Werkzeugmaschinenbau Automobilindustrie
treibt die Konjunktur an

Redakteur: Mag. Victoria Sonnenberg

Die USA in der Rezession und China weiterhin auf der Überholspur. Welchen Platz Deutschland sich langfristig am hart umkämpften Markt der Werkzeugmaschinenhersteller verdienen wird und was es mit der Eurokrise auf sich hat, erläutert der VDW-Vorsitzende Martin Kapp.

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VDW-Vorsitzender Martin Kapp zur Entwicklung in der Werkzeugmaschinenindustrie: "Wir haben ein sehr erfolgreiches Jahr hinter uns." (Bild: Schreier)
VDW-Vorsitzender Martin Kapp zur Entwicklung in der Werkzeugmaschinenindustrie: "Wir haben ein sehr erfolgreiches Jahr hinter uns." (Bild: Schreier)

Herr Kapp, das Kalenderjahr 2011 neigt sich dem Ende zu. Lässt sich bereits jetzt eine erste Bilanz für das Werkzeugmaschinenjahr 2011 ziehen?

Kapp: Ja, ich denke, dass wir das im Dezember machen können. Wir haben ein doch sehr erfolgreiches Jahr hinter uns und wenn man die Kennzahlen für die ersten drei Quartale anschaut, dann haben wir einen Auftragseingang, der zwei- oder dreistellig gewachsen ist. Wir haben ein Auftragsvolumen, das fast an das Rekordjahr 2008 herankommt, und auch beim Auftragsbestand haben wir wieder Zahlen, die uns zehn Monate Auslastung gewähren.

Was hat 2011 mehr Freude bereitet: das Inlandsgeschäft oder der Export?

Kapp: Persönlich muss ich sagen, freut mich natürlich das Inlandsgeschäft immer besonders, weil das auch heißt, dass in Deutschland die Arbeitsplätze erhalten oder gar neue geschaffen werden. 2011 liefen sowohl der Export als auch das Inlandsgeschäft außergewöhnlich gut.

In welche Branchen haben sich im laufenden Jahr Werkzeugmaschinen ganz besonders gut verkauft?

Kapp: Ganz klar muss man sagen: Einer der Treiber war 2011 die Automobilindustrie, die eben auch langfristige Projekte konsequent durchzieht.

Nun ist ja auch China seit Jahren ein wichtiger Abnehmer deutscher Werkzeugmaschinen. War das 2011 ebenfalls so?

Kapp: Ja, das war genauso und das war ein ganz großer Stabilitätsfaktor für den Aufschwung beim Auftragseingang.

Wie wird sich das Chinageschäft mittelfristig entwickeln? Schließlich befinden sich die USA, die ja wiederum ein wichtiger Absatzmarkt für chinesische Produkte sind, in der Rezession.

Kapp: Wir müssen feststellen, dass die USA im Moment für Werkzeugmaschinen relativ aufnahmefähig sind. Insofern glaube ich auch, dass das Chinageschäft vielleicht nicht auf Extremniveau, aber doch auf gutem Niveau für uns in den nächsten Jahren weitergehen wird. Die Chinesen haben ihren Fünfjahresplan, den sie konsequent abarbeiten werden.

Kann der chinesische Werkzeugmaschinenmarkt, von Deutschland aus gesehen, auch künftig vorwiegend über den Export bedient werden oder müssen die deutschen Hersteller in China verstärkt investieren und vor Ort fertigen?

Kapp: Also wenn Sie die Hightechmaschinen anschauen, dann bin ich der Meinung, dass diese weiterhin aus Deutschland oder Mitteleuropa kommen werden. Daran wird sich nichts ändern. Aber den Midtech-Bereich, der eine gewisse Puffer- oder Schutzfunktion gegenüber den aufstrebenden chinesischen Herstellern hat, den müssen wir verstärkt bedienen und dafür kann es sicherlich richtig sein, Maschinen in China zu produzieren.

Neben China gibt es noch andere interessante Märkte. Ich nenne als Beispiele Indien, Russland oder Brasilien. Welche Perspektiven für die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie tun sich in diesen Ländern auf?

Kapp: Brasilien und Indien, denke ich, bieten momentan schon sehr gute Perspektiven, die auch wahrscheinlich so bleiben werden. Was Russland betrifft, müssen wir uns noch ein bisschen in Geduld üben. Aber langfristig ist das ein enorm großer Markt.

Und wie sieht es in Osteuropa aus?

Kapp: Ich denke mal, Tschechien, Polen, Ungarn, Rumänien – das sind alles Märkte, die zum Teil schon gut entwickelt sind, aber die zum Teil immer noch als Niedriglohnländer gehandelt werden. Uns so wird dort auch weiter investiert werden.

Umgekehrt schläft man ja auch im Ausland nicht. So will Taiwan seine Werkzeugmaschinenexporte nach Europa forcieren. China hat sich bereits in Deutschland in verschiedene Werkzeugmaschinenunternehmen eingekauft. Wachsen da jetzt neue Wettbewerber heran oder haben wir noch ein bisschen Luft?

Kapp: Ich glaube schon, dass wir noch Luft haben. Taiwan ist immer ein starker Werkzeugmaschinenhersteller gewesen und das wollen die auch in Zukunft bleiben. Diesem Wettbewerb müssen wir uns in Europa stellen.

