28.09.2006 | Redakteur: MM
Schneller zum eigenen Patent durch Wettebewerbs-Umgehung. Angesichts einer zunehmenden Anzahl von technischen Schutzrechten (Patente, Gebrauchsmuster) wird die Entwicklung neuer Produktideen für...
Schneller zum eigenen Patent durch Wettebewerbs-UmgehungAngesichts einer zunehmenden Anzahl von technischen Schutzrechten (Patente, Gebrauchsmuster) wird die Entwicklung neuer Produktideen für Unternehmen immer schwieriger. Um diesen Schwierigkeiten entgegenzuwirken hat die Fraunhofer TEG in Stuttgart ein Leistungspaket entwickelt, mit dem hemmende Patente von Wettbewerbern umgangen werden können. Höchst erfreulich ist, dass findige Köpfe im Land nicht nur in den großen Forschungslabors der Industrie sitzen, sondern auch im Gewerbegebiet um die Ecke. Allerdings musste sich schon so manches kleine oder mittelständische Unternehmen (KMU) in Sachen Erfindertum auf einem Nebenschauplatz geschlagen geben.Und zwar immer dann, wenn die Tüftler bei der Umsetzung eines innovativen Produkts oder eines Verfahrens auf bereits bestehende Patente stoßen, welche die gesamte Entwicklung blockieren. Die einzige Lösung ist in solchen Fällen nur der Erwerb einer teuren Lizenz. Doch es geht auch anders. Wenn sich ein Unternehmen bei der Entwicklung eines neuen Produkts teure Lizenzgebühren sparen will, kann es das bestehende Patent durch eine verbesserte Lösung umgehen. Allerdings verfügen viele Unternehmen, darunter vor allem KMU, häufig nicht über das notwendige Potenzial für eine solche Weiterentwicklung.Gerade in kleinen Betrieben mangelt es an PotenzialDenn die kostet nicht nur Zeit und Geld, sondern erfordert auch Experten-Wissen etwa im Bereich Technik und Patentrecht. Aus diesem Grund bietet die Fraunhofer TEG zusammen mit erfahrenen Juristen die Durchführung von Patentumgehungen an. Ziel ist dabei, keine Imitation auf den Markt zu bringen, sondern Technik und Idee des bestehenden Patents zu nutzen, zu optimieren und so ein verbessertes Produkt zu entwickeln (Bild 1). Und dazu bedienen sich die Stuttgarter Ingenieure einer speziellen Ideenfindungsmethodik - des morphologischen Umkehrprozesses.Die einfachste Form der Analyse ist das zweiachsige Ideen-Modell, auch morphologischer Kasten genannt. Bei dieser Vorgehensweise werden die wichtigsten Parameter eines Produktes oder einer Leistung auf der einen Achse und die verschiedenen Varianten dieser Parameter auf der anderen Achse festgehalten. Aus der Kombination jeder Variablen einer Kolonne mit jeder anderen ergibt sich schließlich eine Vielzahl unterschiedlicher Gesamtlösungen.Dieses Vorgehen macht sich die Fraunhofer TEG bei einer Patentumgehung in umgekehrter Form zunutze. Dafür werden ein oder mehrere bereits bestehende Patente in ihre jeweiligen Parameter zerlegt und in einen morphologischen Kasten eingetragen. Anschließend werden die Eigenschaften beziehungsweise die Ausprägungen dieser Parameter herangezogen. Als Vorteil dieser Methode gilt, dass vorhandene Schwachstellen des bestehenden Patents herausgefiltert und bei der Schaffung einer neuen Lösung eliminiert werden können.Bevor es jedoch an die morphologische Aufbereitung geht, werden in einem Workshop gemeinsam mit den Mitarbeitern des auftraggebenden Unternehmens, die wichtige Know-how-Träger sind, die Zielvorstellungen und Anforderungen an ein neues Produkt festgelegt und die konkrete Problemstellung definiert. Anschließend wird das Gesamtproblem in mehrere Teilprobleme zerlegt. Gleichzeitig recherchieren die Experten in verschiedenen Informationsquellen, die zur Lösung des Problems beitragen können. Im nächsten Schritt werden die bekannten Lösungen auf Schwachstellen untersucht, um diese später in der Entwicklung zu eliminieren.Aus den extrahierten Anforderungen wird dann gemeinsam mit den Mitarbeitern eine Art Idealvorstellung des neuen Produkts entwickelt. Diese wird eventuell noch einmal anhand verschiedener Analyse-Methoden wie QFD, Lead-User-Befragung oder Wettbewerbsvergleich auf die aktuellen Ansprüche der Marktteilnehmer überprüft und modifiziert.Im Ergebnis erhält der Kunde eine konkrete Aufgabenstellung, die bezüglich des Entwicklungsprodukts und seiner Technologie den Zweck, den die beabsichtigte Lösung erfüllen muss, die Eigenschaften, die sie aufweisen muss und die Eigenschaften, die sie nicht aufweisen darf, beinhaltet. Ist die Aufgabenstellung derart konkretisiert, beginnt die Ideengenerierung mit Hilfe der morphologischen Analyse. Alle Teilnehmer haben dabei Gelegenheit, seine Ideen vorzutragen und zu diskutieren. Durch die Wahl einer neutralen Umgebung erhöht sich das Kreativitätspotenzial.In erster Linie sehen die TEG-Ingenieure ihre Aufgabe in der Moderation des Projektes. Dass die Vorgehensweise vielversprechend ist, zeigen positive Resultate in der Praxis der vergangenen Monate - wie beispielsweise das Projekt bei der MTS MessTechnik Schwartz GmbH in Düsseldorf. MTS produziert Sensoren für die Prozess- und Chemie-Industrie und steht darüber hinaus mit Konzepten, Ideen und Lösungen im Rahmen der Prozessinformationstechnologie zur Seite. Das Unternehmen wurde 1989 gegründet und beschäftigt heute 37 Mitarbeiter. Zur Entwicklung eines speziellen Partikel-Messgerätes suchte die Firma den Rat der Fraunhofer TEG. Dort stieß man bislang nur auf bereits geschützte Erfindungen die den Rahmen für die Neu-Entwicklung erheblich einengten.Die Stuttgarter Ingenieure veranstalteten zunächst einen Workshop, um gemeinsam mit den Mitarbeitern von MTS aus den Bereichen Geschäftsführung, Entwicklung, Anwendungstechnik und Marketing die Problemstellung genau zu definieren. Dabei wurden auch Vorschläge erarbeitet. Diese wurden sodann in der Entwicklungsabteilung bei MTS auf ihre technische Machbarkeit überprüft und anschließend in einem weiteren Workshop einer so genannten Patentbewertung unterzogen.Da es sich dabei um einen längeren Prozess handelt, sollte die Patentbewertung beziehungsweise die -an-meldung so bald wie möglich erfolgen, um so den Wettbewerbsvorteil frühzeitig abzusichern. Eine Beurteilung darüber, ob ein Produkt schutzwürdig ist oder nicht, kann allerdings nur ein Patentanwalt durchführen. Deshalb arbeitet Fraunhofer TEG mittlerweile mit mehreren Patentanwälten zusammen. Ziel ist es, dem auftraggebenden Unternehmen die gesamte Leistung von der Ideenfindung über die Entwicklung bis hin zur Patentbewertung aus einer Hand anbieten zu können. MTS konnte auf diese Weise ein neues Gerät realisieren, das sowohl patentierfähig ist als auch dem Unternehmen erhebliche Wettbewerbsvorteile verspricht.
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 0)