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EU-Austritt

Das sind die Folgen von Brexit

| Autor / Redakteur: Rosemarie Stahl / Rosemarie Stahl

Großbritannien stimmte am Donnerstag, 23. Juni 2016, für den Austritt aus der Europäischen Union.
Großbritannien stimmte am Donnerstag, 23. Juni 2016, für den Austritt aus der Europäischen Union. (Bild: Style-Photography - Fotolia.com)

Mit großer Sorge sehen die Maschinenbauer in Deutschland das Votum der Briten für den Austritt aus der EU. Der VDMA befürchtet einen Vertrauensverlust in den Industriestandort Europa und einen spürbaren Rückgang der Exporte in das Vereinigte Königreich. Wirtschaftspolitisch verliert Deutschland einen wichtigen Verbündeten in der EU.

„Die Entscheidung für den Austritt Großbritanniens aus der EU ist ein Alarmsignal für die Unternehmen. Der Brexit wird den Industriestandort Europa viel Vertrauen bei Investoren kosten. Es wird nicht lange dauern, bis unsere Maschinenexporte nach Großbritannien spürbar zurückgehen werden. Völlig unklar ist, was auf Unternehmen mit britischen Tochtergesellschaften zukommt. Die EU muss jetzt den Schaden eindämmen und die Phase der Unsicherheit möglichst kurz halten. Europas Unternehmen brauchen Planungssicherheit und einen verlässlichen Fahrplan für den Austritt“, sagt Thilo Brodtmann, Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). „Für exportstarke Unternehmen wäre eine Fragmentierung Europas das Schreckensszenario. Durch den Brexit werden leider die EU-Skeptiker in anderen Ländern Auftrieb bekommen. Aus wirtschaftlicher Sicht gibt es aber keinen Grund, an der Bedeutung und der Zukunftsfähigkeit der EU zu zweifeln.“

Der VDMA warnt zudem, dass der Austritt Großbritanniens nicht zur Gefahr für die EU werden darf. Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) forderte von der EU und den nationalen Regierungen unmissverständliche Signale für mehr Geschlossenheit und den Willen zur Zusammenarbeit: „Ob in Brüssel, Paris oder Berlin – jetzt müssen alle zusammen arbeiten, um die EU gemeinsam stärker und für alle EU-Bürger überzeugender zu machen“, forderte BDI-Hauptgeschäftsführer Markus Kerber. Auch der neue Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung an der Universität München, Clemens Fuest, sieht die Politiker in der Pflicht: "Die Politik muss jetzt alles tun, um den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen. Dazu gehört es, sicherzustellen, dass Großbritannien so weit wie möglich in den Binnenmarkt integriert bleibt. Es ist wichtig, die Verhandlungen darüber möglichst schnell zum Abschluss zu bringen, damit die Phase der Unsicherheit über die künftigen Wirtschaftsbeziehungen möglichst kurz bleibt."

Nahezu 400.000 Menschen arbeiten im Vereinigten Königreich in Niederlassungen deutscher Unternehmen. „Die Beschäftigten stehen vor unsicheren Zeiten, sie erwarten eine gute Vereinbarung so rasch wie möglich“, sagte Kerber. Wahrscheinlich besonders betroffen sind laut BDI der Automobil- und der Energiesektor, die Telekommunikationsbranche, die Hersteller von Elektronik, die Metallproduktion, der Einzelhandel und Finanzdienstleister.

Deutschland ist laut VDMA der wichtigste Maschinenlieferant Großbritanniens. Im Gegenzug ist die Insel der viertgrößte Absatzmarkt für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau und ein wichtiger Investitionsstandort: Über 150 Mitgliedsunternehmen haben britische Niederlassungen. Eine davon ist die Gebr. Heller Maschinenfabrik GmbH aus Nürtingen. Seit 42 Jahren produziert Heller am Standort Redditch unweit von Birmingham Werkzeugmaschinen, einen großen Teil davon für den deutschen Markt. „Eine Voraussetzung ist dabei, dass zwischen England und dem Hauptsitz in Nürtingen ungehindert Produkte, Materialen und Mitarbeiter ausgetauscht werden können“, sagt Matthias Meyer, Geschäftsführer der Heller Machine Tools Ltd. Wie das nach dem Austritt aussehen wird, kann er nicht sagen. „Diese Unsicherheit ist Gift für alle“.

Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der Automobilindustrie VDA mahnt allerdings Besonnenheit an: „Auch wenn sich viele ‚Experten‘ mit Krisenszenarien gegenseitig übertreffen wollen – jetzt ist Besonnenheit gefordert“, betonte Wissmann. „Jetzt muss Europa erst recht zusammenstehen, damit ein möglicher Dominoeffekt vermieden wird. Es muss alles getan werden, um den bislang ungehinderten Waren- und Dienstleistungsverkehr zwischen Großbritannien und den anderen EU-Ländern auch künftig zu ermöglichen. Auch nach dem ‚leave‘ überwiegen für Großbritannien die Vorteile des freien Warenverkehrs mit dem Kontinent“, sagte er.

Ähnlich besonnen äußerte sich auch Silke Bartsch, Leiterin Administration beim Werkzeugmaschinenbauer Hegescheidt MFD, bereits vor dem Referendum: „Natürlich wäre ein Brexit nicht schön, weil er vermutlich mehr Bürokratie bedeutet. Aber wer weltweit tätig ist, hat doch ständig mit Bürokratie und Zöllen zu tun.“

Die englischsprachige Studie "Costs and Benefits of a United Kindom Exit from the European Union" des ifo-Institus setzt sich mit den möglichen Kosten und Folgen des Austritts Großbritanniens aus der EU auseinander. Die Studie ist online unter /www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/BREXIT_EN.pdf verfügbar.

* In dem Beitrag sind auch Informationen eines Beitrages unserer freien Journalistin Christa Friedl eingearbeitet

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