettbewerb zu bestehen, andererseits um Zugang zum chinesischen Beschaffungsmarkt zu bekommen.

Besonders hilfreich sei dabei die langjährige Vertriebspartnerschaft mit der Heidelberger Druckmaschinen AG gewesen. „Heidelberg war uns immer etwa drei Monate voraus, da konnten wir von den Erfahrungen profitieren“, berichtet Henschel. Allein wäre Polar-Mohr nicht in der Lage gewesen, in einem so großen Land wie China eine flächendeckende Vertriebsorganisation aufzubauen.

Weltmarkt bietet für Maschinenbau große Chancen

Dass der Weltmarkt große Chancen bietet, legte Prof. Thomas Straubhaar, Leiter des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), in seinem Vortrag dar. „Die Globalisierung stellt das größte Kostensenkungsprogramm aller Zeiten dar“, erläuterte der Volkswirt und ermunterte die Maschinenbauer zum Export: „Der Weltmarkt stellt heute die entscheidende Größe dar, nicht der Heimatmarkt.“ Auf dem Weltmarkt aber haben die deutschen Maschinenbauer eine führende Positionen in fast allen Sparten erobert und profitieren von deutlich steigenden Umsätzen.

Dies gelte allerdings in erster Linie für Spitzentechnologie - bei wenig forschungsintensiven Erzeugnissen würden deutsche Unternehmen nur geringeres Wachstum verzeichnen und stärker unter der Konkurrenz aus Billiglohnländern leiden, erläuterte Prof. Straubhaar. Dies bedeute, dass der Anteil von hochqualifizierten Mitarbeitern zunimmt, wohingegen Arbeitsplätze für gering qualifizierte Menschen entfallen.

Ausdrücklich wandte sich Prof. Straubhaar gegen politische Schutzmechanismen für die deutsche Industrie. „Ein Weltmarktführer braucht keinen Schutz vor der Globalisierung, sondern eine gute Ordnungspolitik“, sagte der HWWI-Leiter, „Schutz vor der Globalisierung ist der Anfang vom Ende des Erfolgs.“

Globalisierung dürfte stärker werden

Für die Zukunft prognostizierte Prof. Straubhaar intensivere weltwirtschaftliche Verflechtungen. Dies führe zu einer stärkeren Spezialisierung in der internationalen Arbeitsteilung und damit zu einem intensiveren Standortwettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte und Kapital. Insbesondere Fachkräfte werden damit immer wichtiger: „Fachkräftemangel wird das Thema der nächsten 10 bis 20 Jahre bleiben“, prognostizierte der Volkswirt.

Chancen für Unternehmen sieht Prof. Straubhaar in einer Symbiose der klassischen Industrien mit neuen Dienstleistungen. Zu den klassischen Maschinenbauprodukten, von Präzisionsteilen bis zu Großanlagen oder Spezialanfertigungen, kämen neue Angebote hinzu: Forschung und Entwicklung, Planung, Management, Beratung, Kontrolle und Wartung seien einige Aufgabenfelder, die neue Absatzmöglichkeiten für deutsche Maschinenbauer bieten, so der HWWI-Leiter. Weitere Chancen ergäben sich auf neuen Märkten wie Gesundheit, Energie, Umwelt und Klima, Sicherheit oder Infrastruktur.

Maschinenbau ist Schlüsselbranche für gesamte Produktion

Als Schlüsselbranche für die industrielle Produktion sieht auch Prof. Fritz Klocke den Maschinenbau. „Wir müssen es dem Umfeld klar machen: Der Maschinenbau ist es, der die Produktion befähigt“, sagte der Lehrstuhlinhaber „Technologie der Fertigungsverfahren“ am Werkzeugmaschinenlabor (WZL) der RWTH Aachen und Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnologie (IPT).

Der Maschinenbau sei dabei Treiber für Produktivität, Innovationen, Exporte und Dienstleistungen zitierte er aus dem Abschlussbericht des Projekts „Engin Europe“ der EU-Kommission. Weil der Lohnkostenvorteil der Billiglohnländer in absehbarer Zeit nicht schrumpfen werde, müsse der Maschinenbau in Europa auf Forschung und Entwicklung sowie gut ausgebildete Fachkräfte setzen.

Deutsche Maschinenbauer gut positioniert

Den deutschen Maschinenbau sieht Prof. Klocke dabei gut positioniert. Die meisten Produkte seien komplex und würde dementsprechend in kleinen Serien oder einzeln gefertigt. „Der Maschinenbau in Deutschland ist gut platziert in einem Bereich, wo es auf das Besondere ankommt“, erläuterte der IPT-Leiter. Die Zeit der Massenfertigung sei hingegen in Hochlohnländern wie in Deutschland vorbei.

Für die Maschinenbauer gelte es, über die Technologieführerschaft zu einer Marktführerschaft zu kommen; das Wachstum durch Innovationen sei dabei mehr eine Frage der Qualität als der Quantität. „Wenn wir uns über Preise differenzieren wollen, haben wir ein Problem“, warnte Prof. Klocke, „wenn wir technisch führend sind, spielt der Preis eine geringere Rolle.“

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