Seit der Finanzkrise hat der deutsche Werkzeugmaschinenbau eine beispiellose Aufholjagd hingelegt. Kann man sagen, dass die Branche jetzt eine etwas gemächlichere Gangart einlegt?

Kapp: Gut, wir hatten einen dramatischen Absturz und wir hatten jetzt wieder einen dramatischen Aufstieg. Ich glaube, dass wir uns jetzt wieder der normalen Kurve annähern und dass dadurch eine Verlangsamung des Wachstums stattfinden wird. Das ist eine ganz normale Entwicklung.

Kann man von der etwas geringeren Dynamik im dritten Quartal, was die Auftragsein- gänge betrifft, einen Schluss auf das Jahr 2012 ziehen?

Kapp: Ich glaube, dass es 2012 mit der Branchenkonjunktur sehr gut weitergehen wird. Dieser Kurve haben wir uns bereits angenähert. Also wenn wir jetzt mit vernünftigen, einstelligen Wachstumsraten die nächsten Jahre weitermachen können, dann sind wir sehr, sehr zufrieden.

Herr Kapp, es scheint kein anderes Thema zu geben als die Eurokrise. Die großen Ratingagenturen sagen für 2012 eine Rezession in Europa voraus. Halten Sie das für denkbar?

Kapp: Also wenn man einen Rückgang im Auftragseingang sofort als Rezession deutet, dann hätte diese Aussage eine bestimmte Berechtigung. Aber ich gehe nicht davon aus. Außerdem hoffe ich natürlich, dass die Politik zur Beruhigung der Märkte in den nächsten Monaten beitragen wird, sodass wir uns alle wieder auf unsere wirtschaftlichen Aufgaben konzentrieren können und bei einem Blick in die Presse nicht immer von Schreckensmeldungen verunsichert werden.

Kann man trotz Eurokrise relativ gelassen ins Jahr 2012 gehen?

Kapp: Ja, das können wir tun. Andererseits müssen wir vor dem Hintergrund der Eurokrise einfach abwarten, was auf uns zukommt. Ich hoffe allerdings, dass in dieser Hinsicht jetzt eine gewisse Beruhigung eintritt und sich dann wieder ein stabiles Wachstum über die nächsten Jahre etablieren wird.

Von der Eurokrise ist im Werkzeugmaschinenbau also wenig zu verspüren?

Kapp: Sicher gibt es den einen oder anderen Kunden, der erst mal zuckt, bevor er eine Maschine bestellt. Aber eine durchschlagende Wirkung haben wir bis jetzt nicht gesehen.

Der VDMA hat das Herumtaktieren der Politik in Sachen Eurorettung scharf kritisiert. Wie ist dazu die Position des VDW? Was wäre zu tun?

Kapp: Gut, ich glaube, dass wir als Außenstehende nicht in der Lage sind, irgendwelche klugen Ratschläge zu geben, was man zur Eurorettung tun sollte. Es wäre einfach wichtig, dass eine Beruhigung eintritt und dass eine klare politische Linie in Europa erkennbar wird.

Nehmen wir trotzdem einmal an, dass die Eurozone schrumpft. Hätte das Konsequenzen für die Werkzeugmaschinenindustrie?

Kapp: Sicher hätte das Konsequenzen, aber diese wären aus heutiger Sicht beherrschbar. Wir haben uns in den letzten Krisen gut aufgestellt, noch besser aufgestellt und ich denke, mit dem Glättungseffekt, den wir über den längeren Auftragsbestand haben, sollten wir da relativ ungeschoren davonkommen.

Kürzlich konnte man lesen, dass Großunternehmen Worst-Case-Szenarien für den Fall entwickeln, dass die Eurorettung misslingt. Haben die Werkzeugmaschinenunternehmen ebenfalls solche Szenarien in der Schublade?

Kapp: Nicht aktuell. Natürlich hat jeder gute Unternehmenslenker ein Worst-Case-Szenario im Hinterkopf, aber wir Werkzeugmaschinenbauer haben nach wie vor die Hoffnung, dass der Worst Case nicht eintritt.

Herr Kapp, vom 28. Februar bis 3. März 2012 findet die Metav statt. Wie ist aktuell das Ausstellerinteresse?

Kapp: Wir haben zur Metav 2012 bis jetzt über 500 Aussteller aus 22 Ländern auf rund 33.000 m². Das ist mehr als zur Metav 2010.

Auf der EMO 2011 hat die Werkzeugmaschinenindustrie ein regelrechtes Innovationsfeuerwerk abgebrannt. Kann die Metav da mithalten?

Kapp: Ich bin überzeugt, dass wir auf der Metav 2012 wieder Neuvorstellungen erleben werden. Zudem haben wir das Technologieforum „Zukunftsfähige Zerspanprozesse“ und die Sonderschauen „Metal meets Medical“ sowie „Faserverbundwerkstoffe für den Leichtbau“. Und dann ist es natürlich ganz wichtig für uns, dass wir auf der Metav Werbung für den Nachwuchs betreiben können über Jugendsonderschauen.

Welche Metav-Sonderschau sollte man auf keinen Fall verpassen?

Kapp: Im Prinzip keine. Dies gilt besonders für die Nachwuchsschauen. Man kann von dort viel für die eigene Nachwuchsgewinnung mitnehmen, indem man sieht, was ein Unternehmen dafür in der Region tun kann und was die jungen Leute anzieht.

* Das Interview führte Jürgen Schreier, MM-Redakteur

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