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Rente mit 63

Altes Eisen? Dringend benötigte Fachkraft!

| Autor: M.A. Frauke Finus

Die Zeiten, als es hieß, mit 55+ gehöre man zum alten Eisen und sei damit uninteressant, sind vorbei. Unternehmen sind vor dem Hintergrund der alternden Gesellschaft und zu wenig qualifiziertem Nachwuchs darauf angewiesen, ältere Kollegen so lange wie möglich an sich zu binden. Eine Absenkung des Renteneintrittsalters auf 63 Jahre lässt diese Aufgabe noch schwieriger werden. Verschiedene ergnonomische Ansätze können helfen.

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Der demografische Wandel ist voll im Gang: Die deutschen Belegschaften werden immer älter und es mangelt an jungem Nachwuchs. Deshalb ist es wichtig, ältere Kollegen so lange wie möglich an das eigene Unternehmen zu binden.
Der demografische Wandel ist voll im Gang: Die deutschen Belegschaften werden immer älter und es mangelt an jungem Nachwuchs. Deshalb ist es wichtig, ältere Kollegen so lange wie möglich an das eigene Unternehmen zu binden.
(Bild: Bosch)

In Zeiten des demografischen Wandels wird es immer wichtiger, ältere Mitarbeiter möglichst bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter oder sogar darüber hinaus im Unternehmen zu halten. Oft fehlt dank Fachkräftemangel der Nachschub für qualifiziertes Personal. Wird das Rentenalter auf 63 abgesenkt, verschärft sich diese Problematik noch weiter. Nur jeder zweite Arbeitnehmer kann sich vorstellen, unter den derzeitigen Arbeitsbedingungen bis zum Rentenalter standhalten zu können (Bild 1). Das belegt eine Befragung des DGB-Index Gute Arbeit. Tatsächlich bleibt sogar nur etwa jeder Zehnte bis zum gesetzlichen Rentenalter im Beruf. So stehen Unternehmen der Herausforderung gegenüber, das Verrichten der Aufgaben im Arbeitsalltag auch für Kollegen über 63 attraktiv zu gestalten. Verschiedene Hilfsmittel, ergonomische Lösungen und auch das richtige unternehmerische Denken können dabei helfen.

In der Industrie sehen sich viele Mitarbeiter einer körperbelastenden Arbeit gegenüber, die meist in jungen Jahren noch locker weggesteckt wird, aber bei der sich im Alter der Körper zu Wort meldet. Dr. Martin Braun vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) (Bild 2) erklärt dazu: „Im Bereich der arbeitsbedingten, körperlichen Beanspruchungsfolgen fallen vor allem muskulo-skelettale Belastungen auf. Sie sind unter anderem auf langfristig andauernde, einseitige Bewegungen oder Zwangshaltungen zurückzuführen, wie langes Stehen, ungünstige Körperhaltungen, wie Rumpfdrehung oder starkes Beugen des Oberkörpers, oder häufiges Heben schwerer Gebinde in der Intralogistik.“

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Mit Analysen Belastungen bestimmen

Unternehmen können hier eingreifen, um die individuellen Leistungsvoraussetzungen zu stärken: Ergonomie bedeutet, abwechslungsreiche und ausgeglichene Arbeitsbedingungen zu schaffen. „Dies setzt Tätigkeitsanforderung, Belastungswechsel und Regenerationspausen voraus, um dauerhaft ein erstrebenswertes Leistungsniveau zu erhalten. Bei der effizienzoptimierten Rationalisierung von Arbeitsplätzen und -systemen bleiben derartige Überlegungen zuweilen unberücksichtigt. So entstehen etwa hochproduktive U-Montagelinien, in denen sich auch älteren Mitarbeitern keine Sitzgelegenheiten mehr bieten.“

Wer beim Sitzen gleichen ans Sich-Schonen denkt, ist fehlgeleitet: „Es geht keineswegs um Schonarbeitsplätze. Ältere Mitarbeiter brauchen keinen Schongang, sondern altersdifferenziert gestaltete Arbeitsplätze“, erklärt der Darmstädter Arbeitswissenschaftler Prof. Dr.-Ing. Kurt Landau. „Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Werkzeugen, um die Belastungssituation am Arbeitsplatz zu analysieren und zu optimieren. Bei der Analyse hat sich ein partizipativer Ansatz bewährt, der die Erfahrungen der Beschäftigten einbezieht und respektiert“, berichtet Braun. „Sollten sich in der Analyse einseitige oder erhöhte Belastungen herausstellen, so sind primär technische Gestaltungsmaßnahmen zu ergreifen. Etwa der Einsatz von Hebezeugen und Lastmanipulatoren, schwenkbare Montagevorrichtungen, um ungünstige Körperhaltungen zu vermeiden, angemessene Arbeitshöhen oder eine bewegungsoptimierte Anordnung von Arbeitsmitteln“, fährt er fort.

