Women Power

Familienbewusstsein kontra Fachkräftemangel

13.04.2007 | Redakteur: Annedore Munde

Ursula von der Leyen fordert mehr Chancengerechtigkeit. Bild: BMFSFJ

Bundesministerin Dr. Ursula von der Leyen engagiert sich für die familiären Rahmenbedingungen, die eine Chancengleichheit der Geschlechter hinsichtlich Berufstätigkeit ermöglichen sollen. So war sie Schirmherrin des Fachkongresses Women Power, der am 20. April bereits zum vierten Mal zur Hannover-Messe stattfand. Wir sprachen mit der Ministerin darüber, was Wirtschaft und Politik leisten können.

MM: Der Fachkongress Women Power, dessen Schirmherrin Sie sind, findet bereits zum vierten Mal auf der Hannover-Messe statt. Ist diese Plattform geeignet, das Thema „Berufstätigkeit und Chancengleichheit für Frauen“ zu kommunizieren?

von der Leyen: Die Hannover-Messe als weltgrößtes Technologiemesse und Treffpunkt der Entscheider der deutschen Industrie bietet einen idealen Rahmen für einen Kongress wie Women Power. Die Messe setzt wirtschafts- und gesellschaftspolitische Trends. Das Thema „Frau und Beruf“ findet hier das entsprechende Gehör, denn angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels kann die deutsche Wirtschaft schon lange nicht mehr auf das Potenzial qualifizierter Frauen verzichten. Familienfreundlichkeit muss zum Markenzeichen der deutschen Wirtschaft werden.

Die Konferenz Women Power präsentiert Vorbilder - Frauen aus Politik und Wirtschaft, die in Führungspositionen arbeiten, aber ebenso Unternehmer, die das Thema Chancengerechtigkeit in ihrer Unternehmenskultur bereits fest verankert haben.

MM: Die Frage „Kind oder Karriere“ hatten bisher vornehmlich Frauen für sich zu beantworten. Hat sich mit der Einführung von Elterngeld und „Vätermonaten“ sowie der Forderung nach einer Verdreifachung der Kinderbetreuungsplätze etwas daran geändert?

von der Leyen: Junge Männer, die sich in Deutschland für eine aktive Vaterrolle entscheiden, befürchten – gerade auch in ihrem beruflichen Umfeld und von ihren Vorgesetzten –, dafür als „Weicheier“ verspottet zu werden. Die tradierten männlichen Rollenmuster sehen den fürsorglichen Vater oder den pflegenden Sohn nicht vor.

Dieser Blickwinkel ändert sich. In Skandinavien haben die Partnermonate beim Elterngeld dazu beigetragen, die starren Rollen – im Sinne vieler junger Männer, die gern aktive Väter wären - zu verändern. Es steht nicht mehr die Frage im Vordergrund, was mit Kindern alles nicht geht – sondern die Frage ist, wie wir Strukturen schaffen können, dass Erziehende und ihre Kinder in die Mitte der Arbeitswelt ihren Platz haben und Chancen bekommen Führungspositionen zu besetzen. Das gilt für die Väter gleichermaßen wie für die Mütter.

MM: Geburtenknick und Fachkräftemangel kontra Wirtschaftwachstum. Wird ein höherer Anteil berufstätiger Frauen helfen, diese Probleme abzubauen?

von der Leyen: Die Tatsache, dass wir auf einen deutlichen Fachkräftemangel zusteuern, erhöht den Veränderungsdruck für die Wirtschaft. Die Frage nach den Potenzialen der Älteren, der Migranten und Frauen rückt in den Mittelpunkt.

Und da junge Menschen sich Kinder wünschen, wird ein Unternehmen für sie nur attraktiv sein, wenn es eine familienbewusste Arbeitskultur entwickelt hat. Nur wer das tut, hat im Wettbewerb um die besten Kräfte die Nase vorn. Vielen Unternehmen wird jetzt erst klar, wie wichtig es für eine Gesellschaft ist, gut ausgebildete Frauen zu haben, die Verantwortung übernehmen und auch Kinder bekommen möchten. Genauso wichtig ist aber auch, Vätern Raum und Zeit für ihre Aufgaben in der Familie zu schaffen.

