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Industrie 4.0 Datensicherheit wird bei Industrie 4.0 heiß diskutiert

Autor / Redakteur: Reinhold Schäfer / Dipl.-Ing. (FH) Reinhold Schäfer

Das Problem der Datensicherheit wird oft diskutiert, wenn es darum geht, das Konzept Industrie 4.0 im Industriebetrieb einzuführen. Und was geschieht mit den Mitarbeitern, die wegen Industrie 4.0 ihren Job verlieren? Unsere vier Chefs mittelständischer Unternehmen, die wir zu einem Roundtable in unsere Redaktion eingeladen hatten, waren dazu recht unterschiedlicher Meinung.

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Gemeinsam mit Chefredakteur Frank Jablonski (ganz links) und Fachredakteur Reinhold Schäfer (ganz rechts) diskutierten Prof. Dr.-Ing. Holger Borcherding, Technischer Leiter des Bereichs Innovationen, Lenze; Bernhard Müller, Geschäftsführer Industrie 4.0, Sick; Dr. Omar Sadi, Technischer Geschäftsführer, Getriebebau Nord; Dr.-Ing. Gunther Kegel, Vorsitzender der Geschäftsführung, Pepperl + Fuchs (v.l.n.r.).
Gemeinsam mit Chefredakteur Frank Jablonski (ganz links) und Fachredakteur Reinhold Schäfer (ganz rechts) diskutierten Prof. Dr.-Ing. Holger Borcherding, Technischer Leiter des Bereichs Innovationen, Lenze; Bernhard Müller, Geschäftsführer Industrie 4.0, Sick; Dr. Omar Sadi, Technischer Geschäftsführer, Getriebebau Nord; Dr.-Ing. Gunther Kegel, Vorsitzender der Geschäftsführung, Pepperl + Fuchs (v.l.n.r.).
(Bild: Johannes Untch)

Im ersten Teil unseres Berichtes über das Roundtable zum Thema Industrie 4.0, der im Heft MM 48/2015 veröffentlicht wurde, zeigten wir auf, warum sich kleinere Unternehmen, wenn es um die eigene Produktion geht, oft noch nicht mit diesem Thema befassen.

Die Diskussion ergab, dass die Produkte, die diese Firmen herstellen, schon oft industrie-4.0-gerecht ausgeführt sind.

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Als großer Vorteil von Industrie 4.0 wird von den Teilnehmern vor allem gesehen, dass die Automatisierung preiswerter wird.

Alternativ können Sie das Roundtable auch in unserer Mediathek als Video oder auf Youtube ansehen.

Vernetzung und Datensicherheit

Wenn es um die Vernetzung der Unternehmen nach außen geht, dann kommt schnell die Frage nach der Datensicherheit auf. Der englische Sprachraum verwendet dazu den Begriff Security, der mittlerweile auch bei uns gerne verwendet wird. Eine Studie von IDC zeigt nun geradezu Bestürzendes : So äußerten zwei Drittel der befragten Maschinenbetreiber Sicherheitsvorfälle durch Fremdzugriff, 15 % davon seien sogar Personenschäden. Da wird die Angst vor der Einführung von Industrie 4.0 geradezu groß.

Europäisches Sicherheitsdenken fehlt

Auch Dr. Omar Sadi, Technischer Geschäftsführer des Antriebsherstellers Getriebebau Nord, glaubt, dass viele Firmen Angst hätten, dass andere von außen auf die Daten des Unternehmens zugreifen könnten. Nach seiner Ansicht fehlt es noch an einem Konzept aus europäischer Sicht, das sagt, wie diese Sicherheit aussehen müsste.

Bernhard Müller, Geschäftsführer Industrie 4.0 des Sicherheitstechnikherstellers Sick, bestätigt dies: „Das Wichtigste ist es, die Datensicherheit herzustellen. Bei uns im Unternehmen haben wir die Sicherheit von außen auch von Hackern überprüfen lassen. Insofern ist die Sicherheit bei uns im Unternehmen schon hoch, doch wenn ich diese IT öffne für fremde Cloudsysteme, wobei das ja auch eigene Clouds sein können, dann muss ich da noch mehr tun als bisher.“ Er glaubt nicht, dass heute schon viele guten Gewissens dies machen können, ohne Angst um ihre Daten zu haben.

