Ausbildungsmaschinen Aufbau einer Ausbildungsabteilung unter Zeitdruck

Autor / Redakteur: F. Stephan Auch / Mag. Victoria Sonnenberg

Bei Siemens Mobility wurden alte Räumlichkeiten in nur 16 Monaten in eine komplette Lehrwerkstatt Metall umgebaut. Bei der Auswahl, Beschaffung sowie Aufstellung der Dreh-, Fräs- und Schneidemaschinen unter Termindruck kam Unterstützung von extern.

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Blick in die Ausbildung in der 4. Etage: Im Vordergrund das Podest auf dem links die Kunzmann Universal-Fräs- und Bohrmaschine WF 610 MC und rechts die zyklengesteuerte Präzisions-Drehmaschine Weiler E30 stehen. Links und rechts vom Gang sind die Praktikant GSD und die Praktikant VCplus zu sehen.
Blick in die Ausbildung in der 4. Etage: Im Vordergrund das Podest auf dem links die Kunzmann Universal-Fräs- und Bohrmaschine WF 610 MC und rechts die zyklengesteuerte Präzisions-Drehmaschine Weiler E30 stehen. Links und rechts vom Gang sind die Praktikant GSD und die Praktikant VCplus zu sehen.
(Bild: Siemens Mobility GmbH)

Matthias Manthey, Berufsausbilder bei Siemens Mobility, sollte 800 Quadratmeter alte Schulungsräume in eine gut ausgestattete Ausbildungswerkstatt Metall verwandeln. Zur Ausgliederung der Mobilitätssparte aus der Siemens AG in eine eigenständige GmbH gehörte auch eine eigene Ausbildungsabteilung für rund 20 Industriemechaniker, Mechatroniker und Elektroniker für Betriebstechnik.

Während die Räumlichkeiten im vierten Stock eines Altbaus vorbereitet wurden, kümmerte sich Manthey um die Beschaffung der notwendigen Maschinen. Mit dem hausinternen Vorschlag, ein Dutzend 30 Jahre alte Matador-Drehmaschinen zu übernehmen, war er nicht glücklich. Denn die Maschinen hätten aus Sicherheitsgründen erst umfassend nachgerüstet werden müssen. Das überzeugte sowohl die Ausbildungsleitung von Siemens Mobility als auch die Finanzverantwortlichen im Unternehmen davon, ihm ein Budget für Neuanschaffungen einzuräumen.

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Gefühl für Material und Maschinen entwickeln

Die Mittel versetzten Manthey in die Lage, einen umfangreichen Maschinenpark anzuschaffen. In der ersten Einkaufsrunde wurden die Maschinen erworben, die unabdingbar waren, um mit der Ausbildung beginnen zu können. Den Grundstock bilden neben verschiedenen Bohrmaschinen und Bandsägen eine Reihe konventioneller Fräsmaschinen sowie vier Präzisions-Drehmaschinen Praktikant GSD von Weiler. Mit ihnen konnten die ersten Lehrlinge starten.

Dazu erklärt Manthey: „An den konventionellen Maschinen bekommen die Auszubildenden zu Beginn ein Gefühl für das Material und lernen das manuelle Drehen und Fräsen. Ab dem zweiten Lehrjahr bauen sie ihre Fähigkeiten an zyklengesteuerten Drehmaschinen und CNC-Fräsmaschinen aus. Dort perfektionieren sie dann schrittweise ihr Können.“

Hilfe zur Maschinenwahl

Unterstützung bei der Auswahl der neuen Maschinen erhielt er von Detlef Strohbusch, Vertriebsmitarbeiter der Scheidt Maschinen- und Eisen GmbH & Co. KG. Das Berliner Unternehmen ist Systemlieferant für die Metall- und Blechbearbeitung und Ausstatter für Lager und Büro. Es vertreibt rund 200.000 Produkte, darunter etwa 500 Maschinen zum Drehen, Fräsen, Bohren und Schneiden. Mit Siemens verbindet die Firma Scheidt, die 2022 ihr 110-jähriges Bestehen feiert, eine langjährige erfolgreiche Zusammenarbeit. Strohbusch konnte Manthey im unternehmenseigenen Showroom in Charlottenburg sowie bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) verschiedene Modelle vorführen.

