Automobilcluster

Kompetenzbündelung durch gemeinsame Initiativen im Automobilbereich

23.11.2007 | Autor / Redakteur: Annedore Munde / Annedore Munde

Auf dem Weltstahlkongress im Oktober in Berlin verdeutlichte Prof. Dr. Anke Rita Pyzalla (rechts) die Forschungsansätze des Max-Planck-Instituts für Eisenforschung im Hinblick auf die neuen TWIP Stähle und deren Einsatz in der Automobilindustrie. Mitte: Prof. Dr. Georg Unland, Rektor der Technischen Universität Bergakademie Freiberg. Links: Moderator Tom Buhrow. Bild: Munde

Steigende Energiepreise setzen Autohersteller genauso unter Druck wie das Umdenken der Kunden. Immer leichter, immer schneller, immer sicherer und immer umweltbewusster soll ein Auto heute sein. Und natürlich bezahlbar. Um konkurrenzfähig zu sein und sich am Markt zu behaupten, suchen die Hersteller Verbündete. Automobilcluster heißt das Zauberwort.

Die Autoindustrie ist eine Schlüsselindustrie in Deutschland. Insgesamt hängt nach Aussage des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) jeder siebte Arbeitsplatz an dieser Industrie: Direkt beschäftigt sind rund 750 000 Mitarbeiter im Inland, davon über 325 000 in Zulieferunternehmen. Um für den globalen Wettbewerb gerüstet zu sein, greift die Branche auf gebündelte Netzwerk-Kompetenzen zurück.

Hersteller, Zulieferer und Forschungseinrichtungen finden sich in Clustern zusammen, mit dem Ziel, die Produktivität und die Innovationskraft zu stärken. Und auch die Politik möchte ein Wort mitzureden, legt sie doch letztendlich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen fest. Entsprechende Initiativen werden häufig von den Wirtschaftsministerien der Bundesländer gefördert oder sogar ins Leben gerufen. So entstand zu Beginn der 90er Jahre als erste die Verbundinitiative Automobil (VIA) in Nordrhein-Westfalen. Zu dieser Zeit entstanden in Deutschland und Europa zunehmend Automobilcluster, die weiter an Bedeutung gewinnen.

Inzwischen haben sich in nahezu allen Bundesländern Unternehmen zu entsprechenden Cluster-Projekten zusammengeschlossen. Zum Teil gliedern sich diese noch einmal in Mikrocluster auf, zum Teil bestehen weitere Netzwerke zusätzlich zu den Initiativen der Bundesländer. In Ostdeutschland haben sich die Verbünde zu einem übergeordneten Automobilcluster Ostdeutschland (ACOD) zusammengetan.

Eine Untersuchung des Wissenschaftszentrums Berlin hat zirka 30 Bundesländerinitiativen und Spezialisierungen innerhalb der Länder herausgearbeitet. Tendenz: weiter steigend. Dazu kommen Dachverbände wie der VDA und VDMA, die die Themen der Automobilbauer stützen. Die Ziele sind im Wesentlichen die Gleichen: Interessenvertretung und Kompetenzbündelung, um letztendlich den Standort zu stärken und technisch-innovative Schwerpunkte gemeinsam herauszuarbeiten und als Wettbewerbsvorteil zu nutzen.

Einzelaktivitäten und Kräftebündelung

Mit einer Vielzahl von Einzelaktivitäten werden die Mitglieder unterstützt, angefangen von Branchentreffs über Weiterbildungen bis hin zur Zusammenarbeit mit Politikern. Doch was kommt unter dem Strich dabei heraus? Zu den aktuell erfolgreichen Initiativen gehören laut VDA die Bayerische Innovations- und Kooperationsinitiative für die Automobilzulieferindustrie Baika, Automotive Saarland, die Automobilzulieferer-Verbundinitiative AMZ Sachsen, das Netzwerk Mahreg in Sachsen-Anhalt sowie der als Verband organisierte Automotive Thüringen e.V.

„Über Automotive Thüringen zum Beispiel haben Zulieferunternehmen Anfang des Jahres langfristige Lieferverträge mit Nutzfahrzeug- und Pkw-Herstellern abgeschlossen, die Investitionen in Höhe von rund 135 Mio. Euro und zusätzliche 300 Arbeitsplätze nach sich ziehen werden“, nennt VDA-Präsident Matthias Wissmann ein Ergebnis, welches durch das Cluster möglich wurde.

Flexible Netzwerke passen sich Marktbedingungen an

Die Netzwerke sind so flexibel und anpassungsfähig, wie Markt und Rahmenbedingungen es erfordern. „Aus der inzwischen beendeten Verbundinitiative in Nordrhein-Westfalen sind mittlerweile verschiedene andere Cluster entstanden, so der ebenfalls VIA genannte Verbund Innovativer Automobilzulieferer in Südwestfalen. Dort haben Mittelständler auf privater wirtschaftlicher Basis gemeinsam Unternehmen gegründet, die als Dienstleister für die Beteiligten fungieren“, so Wissmann.