Andere Länder, wie etwa Frankreich und Skandinavien, haben diese Debatten bereits vor 15 oder 20 Jahren geführt. Die Zahlen geben ihnen heute recht: bei einer höheren Frauenerwerbsquote werden in Frankreich und Skandinavien mehr Kinder als bei uns geboren, die Kinderarmut ist geringer und die Bildungswerte der Kinder sind besser.

Dagegen hat die Familienpolitik in Deutschland lange das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zur Privatsache erklärt. 40% der jungen Frauen kehren nach der Geburt ihres Kindes nicht mehr in den Beruf zurück, aber 9 von 10 Frauen mit Kindern bis 9 Jahre möchten arbeiten. Wir bezahlen diese Atmosphäre der Unvereinbarkeit von Kinderwünschen und Berufswünschen mit dem hohen Preis der Kinderlosigkeit.

MM: In der öffentlichen Diskussion ist immer von Programmen die Rede, die Chancengleichheit für Frauen herstellen können. Sollte es nicht eher Programme für Firmen geben, die das veränderte Rollenverhalten zwischen Mann und Frau und somit emanzipierte Männer unterstützen?

von der Leyen: Manche Firmen haben noch enorm tradierte Rollenmuster und Arbeitsstrukturen. Es sind Arbeitsstrukturen, die viel zu stark darauf pochen, dass die Qualität der Arbeit nicht am Ergebnis sondern an Dauerpräsenz gemessen wird.

Aber ich erlebe zum Glück immer mehr Firmen, die hellwach sind. Sie entwickeln inzwischen eine hohe Aufmerksamkeit wie sie die Balance von Beruf und Familie für Frauen und Männern herstellen können.

Die Politik und die Wirtschaft sind da Partner. Um die Unternehmen praktisch zu unterstützen, haben wir gemeinsam mit den Wirtschaftsverbänden das Unternehmensnetzwerk „Erfolgsfaktor Familie“ gegründet. Ein Netzwerkbüro beim DIHK bietet den bereits mehr als 500 Mitgliedern einen enormen Transfer an Wissen an. Chefs und Personalverantwortliche können auf ganzen Fächer von Bausteinen für mehr Familienfreundlichkeit zurückgreifen - und das maßgeschneidert für die jeweilige Branche und Betriebsgröße.

Das Netzwerk ermöglicht jedem interessierten Unternehmen den Zugriff auf das notwendige Know-how und den direkten Austausch mit anderen Unternehmen, die bereits gute Erfahrungen gemacht haben.

MM: Vieles von dem, was Sie einfordern, existierte in den neuen Bundesländern vor der politischen Wende ganz selbstverständlich. Kann Ihr Blick nach vorn auch ein Blick zurück auf ehemals Bewährtes sein?

Von der Leyen: Wir sollten, wenn wir nach familienpolitischen Lösungen suchen, sehr genau hinsehen, was zu welcher Zeit wie und aus welchen Gründen gemacht worden ist. Diese notwendige Differenziertheit vermisse ich manchmal in der öffentlichen und auch politischen Diskussion. Wenn wir ins europäische Ausland schauen, gibt es viele gute Beispiele, von denen wir lernen können.

Aus diesem Grund haben wir, um den Informations- und Meinungsaustausch in familienpolitischen Fragen in Europa zu verstärken, im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft gemeinsam mit der Kommission und den Mitgliedsstaaten eine Europäische Allianz für Familien angeregt. Diese Allianz hat das Ziel, den Lebensraum und Wirtschaftsstandort Europa zu stärken durch Zusammenarbeit von Politik und Wirtschaft, die es den jungen Menschen leichter machen will, sich für ein Leben mit Kindern zu entscheiden.

Das Interview führte MM-Redakteurin Annedore Munde

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