Schnell stand fest, dass Siemens Mobility bei Scheidt eine weitere konventionelle Präzisions-Drehmaschine Weiler Praktikant VC Plus und eine Motortafelschere Schröder MHSU 1000 x 3,0 beschaffen möchte. Auch bei den anderen Maschinen tendierte Manthey aufgrund seiner Erfahrungen bei Siemens zu Produkten der Premiummarken Weiler und Kunzmann. Ausbilderkollegen am Siemens Mobility-Standort Nürnberg bestärkten ihn.

Sichere und einfach zu bedienende Ausbildungsmaschinen

Die Wahl fiel auf eine zyklengesteuerte Präzisions-Drehmaschine Weiler E 30 x 750 und auf eine sowohl manuell als auch CNC-bedienbare Universal-Fräs- und Bohrmaschine Kunzmann WF 610 MC mit Bahnsteuerung Siemens 840D sl. Beide Firmen sind führend in der Berufsausbildung, denn sie gehören zu den wenigen Herstellern, die im Inland hochwertige Ausbildungsmaschinen fertigen. Neben zahlreichen Unternehmen setzen auch viele Berufsbildungsinstitute sowie Fort- und Weiterbildungseinrichtungen die Maschinen ein.

Damit auch Berufsanfänger an den Maschinen ungefährdet arbeiten können, zeichnen sie sich durch eine besonders einfache und sichere Handhabung aus. Bedient werden die Präzisions-Drehmaschinen beispielsweise alle über den WTS-Weiler Touchscreen, der sich an der Bedienung von Tablets und Smartphones orientiert.

Den Nachwuchs an modernen Maschinen auf Präzision trimmen

Über ein weiteres Sicherheitsmerkmal, das speziell für die Ausbildung konzipiert wurde, verfügt die neue Praktikant VCplus, verrät Christian Fuchs, der zuständige Gebietsverkaufsleiter von Weiler: „Mit dem Lehrer-Identifikationssystem ‚e-Lissy‘ können individuelle Zugangsberechtigungen für die Maschinenbedienung vergeben und dem jeweiligen Ausbildungsstand angepasst werden.“ So kann Manthey für unterschiedliche Nutzer individuell festlegen, welche Funktionen ihnen zur Verfügung stehen.

Ebenso verfügen die beiden WF 610 Maschinen von Kunzmann über Sicherheitseinrichtungen. Neben einer 2-kanaligen Ausführung der Not-Aus-Kette verfügen die Maschinen ebenso über Schlüsselschalter mit denen direkt zwischen einem rein handgesteuertem Betrieb mit Digitalanzeige für die Anfänger oder dem CNC-Betrieb für die bereits geübten Auszubildenden umgeschaltet werden kann.

Wir achten bei den Ausbildungsmaschinen auf deutsche Wertarbeit – sie sollen sicher, hochwertig, präzise, stabil, robust und ergonomisch sein.

Matthias Manthey, Ausbilder bei Siemens Mobility

Da die Schienen-, Bahn- und Verkehrstechnikprodukte von Siemens Mobility sicherheitsrelevant sind und höchsten Qualitätsstandards entsprechen müssen, trimmt Manthey den Nachwuchs von Anfang an auf größte Präzision.

Termindruck und schwierige räumliche Verhältnisse

Sorgenfalten auf die Stirn trieben ihm allerdings ein enger Terminplan bei der Beschaffung und vor allem die Maschinengewichte und Abmessungen der Weiler E30 und der Kunzmann WF 610 MC. Denn: In der vierten Etage – bei Siemens heißt sie „5. Flur“ – trägt der Boden lediglich eine Nutzlast von 750 kg/qm. Außerdem haben die Türen auf dem Weg dorthin nur ein lichtes Maß von 130 cm. „Die beiden 1,6 und 2,4 t schweren Maschinen einfach vom Werk hierher transportieren und am nächsten freien Platz aufstellen zu lassen, war daher nicht möglich“, erinnert sich Manthey. Bei den kleineren Maschinen hatte es noch gereicht, sie einfach auf die Stahlträger des Bodens zu platzieren.

