Produktpiraterie Alles nur geklaut

Redakteur: Stéphane Itasse

Für deutsche Maschinenbauer wird die Produktpiraterie mehr und mehr zum Wettbewerbsnachteil. Denn nicht nur Markenartikel werden weltweit gefälscht. Auch Industrieprodukte – bis hin zur kompletten Maschine – sind in die Fänge der zumeist fernöstlichen Plagiatoren geraten. Und immer mehr Maschinenbauern geht dieser „Kopierwettbewerb“ an die Substanz.

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Rainer Hundsdörfer, Weinig-Gruppe: „Die Kopien werden immer besser. Auf Messen muss man schon genau hinsehen, ob es ein Original oder eine Kopie ist.“
Rainer Hundsdörfer, Weinig-Gruppe: „Die Kopien werden immer besser. Auf Messen muss man schon genau hinsehen, ob es ein Original oder eine Kopie ist.“
( Archiv: Vogel Business Media )

Einkaufen kann durchaus auch stressig sein – insbesondere auf dem berüchtigten „Fake-Markt“ an der Shanghaier Nanjing-Straße. Nach Sekunden ist der arglose Tourist von einer Schar geschäftstüchtiger Verkäufer umlagert, die ihm lautstark „Bags, Watches, DVDs“ offerieren. Ob Tasche, Uhr oder „Silberscheibe“: Zwar ist alles – heftiges Feilschen vorausgesetzt – spottbilig, doch weder der Rolex-Chrono noch der Aktenkoffer von Louis Vuitton sind echt.

Und die DVDs für ein paar Yüan erweisen sich als schnöde Raubkopien mehr oder minder aktueller Hollywood-Streifen. Die regierungsoffiziellen Banner, die über dem bunten Marktgeschehen flattern und mahnen, man möge geistiges Eigentum respektieren, wirken vor dieser Kulisse wie Realsatire.

25 bis 30 Mrd. Euro Schaden

So manchem Schnäppchenjäger aber dürfte das Lachen im Halse stecken bleiben, würde er die Folgen seines Handels kennen. Allein der deutschen Wirtschaft entsteht durch gefälschte Markenartikel ein jährlicher Schaden von 25 bis 30 Mrd. Euro, was den Wegfall von rund 70000 Arbeitsplätzen zur Folge habe, so der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). „Es gibt kaum ein Unternehmen, das in Deutschland nicht mit diesen Phänomen zu kämpfen hat“, ist Doris Möller vom Aktionskreis Deutsche Wirtschaft gegen Produkt- und Markenpiraterie (APM) in Berlin überzeugt.

Zwischen 7 und 10% des Welthandels werden nach Meinung der EU-Kommission mit Plagiaten bestritten bei einem volkswirtschaftlichen Schaden von 200 bis 300 Mrd. Euro im Jahr. Dabei lassen es die modernen Raubritter keineswegs mit dem Nachahmen oder Fälschen von Konsumgütern bewenden. Immer mehr geraten Industrieprodukte in den Fokus der Plagiatoren. Diese Produkte werden teilwese exakt nachgeahmt und weltweit angeboten – zu meist erheblich günstigeren Preisen als die Originale, weil sich die Fälscher die enormen Kosten für Forschung und Entwicklung sparen.

Produktpiraterie hat dramatisch zugenommen

Wie dramatisch die Situation inzwischen ist, zeigt eine aktuelle Umfrage des VDMA. Danach gaben zwei Drittel der 565 befragten Unternehmen an, von Produktpiraterie betroffen zu sein. Im Jahr 2003 waren es „nur“ 50% gewesen. 77% äußerten die Überzeugung, dass die Bedrohung durch Produktpiraterie in den letzten drei Jahren spürbar zugenommen habe; und 30% der befragten VDMA-Mitglieder beziffern den Jahresumsatzverlust durch Plagiate auf 5% und mehr.

„Dies bedeutet eine Zunahme der Schädigung gegenüber der Untersuchung von 2003 um etwa 2%“, diagnostiziert VDMA-Präsident Dr. Dieter Brucklacher. Rund 50% der Unternehmen befürchteten, so Brucklacher, „mittelfristig Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit“.