Der Roboter ersetzt die Muskelkraft

Unterstützungssysteme wie Industriegreifer sind allseits bekannt und auch von jüngeren Kollegen gern genutzt. An einer anderen Art von Unterstützungssystem wird derzeit an der Universität Wakayama in Japan geforscht. Auf einer Mandarinenfarm in der Nähe von Osaka unterstützt ein sogenannter Kraftanzug die Testperson im Seniorenalter bei der Bewirtschaftung. Das Gerät übernimmt die Arbeit der menschlichen Muskeln. Aus einer gebückten Position beim Heben von schweren Kisten sorgt der Kraftverstärkungsroboter für das Aufrichten, er zieht den Träger regelrecht nach oben und hilft ihm so, seine eigene Kraft zu sparen. Ab 2016 soll der Anzug in Serienreife hergestellt werden.

Zu einer altersgerechten Arbeitsgestaltung gehört aber auch der Aspekt der Arbeitszeitgestaltung. Dipl.-Psych. Corinna Jaeger, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft (Ifaa), ist davon überzeugt, dass eine Implementierung eines betrieblichen Arbeitszeitrahmens mit individuellem Gestaltungsspielraum zur Bewältigung des demografischen Wandels von großer Bedeutung ist.

Die Expertin empfiehlt, Maßnahmen einzusetzen, die Dauer, Lage und Verteilung der Arbeitszeit betreffen. Dazu gehöre der Ausgleich von Mehrarbeit durch Freizeit statt Geld, mit zunehmendem Alter weniger oder kürzere Nachtschichten oder eine gleichmäßige Verteilung der Arbeitszeit über den Tag. Ergonomisch gestaltete Schichtpläne helfen (übrigens nicht nur der älteren Generation), ein Schlafdefizit zu vermeiden, da es einfacher ist, nach einem kurzen Nachtschichtblock wieder in den normalen Schlafrhythmus zu kommen. Bei der ergonomischen Arbeitsgestaltung wird im System gedacht. „Alternsgerechte Gestaltung beginnt bereits bei jungen Arbeitspersonen ab etwa 30 Jahren. Die Grundlagen für eine körperliche Leistungsfähigkeit werden in jungen Jahren gelegt und nicht erst ab 50+. Körperliche und auch geistige Fitness setzen ein angemessenes Anspruchsniveau vielfältiger Arbeitstätigkeiten voraus“, erklärt Braun. Hier greift der Aspekt des unternehmerischen Denkens, denn Angebote oder Unterstützung des Arbeitgebers kann zum Beispiel so aussehen, dass Rückenfit-Kurse im Haus organisiert oder bezuschusst werden.

Geistige Fitness kann trainiert werden

Die Elma-Studie (Erhaltung der beruflichen Leistungskapazität und der beruflichen Motivation älterer Arbeitnehmer) der Robert-Bosch-Stiftung setzt ebenfalls an diesem Punkt an. Die Studie zeigt, dass durch die Integration von kognitivem Training, körperlicher Aktivierung und medizinischen Bildungsangeboten ein Beitrag zur Kompetenzförderung und -erhaltung sowie zur beruflichen Motivation der älteren Mitarbeiter geleistet wird. Trainings zu Memotechniken und zur Förderung der Intelligenzleistungen haben sich während der Untersuchung genauso positiv auf die älteren Mitarbeiter ausgewirkt wie ein gemeinsames Walking und progressive Muskelentspannung nach Jacobson. Es wurde gesteigertes Wohlbefinden und Selbstvertrauen festgestellt, was zu einer verbesserten Arbeitsmotivation führt.

Diesen Ton schlägt auch Braun an, wenn er seine Empfehlung ausspricht: „Im Sinne einer alternsgerechten beziehungsweise demografierobusten Arbeitsgestaltung geht die Arbeitsstrukturierung über den Gestaltungsbereich der Ergonomie hinaus. Es empfiehlt sich, Maßnahmen der Arbeitsstrukturierung und Ergonomie integrativ anzugehen und hierzu die Unterstützung von erfahrenen Arbeitsgestaltern einzuholen.“

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M.A. Frauke Finus

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Leitende Redakteurin, Redaktion @blechnet.com