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Exportmärkte Brasiliens Industrie kämpft sich wieder zurück

| Autor / Redakteur: Paulo Lima / Stéphane Itasse

Korruptionsskandale, negatives Wirtschaftswachstum, sinkende Realeinkommen – seit drei Jahren ist Brasilien im Sinkflug, der nun aber gestoppt scheint. Die deutsche Industrie sollte den wichtigen Produktionsstandort und Handelspartner wieder mehr beachten.

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Um ihre Prozesse besser zu strukturieren und wettbewerbsfähiger zu werden, setzen immer mehr Unternehmen in Brasilien auf Lean-Konzepte.
Um ihre Prozesse besser zu strukturieren und wettbewerbsfähiger zu werden, setzen immer mehr Unternehmen in Brasilien auf Lean-Konzepte.
(Bild: Schuler)

Aktuell leidet die brasilianische Industrie noch unter Überkapazitäten. Dies gilt insbesondere für die Automobilhersteller und damit den Maschinen- und Anlagenbau. Darüber hinaus wächst die Konkurrenz aus Asien und die Wettbewerbsintensität nimmt ebenso zu wie der Preisdruck. Die politische Situation hat sich dank eines proindustriellen Regierungswechsels zwar leicht stabilisiert. Dennoch dürfte auch 2017 für die Wirtschaft noch herausfordernd werden.

Damit bleibt das Geschäft deutscher Maschinen- und Anlagenbauer in Brasilien vorerst schwierig. Zwar ist German Engineering für seine Qualität berühmt, doch in der aktuellen Lage steht ein niedriger Kaufpreis im Vordergrund. Für 2018 und 2019 erwartet Staufen Táktica jedoch ein wirtschaftliches Erstarken und vermehrte Investitionen. Nichtsdestotrotz werden die großen Industriebranchen Automobil, Schiffbau, Stahlproduktion sowie der Maschinen- und Anlagenbau sich noch einige Jahre damit beschäftigen, die Überkapazitäten abzubauen.

Den Turnaround schaffen

Ein Blick zurück erleichtert die Analyse. So freute sich die brasilianische Industrie bis zum Jahr 2014 über ein rasantes Wachstum. Die Folge: schnell und chaotisch gewachsene Strukturen. Angesichts der stärkeren Konkurrenz aus Asien und eines nahenden Aufschwungs gilt es daher nun, die Produktivität und Effizienz zu erhöhen, um den Turnaround zu schaffen und an Flexibilität zu gewinnen. Entsprechend ist es 2017 eine zentrale Herausforderung für die brasilianischen Industrieunternehmen, die Wertschöpfung zu steigern. Die Prozesse sind systematisch zu analysieren und neu aufzustellen. Einige deutsche Tochterunternehmen in Brasilien gehen diesen Weg seit Längerem und verschlanken sich sowohl in den direkten als auch teilweise in den indirekten Bereichen.

Vorreiter Siemens zählt beispielsweise mehr als 7000 Beschäftigte in Brasilien, unterhält zwölf Fabriken, sieben Forschungs- und Entwicklungscenter sowie weitere 13 Vertriebsbüros. Eine erste Lean-​Transformationsfabrik hatte Siemens bereits 1999 etabliert. Um die Lean-Kultur zu stärken und die schlanken Prozesse im gesamten Wertstrom zu etablieren, vollzog Siemens 2014 einen weiteren Schritt. Staufen Táktica wurde an Bord geholt, um ein am Lean-Gedanken ausgerichtetes Zertifizierungsprogramm mit Konzepten und Werkzeugen im Bürobereich zu etablieren. Das Programm setzt auf praxisnahe Umsetzungsbeispiele, Simulationen, Trainings und Coachings. Zwischen 2014 und 2015 bildeten die Berater so mehr als 100 Lean-Experten in unterschiedlichen Leveln in Brasilien aus. Mehr als 60 umgesetzte Projekte erzielten in diesem Rahmen einen nachkalkulierbaren hohen ROI.

Auf den Weg zum Lean Enterprise machte sich 2015 ebenfalls der Automobilzulieferer Mahle. Das Unternehmen produziert bereits seit vielen Jahre in Brasilien und ist seit 2008 dort auch mit einem Entwicklungszentrum vertreten. Im Rahmen eines Shopfloor-Management-Pilotprojekts analysierte und optimierte ein Team von Mahle- und Staufen-Táktica-Experten die Herstellungsprozesse von unbeschichteten Kolbenringen. Führungskräfte und Mitarbeiter entwickelten neue Schlüsselindikatoren und Tagesabläufe, um Übersichtlichkeit und Transparenz in die Prozesse zu bringen. Mit der Einführung von Plan-do-check-act-Routinen ließ sich die Problemlösungskompetenz der Mitarbeiter erhöhen und das Führungsverhalten am Ort des Geschehens verbessern.

Erfolgreich mit neuen Angeboten

Wie Lean Management zu neuen Dienstleistungen in Brasilien führen kann, zeigt das Beispiel des Umformtechnikspezialisten Schuler. Die Entwicklung neuer industrieller Serviceangebote zielt auf Produktivitäts- und Effizienzerhöhung beim Kunden. Damit gelingt es dem Unternehmen, sich von der asiatischen Billigkonkurrenz abzusetzen und die negative Preisspirale zu stoppen.

Der Automobilzulieferer und Pressenhersteller hat dazu ein vielversprechendes System entwickelt: eine Anlagen-quick-Check-Diagnose, die in Brasilien erst Ende 2016 als Pilotprojekt eingeführt wurde. Diese Schnelldiagnose dauert rund drei bis fünf Tage. Staufen-Táktica-Berater, Schuler-Mitarbeiter und das Kundenunternehmen betrachten hierbei nicht nur Maschinenpark und Fertigung, sondern auch vor- und nachgelagerte Prozesse, wie etwa die Logistikkette. Carlos Matiello, ein Serviceingenieur bei Schuler-Pressen Brasilien, ist davon überzeugt, dass das neue Kooperationsmodell die Türen bei den Unternehmen für neue Geschäfte öffnet.

* Dr. Paulo Lima ist General Manager der Unternehmensberatung Staufen Táktica in 13098-322 Campinas (SP, Brasilien)

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