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ISO 9001:2015

Qualitätsmanagement im Wandel

| Autor / Redakteur: Benedikt Sommerhoff / Robert Horn

Die Revision ISO 9001:2015 wurde im September 2015 veröffentlicht. Dadurch haben Unternehmen mehr Spielräume bei der Anpassung ihres Qualitätsmanagements an die Herausforderung Industrie 4.0.
Die Revision ISO 9001:2015 wurde im September 2015 veröffentlicht. Dadurch haben Unternehmen mehr Spielräume bei der Anpassung ihres Qualitätsmanagements an die Herausforderung Industrie 4.0. (Bild: Coloures-pic - Fotolia)

Die letzte Aktualisierung der Qualitätsmanagementnorm ISO 9001 beflügelt den Wandel des Berufsbildes der Qualitätsmanager. Denn mit der Neuauflage ist die Funktion eines Beauftragten der obersten Leitung nicht mehr zwingend vorgeschrieben.

Die Norm weist die Verantwortung für das Qualitätsmanagement der obersten Leitung zu. Gleichzeitig gehen auch mit der Industrie 4.0 neue Herausforderungen für die Qualitätsbeauftragten einher. So müssen Unternehmen ihre Prozesse und Strukturen entlang der gesamten Wertschöpfungskette im digitalen Zeitalter neu definieren – eine Notwendigkeit, die auch den Bereich der Qualitätssicherung stark beeinflusst. Sie werden zudem agiler, müssen häufiger und intensiver Veränderungsprojekte angehen. Doch was genau bedeuten all diese Transformationen für Qualitätsexperten?

Experten weiterhin benötigt

Obwohl die Funktion von Qualitätsmanagementbeauftragten nicht mehr gefordert ist, bleibt ein wirkungsvolles Qualitätsmanagement für den unternehmerischen Erfolg unabdingbar. Denn besonders im Zeitalter komplexer Produkte und vernetzter Prozesse ist es für Unternehmen von zentraler Bedeutung, qualitätsfähig zu bleiben. ISO 9001:2015 eröffnet dabei vielseitige Möglichkeiten für die Neupositionierung der Qualitätsmanager in den Unternehmensstrukturen und -prozessen.

So benötigen Geschäftsleitung und Führungskräfte auch weiterhin Experten für die Aufgaben der Qualitätssicherung und der Managementsystemgestaltung, die unter den ansteigenden Veränderungsprozessen zunehmend zur organisationsentwicklerischen Aufgabe wird. Versteht man Organisationsentwicklung als gestalterische Aufgabe zur Maximierung der Ergebnisfähigkeit des Unternehmens, bedeutet Qualitätsmanagement die Optimierung der Qualitätsfähigkeit als wichtigen Teilaspekt auch der wirtschaftlichen Ergebnisfähigkeit. Qualitätsmanager agieren dabei zukünftig mehr und mehr als Organisationsentwickler, als Berater der Leitungsebene – eine Funktion, in der ihnen eine wichtige Rolle als Impulsgeber zukommen wird.

Darüber hinaus haben eher technisch orientierte Qualitätsexperten, meist Qualitätsingenieure, einen umfassenden Überblick über die gesamte Entwicklung und Produktion. Sie unterstützen ihre Kollegen dort, indem sie die Qualität des Produktdesigns und die Qualität der Leistungsprozesse abzusichern helfen, damit Produktqualität entstehen kann.

Die unterschiedlichen Rollen, einmal als strategisch denkender und systemgestaltender Organisationsentwickler, ein anderes Mal als technisch und methodisch versierter Qualitätssicherer und -ingenieur, sind schwierig in einer Person zu vereinen. Denn für diese sehr unterschiedlichen Aufgaben bedarf es auch sehr unterschiedlicher Typen: einerseits des Typus interner Berater mit Veränderungsprojekterfahrung, der auf Augenhöhe mit hochrangigen Führungskräften und externen Beratern agiert; andererseits versierter, akribischer Ingenieure mit Bodenhaftung.