Der Trend zur Clusterbildung im Automobilbereich ist ungebrochen. Neuestes Angebot an Automobilfirmen und Forschungseinrichtungen der Region Stuttgart ist Cars, die Clusterinitiative Automotive Region Stuttgart. Die Auftaktveranstaltung für Cars war im Juli dieses Jahres. Jetzt, wenige Monate danach, zählt das Netzwerk rund 350 Mitglieder – Akteure aus Wirtschaft und Wissenschaft, die sich an Projekte, Veranstaltungen und Firmenbesuchen beteiligen.

Mit dabei sind Institute der Universität Stuttgart, Fachhochschulen und Forschungseinrichtungen wie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt sowie einige regionale Kompetenz- und Innovationszentren. Natürlich beteiligen sich sehr viele Zulieferer, interessanterweise aber auch Unternehmen, die nur teilweise für die Automobilindustrie arbeiten und deren Kernkompetenz ansonsten eher in der Medizintechnik, Elektronik oder im Bereich neue Werkstoffe liegt. Gemeinsam mit fünf Zulieferunternehmen war die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH (WRS) in diesem Jahr erstmals auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt vertreten.

„Dieser Messeauftritt unter dem Dach der Region eröffnete unseren Unternehmenspartnern eine werbewirksame Präsenz auf diesem wichtigen Branchentreff“, sagt WRS-Geschäftsführer Dr. Walter Rogg. „Außerdem wollen wir Cars und die Region Stuttgart als weltweit bedeutenden Fahrzeugbaustandort und als Standort neuer Technologien und Dienstleistungen rund um das Thema Mobilität präsentieren.“

Bekenntnis für den Standort Deutschland

Die Clusterbildung ist für den VDA-Präsidenten Wissmann letztendlich auch ein Bekenntnis für den Standort Deutschland: „Ohne jeden Zweifel, das Ziel regionaler Cluster ist es vor allem, die Innovationskraft zu stärken und damit Beschäftigung in dieser Schlüsselindustrie zu sichern. Zwar ist die positive Wirkung von Innovationsnetzwerken auf die Beschäftigung in den einzelnen Regionen bislang nicht exakt statistisch nachweisbar, allerdings unterstreicht der Wachstumskurs einzelner Clusterinitiativen diese positive Entwicklung im Zuge der jeweiligen Projektträgerschaft. Zudem hat die Beschäftigung insgesamt in der Zulieferindustrie in den vergangenen zehn Jahren deutlich zugenommen. Gleichzeitig konnten die Innovationskraft und die technologischen Kompetenzen gerade der mittelständischen Unternehmen stärker in das Bewusstsein der Entwicklungs- und Einkaufsbereiche der Fahrzeughersteller verankert werden.“

Wichtiger Bezugspunkt der Netzwerkbildung sei stets die Einbeziehung der Automobilhersteller, möglichst in direkter Form. „Gerade bei regionalen Clustern ist die Orientierung innovativer Entwicklungen und Fortschritte an den Bedürfnissen des Kunden unabdingbar. Alle deutschen Automobilhersteller sind daher entsprechend in Initiativen einbezogen.“

Zum Teil forcieren die Hersteller auch die Netzwerkbildung selbst, unabhängig von regionalen Initiativen. Ziel aus Sicht der Hersteller ist stets auch die Entwicklung technologischer Kompetenzen. Gerade aus dem Premiumanspruch der deutschen Marken ergibt sich also ein Interesse an innovationsstarken Netzwerken. Für Systemlieferanten spielt diese Konstellation zudem beim Outsourcing von Produktions- oder Entwicklungsleistungen eine zunehmende Rolle.

Forschungskapazitäten frühzeitig einbinden

Ob Materialentwicklung oder Lieferantennetzwerk – die Autobauer denken global und langfristig. Bereits frühzeitig werden in die jeweiligen Initiativen Forschungskapazitäten von regionalen Universitäten oder Instituten einbezogen. Jüngstes Beispiel ist die Entwicklung des sogenannten TWIP-Stahls (Twinning Induced Plasticity) am Max-Planck-Institut für Eisenforschung in Düsseldorf. Im Falle eines Aufpralls aktiviert der Stahl seine Dehnungsreserve und beginnt sich zu verformen. Die Merkmale dieser neuen Stahlsorte: Zum einen sehr dehnbar, um einen möglichst großen Anteil der Aufprallenergie in Verformung umwandeln zu können, zum anderen trotzdem ausreichend fest, um die Fahrgastzelle zu stabilisieren. Professor Dr. Anke Rita Pyzalla, die die Forschungsarbeiten leitet, rechnet damit, dass der Stahl in wenigen Jahren in der Automobilindustrie eingesetzt wird.

Auch Claus Wuppermann, Geschäftsführer des Stahlinstitutes des Vereines Deutscher Eisenhüttenleute VDEh, begrüßt die zunehmende Bildung von Clustern oder Forschungskonsortien. „Die Themen der Forschung betreffen heute nicht mehr einen einzelnen Bereich, sondern sind, wie beispielsweise in der Automobilindustrie, Themen übergreifend. Für Stahl ist das in zunehmendem Maße außer der eigentlichen Herstellung des Werkstoffs auch dessen Verarbeitung und letztendlich die geeignete Verbindung mit anderen Komponenten.“

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