Zerspanung Berghoff profitiert vom Schweizer Standort

Autor: Stéphane Itasse

Die Gelegenheit war günstig: Als die Schweizer Ruag-Holding ihre Tochter Ruag Mechanical Engineering zum Verkauf stellte, griff der Zulieferer Berghoff aus Drolshagen zu, das Unternehmen wurde zur Tochter Berghoff Mechanical Engineering. Von dieser Übernahme haben sowohl die Schweizer als auch die Deutschen profitiert.

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Bauteile in neuen Dimensionen: Mit dem Kauf der Schweizer Ruag Mechanical Engineering konnte Berghoff sein Dienstleistungsangebot ausbauen.
Bauteile in neuen Dimensionen: Mit dem Kauf der Schweizer Ruag Mechanical Engineering konnte Berghoff sein Dienstleistungsangebot ausbauen.
(Bild: Sonnenberg)

Beide Unternehmen stellen Baugruppen und Komponenten, beispielsweise für den Maschinen- und Anlagenbau oder die Halbleiterindustrie, her. Und doch haben sie sich ideal ergänzt: „In Deutschland waren wir zwar bei Qualität und Komplexität in der führenden Gruppe, aber nur bis 3,4 m Bauteillänge. Die Schweizer fingen da erst an und gingen bis 5,5 m“, erläutert Berghoff-Geschäftsführer Oliver Bludau, der auch Verwaltungsratsmitglied bei der jetzigen Berghoff Mechanical Engineering ist.

Schweizer Tochtergesellschaft erweist sich als idealer Partner

Mit der Übernahme konnte Berghoff also sein Dienstleistungsportfolio um größere Bauteile erweitern – und beide Unternehmen ergänzten sich sehr gut. „Für uns in Deutschland war es immer schwer, einen Partner zu finden – die Schweizer passen ideal“, sagt Bludau.

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Dabei spielen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit auch menschliche Faktoren eine Rolle. „Die Schweizer, in diesem Fall Urner, und wir Sauerländer sind uns von der Mentalität her sehr ähnlich – wir sind beide etwas konservativ und versprechen nicht mehr, als wir halten können“, berichtet der Berghoff-Geschäftsführer. Dabei legt er auch Wert darauf, dass eine Übernahme nicht von oben herab stattfindet: „Wenn wir ein Unternehmen kaufen, hören wir den Leuten erst einmal zu und versuchen, sie über einen längeren Zeitraum zu integrieren. Als Mittelständler haben wir diese Zeit.“

Deutsche und Schweizer entwickeln Vertriebsstrategie gemeinsam weiter

Wie in so einem Fall beide Seiten profitieren können, zeigt sich bei Berghoff in der Vertriebsstrategie: „Früher waren wir in Deutschland sehr stark auf Neukundengewinnung ausgerichtet“, sagt Bludau. Dadurch war Berghoff zwar von den Abnehmerbranchen her diversifizierter, aber vertikal nicht so weit in den Unternehmen integriert. Bei Ruag Mechanical Engineering sei es genau umgekehrt gewesen. „Die hatten fünf bis sechs Kunden, die sie dafür sehr, sehr genau kannten und bei denen sie über alle Einzelheiten Bescheid wussten“, erläutert er. „Zusammen haben wir dann festgestellt, dass beides nicht optimal ist.“ Jetzt gelte es, einen gesunden Mittelweg zu finden zwischen Diversifizierung und vertikaler Integration.

Überhaupt ist Bludau von den Schweizer Mitarbeitern sehr angetan. „Was die in Sachen Zerspanung können, das sucht schon seinesgleichen“, schwärmt er. Auch die Infrastruktur bei Mechanical Engineering, die Berghoff von Ruag übernommen hat, sei sehr gut.

Niedrige Kommunikationshürden erleichtern Zusammenarbeit mit der Schweiz

Dass die Schweiz einen Ruf als Hochlohnland hat, schreckt den Berghoff-Geschäftsführer keineswegs. „Bei uns entscheidet der Kunde weniger nach dem Preis, sondern vielmehr nach dem Dienstleistungsspektrum“, erläutert er. Berghoff als Zulieferer arbeite oft schon in der Entwicklung seiner Kunden mit, da helfe es auch, dass die Kommunikationshürden nach Deutschland oder in die Schweiz niedriger seien als beispielsweise nach Osteuropa oder Asien. „Die Mehrkosten des Standorts müssen wir durch Mehrwert kompensieren. Das ist das, was bei uns in der Branche ‚supplier ideas‘ genannt wird“, sagt Bludau. Jeder Mitarbeiter in der Gruppe habe auch die Aufgabe zu überlegen, wie die Produkte für den Kunden besser gemacht werden können.

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Allerdings geht die Aufwertung des Schweizer Frankens seit dem 15. Januar 2015 – dem Tag der Freigabe des Wechselkurses – nicht spurlos am Unternehmen vorbei. „Das war kein schöner Tag für uns“, räumt Bludau ein. Zwar habe Berghoff langfristige Lieferverträge, sodass die Kunden wegen der Währungsaufwertung nicht gleich abspringen würden. Andererseits müsse das Unternehmen mit den ausgehandelten Preisen auskommen. „Das geht nur, wenn wir alles, was wir in Euro einkaufen können, konsequent in Euro einkaufen – auch wenn es mir für die Schweizer Zulieferer leidtut“, sagt Bludau. Wenn Berghoff bestimmte Produkte in Franken einkaufen müsse, würden die Preise verhandelt.

Aufwertung des Schweizer Frankens könnte Lohnkürzungen erforderlich machen

„Und wenn es hart auf hart kommt, werden wir auch an die Lohnkosten herangehen müssen, das ist bei uns ein großer Kostenblock“, erläutert der Berghoff-Geschäftsführer. Die Mitarbeiter in der Schweiz hätten aber bereits ihre Bereitschaft zu Lohnanpassungen oder unbezahlter Mehrarbeit signalisiert. Hier hilft laut Bludau auch die offene und transparente Unternehmenskultur bei Berghoff, die die Situation für die Mitarbeiter nachvollziehbar mache.

Dieser Offenheit begegnet Bludau auch in der Schweiz – obwohl in jüngster Zeit bestimmte Volksabstimmungen ein eher ausländerfeindliches Bild vermittelten. „Ich habe nie Fremdenfeindlichkeit oder auch nur Reserviertheit erlebt, vom ersten Tag an“, spricht sich der Berghoff-Geschäftsführer für die Menschen aus. „Wir sind überall freundlich aufgenommen worden.“ Die mediale Darstellung der Schweiz in Deutschland hält er deshalb für übertrieben.

Auch der Faktor Humor hilft in der Schweiz

Allerdings würden er und seine Kollegen sich mit dem Schweizer Dialekt noch etwas schwertun. „Wenn ich vom Flughafen Zürich zum Standort nach Altdorf fahre, ist Radiohören natürlich zwingend, um in die Sprache hineinzukommen“, sagt er. Trotzdem ernte man oft nur ein müdes Lächeln, wenn man als Deutscher versuche, Schweizerdeutsch zu sprechen. Doch auch umgekehrt würden nicht alle Schweizer das Hochdeutsche gut beherrschen. „Manchmal sitzt man sich gegenüber, spricht eigentlich Deutsch – und versteht doch nicht, was der andere gesagt hat“, berichtet Bludau. Doch diese Kommunikationsprobleme seien lösbar, und nicht nur das: „Am Ende lachen wir auch gemeinsam darüber.“

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