In kleinen und mittelständischen Unternehmen wird es hier eher keine zwei Qualitätsmanager geben, so er oder sie entweder die organisationsentwicklerische oder die qualitätssichernde Rolle übernimmt. Die jeweils andere Rolle übernehmen andere Kollegen. Die gestalterischen Aufgaben übernimmt dann jemand aus der Leitung, Aufgaben der Qualitätssicherung lassen sich sehr gut bei Linienführungskräften und Prozesseignern ansiedeln.

Herausforderung Industrie 4.0: Qualitätsmanager sollten intensiv in die Automatisierungs- und Digitalisierungsprozesse eingebunden sein.
Herausforderung Industrie 4.0: Qualitätsmanager sollten intensiv in die Automatisierungs- und Digitalisierungsprozesse eingebunden sein. (Bild: Coloures-pic - Fotolia)

Herausforderung Industrie 4.0

Besonders Industrie 4.0 bringt neue Anforderungen für Qualitätsingenieure mit sich. Grundlage der Fabrik der Zukunft sind dabei eine weitreichende, intelligente Vernetzung und der folgende erneute Automatisierungsschub. Die Automatisierung erreicht auch die Qualitätssicherung sowohl hinsichtlich Mess­tätigkeiten als auch hinsichtlich planerischer Aufgaben sowie der Fehler- und Fehlerursachenanalyse. Eine wesentliche Aufgabe besteht in diesem Fall also darin, Big Data in Smart Data zu transformieren. Zunehmend werden auch Techniken der Simulation zum Einsatz kommen. So lässt sich die spätere Nutzung eines noch nicht physisch existierenden Produktes durch den Kunden simulieren, um Qualitätsanforderungen besser zu verstehen.

Auch spätere Eigenschaften und Funktionen lassen sich durch Simulation verstehen. Sie kann ebenfalls die Erstbemusterung physischer Produkte ersetzen und auf diese Weise Freigaben beschleunigen und verbilligen. Dafür sind jedoch einschlägige Fachkenntnisse erforderlich. Vor allem IT-nahe Qualifikationen und tiefes Prozess-Know-how sind dabei entscheidend. Um die Potenziale von Industrie 4.0 voll auszuschöpfen und eine effektive Qualitätssicherung zu gewährleisten, müssen Unternehmen schnell reagieren und entsprechende Maßnahmen einführen. Dabei ist ein hohes Maß an Integration notwendig, bei der es auch darauf ankommt, die Qualitätsmanager von Anfang an intensiv in die Automatisierungs- und Digitalisierungsprozesse einzubinden.

Fachliche und soziale Kompetenzen stärken

Das Zusammenspiel aus Industrie 4.0 und der ISO-Revision stellt Unternehmen vor die Herausforderung, ihr gesamtes Qualitätsmanagementsystem von Ballast zu befreien und auf die aktuelle Situation maßzuschneidern. Die Revision gibt dafür mehr Spielräume als zuvor. Gezielte Qualifizierungsprogramme können dabei einen zentralen Beitrag dazu leisten, die neu gestellten Aufgaben zu meistern und die Berufsgruppe der Qualitätsmanager erfolgreich neu zu positionieren. Das bedeutet für sie, nicht nur ihr fachliches Wissen, sondern auch ihre sozialen Kompetenzen auszubauen und zu vertiefen.

Die Deutsche Gesellschaft für Qualität begleitet die Transformationen im Qualitätsmanagementbereich und steht Qualitätsexperten beratend zur Seite. Mit einem breiten Weiterbildungsangebot ermöglicht sie es den Teilnehmern, ihr Wissen in der digitalen Ära zu erweitern, größere Sicherheit in der Analyse von Sachverhalten zu erlangen und so die richtigen Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig unterstützt sie die Qualitätsmanager dabei, in ihrer neuen Rolle noch sicherer und souveräner zu agieren – sowohl im Hinblick auf eine wirkungsvolle Positionierung im Unternehmen als auch bei der Stärkung ihrer Rolle gegenüber der Geschäftsführung, anderen Führungskräften und den operativen Bereichen. MM

* Dr. Benedikt Sommerhoff ist Maschinenbauingenieur und Abteilungsleiter der Deutschen Gesellschaft für Qualität e.V. (DGQ) in 60433 Frankfurt am Main, Tel.: (0 69) 9 54 24-0, info@dgq.de

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