Fälschungen mit immer besserer Qualität

Denn mit dem Kopieren von Maschinenkomponenten oder Ersatzteilen geben sich viele Produktfälscher schon lange nicht mehr ab. In 43% aller Fälle wurden komplette Maschinen nachgebaut. „Die Kopien werden immer besser“, weiß Rainer Hundsdörfer aus eigener Erfahrung. „Auf Messen muss man schon genau hinsehen, ob es ein Original oder eine Kopie ist“, berichtete das Vorstandsmitglied der Michael Weinig AG beim letzten VDMA-Maschinenbau-Gipfel in Berlin.

Der Tauberbischofsheimer Hersteller von Maschinen und Anlagen für die Massivholzbearbeitung steht unter erheblichem Konkurrenzdruck aus China und Taiwan und sieht sich parallel dazu mit Nachahmungen und Nachbauten aus dem Reich der Mitte konfrontiert. „Alle Wettbewerber kopieren die Weinig-Produkte ohne Hemmungen“, so Hundsdörfer. „Und sie haben kein Schuldbewusstsein beim Kopieren. Wettbewerber zeigen Weinig stolz die Kopie, erwarten Beifall und Rat.“

Kopien mit minderwertiger Technik

Oft wird zwar das Design des Originals übernommen, nicht aber die Technik. „Das Risiko für denjenigen, der dieses Produkt erwirbt, ist außerordentlich groß, weil er nämlich glaubt, Qualität zu kaufen, aber letztlich nur mindere Ware erwirbt“, warnt VDMA-Präsident Brucklacher.

In vielen Fällen sind die Plagiate für den Nutzer sogar gefährlich, wie man in der deutschen Werkzeugbranche weiß, die schon seit Jahren gegen eine Flut von Billigerzeugnissen aus fernöstlicher Produktion ankämpfen muss. „Wir mussten feststellen, dass verstärkt auch Verpackungen und Produktbeschriftungen 1:1 nachgemacht werden“, erläutert Rainer Langelüddecke, Geschäftsführer des Fachverbandes Werkzeugindustrie (FWI) in Remscheid. Teilweise würden sogar Kennzeichnungen wie „grundsolide deutsche Werkzeuge“ von den Plagiatoren kopiert. Sogar vor Prüfzeichen und Eichstempeln schreckt man in der Szene nicht zurück. „Dies kann für den Anwender lebensgefährliche Folgen haben“, so Langelüddecke.

Waren die Kopisten früher vorwiegend süd- oder südöstlich der Alpen zuhause, so stehen die Fälscherwerkstätten heute primär im Reich der Mitte. 70% der vom VDMA befragten Mitglieder nannten China als Ursprungsland der Nachbauten. Auf Platz 2 landet Taiwan, gefolgt von Italien und Korea. Vermarktet wird zwar weltweit, doch auch als Absatzmarkt für „Fakes“ führt die Volksrepublik die Hitliste an.

Industrieverbände gehen an die Öffentlichkeit

Immerhin hat die chinesische Regierung das Problem erkannt und hat im Zuge des WTO-Beitritts entsprechende Mechanismen zum Schutz geistigen Eigentums geschaffen. Dennoch sei man mit der Anpassung des chinesischen Rechtssystems auf einem vergleichsweise niedrigen Level gestartet, weshalb es Jahre oder gar Jahrzehnte dauern werde, bis hier annähernd westliche Standards erreicht seien, ist Wolfgang Haag von der Beratungsfirma A.T. Kearney übezeugt.

Deutschen Unternehmen rät er, den Schutz der geistigen Eigentumsrechte in die eigene Geschäftsstrategie zu integrieren. Denn nur wer Patente oder Markenrechte hält, kann sich auf den Rechtsweg gegen Verstöße wehren.

Auch die großen Industrieverbände versuchen Mitglieder und Öffentlichkeit für das Thema Produktpiraterie zu sensibilisieren. So haben VDMA, ZVEI und der Europäische Verband der Metall- und Elektroindustrie (Orgalime) entsprechende Flyer und Broschüren herausgebracht und sind auf großen Messen mit Juristen vor Ort, die von Produktpiraterie Betroffenen rechtlichen Beistand geben können.

Auch der Ausstellungs- und Messe-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (Auma) hat Leitfäden publiziert, die Unternehmen zeigen, wie sie erfolgreich gegen Plagiate auf Messen vorgehen können. Rainer Hundsdörfer, Weinig-Gruppe: „Die Kopien werden immer besser. Auf Messen muss man schon genau hinsehen, ob es ein Original oder eine Kopie ist.“

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