Scheidt-Vertriebsmann Strohbusch, der sich um das Angebot und die Auftragserteilung für die Maschinen kümmerte, konnte bereits nach kurzer Zeit die erste gute Nachricht verkünden: Für alle Bestellungen gelang es ihm, kurze Lieferzeiten zu ermöglichen. Und auch für das Transport- und Aufstellungsproblem fand sich eine Handhabung. Zuerst begutachtete ein Statiker die Flure und Räume in der 4. Etage. Anschließend entwickelte Manthey gemeinsam mit ihm und Detlef Strohbusch praktikable und zeitnah realisierbare Lösungen.

So wurde für die zyklengesteuerte Präzisions-Drehmaschine E30 und die Universal-Fräs- und Bohrmaschine WF 610 MC ein Podest vorgesehen. Mit der vom Statiker berechneten Unterkonstruktion gelingt es, die 4 t Gesamtgewicht auf mehrere Stahlträger zu verteilen. Außerdem vereinbarte Strohbusch mit Weiler und Kunzmann, dass die Maschinen für den Transport in den Werken demontiert und erst vor Ort von Scheidt-Technikern zusammengebaut werden würden. „Dadurch konnten wir die beiden Maschinen ganz knapp durch die Gänge und in den Aufzug bringen“, erinnert sich der Scheidt-Vertriebsmann, der die Arbeiten während der gesamten Zeit bis zur Inbetriebnahme überwachte und koordinierte.

Bei der Anlieferung wurden auf den Wegen im Gebäude Bleche unter die Maschinen gelegt, sodass sich deren Gewichte verteilten. Nach der Montage der E30 und der WF 610 MC durch den Scheidt-Kundendienst wurden sie in Betrieb genommen. Nachdem Manthey und seine Ausbilderkollegen an den Neuerwerbungen geschult wurden, durften die ersten Lehrlinge an die Maschinen.

Für die Leistungen und das Engagement von Scheidt ist Manthey voll des Lobes: „Die Zusammenarbeit war wie immer hervorragend. Service und Kundendienst waren toll. Außerdem ging alles ratzfatz: Von der ersten Anfrage bis zur Lieferung just-in-time hat es nur sechs Monate gedauert. Und wenn bei uns vor Ort ein Problem aufgetaucht ist, ist uns ein Scheidt-Techniker sofort zu Hilfe geeilt und hatte eine Lösung parat.“

Alle freuen sich, dass sie an modernen Maschinen arbeiten dürfen, die technisch auf dem neuesten Stand sind. Und die Bedienung am Touchscreen macht ganz besonders viel Spaß.

Anastasia Stoltmann, Auszubildende

Der 27-Jährigen traut Manthey zu, dass sie 2023 seine Aufgaben übernimmt. In dem Jahr sind erstmals alle vier Ausbildungsjahrgänge vertreten, dann wird die geplante Sollstärke von rund 20 Lehrlingen erreicht. Ich selben Jahr wird Manthey 65 und möchte in Rente gehen. Bereits jetzt unterstützt ihn Stoltmann, die einen Ausbilderschein besitzt, bei der Wissensvermittlung und Lehrlingsbetreuung.

Daneben wirft ein weiteres Ereignis seine Schatten voraus: Geplant ist, 2024 in einen Neubau von Siemens Mobility in der Nähe zu ziehen. Die Ausbildungsabteilung soll mitkommen – allerdings ohne Manthey.

Auf externe Unterstützung von Scheidt kann Siemens Mobility bei Bedarf gern wieder zurückgreifen, versichert Karsten Rudolf Scheidt, der das Unternehmen zusammen mit seiner Schwester Cora Scheidt-Halstenberg als geschäftsführender Gesellschafter führt: „Wenn wir gerufen werden, sind wir da – ob Rundum-Service, Maschinenbeschaffung oder Ausstattung von Büros, Werkstatt und Lagern.“

* F. Stephan Auch ist Fachjournalist aus Nürnberg.

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