Datensicherheit muss hergestellt werden

Dr.-Ing. Gunther Kegel, Vorsitzender der Geschäftsführung des Automatisierungsunternehmens Pepperl + Fuchs, ist hier anderer Ansicht: „Sicherheit ist erst mal nichts, was man kaufen kann. Es ist kein Standard, den ich einfach definieren kann. Ich muss erst einmal überlegen, was ich eigentlich schützen möchte und was mögliche Angriffsszenarien sind, gegen die ich mich schützen will. Davon hängt mein Sicherheitskonzept ab.“ Es sei einfach nicht wahr, dass es keine Sicherheitsmechanismen gegen Hacker gebe, wenn man vorher alles sauber definiert habe, was man schützen möchte und welche Angriffsarten es gebe. „Es gibt praktisch für alles Sicherheitsmechanismen“, ist Kegel überzeugt. Es könne nur durchaus sein, dass es betriebswirtschaftlich irgendwann keinen Sinn mehr habe, weil die Sicherheitsmechanismen die Leistung so stark beeinflussten, dass sich das Konzept so nicht aufrechterhalten lasse.

„Wenn ich hier lese, 15 % Personenschäden: Das glaube ich schlichtweg nicht. Wenn ich sehe, wie wenig Personenschadenunfälle wir im produzierenden Gewerbe in Deutschland haben, dann halte ich das für absolut abwegig.“ Im Gegensatz zu Kegel sieht Sadi dies als realistisch an und fragt Kegel, wie er denn seine Daten schützt.

Hackerangriff von außen ist zu erwarten

Doch Kegel nutzt die Gelegenheit, seinen Gedanken zu den Hackerangriffen von außen weiter zu verfolgen: „Sie glauben doch nicht im Ernst, dass wir uns gegen eine Million Chinesen schützen können, die staatlich bezahlt Viren entwickeln und versuchen, die ganze Welt zu durchströmen.“ Hier habe man überhaupt keine Chance. Und von diesen Chinesen würden 300.000 nicht in China leben, führt Kegel weiter aus. „Also, wenn Sie einen chinesischen Gaststudenten haben, dann gucken Sie sich den mal genauer an, was das für jemand ist.“

Angriff erfolgt oft von innen

Mögliche Störungen würden oftmals gar nicht von außen kommen, ist Kegel überzeugt. Das Scheunentor stehe vielmehr oft schon von innen weit offen. „Das sind Dinge, die wir tagtäglich erleben, es sind die Amerikaner, es sind die Russen und es sind die Chinesen, die das ganz offen und blind machen und gegen die können Sie sich nicht schützen“, warnt Kegel. Denn diese brauchten sich an kein Gesetz der Welt zu halten. Alles, was wir verabredeten, sei immer ein Pakt, dass wir gegenseitig unsere Verträge auch einhalten würden. Nur: Das störe die alle gar nicht. Also, absolute Datensicherheit wird man laut Kegel keinesfalls schaffen.

„Dann sagen Sie doch damit, dass Industrie 4.0 gar nicht geht“, wirft Industrie-4.0-Experte Müller ein. „Das stimmt nicht“, entgegnet der Chef von Pepperl + Fuchs. „Sie müssen einfach sagen, bei welchen Daten kann ich es mir gegebenenfalls leisten, diese in eine Cloud zu geben. Wo ich einfach damit leben kann, dass diese Daten ausspioniert werden.“

„Da gibt es keine Kompromisse“, widerspricht Sadi und fährt fort: „Sie müssen die Anlage steuern, Sie haben alle Daten, die Fertigungsdaten, die ganzen Geheimnisse der Anlage.“ „Sie müssen doch nicht gleich alle Daten so offenlegen“, fährt Kegel dazwischen. Worauf Sadi seinen Gedanken beendet: „Der große Vorteil von Industrie 4.0 ist doch, dass ich die einzelnen Fertigungsvorgänge in einzelne Fabriken unterteilen kann und nahe am Kunden fertige. Also muss ich von Europa Richtung Asien eine Anlage steuern können oder umgekehrt. Ergo muss ich die Daten von der Anlage öffnen. Ich stimme Ihnen zu, dass es keine hundertprozentige Sicherheit gibt, aber man muss alles Mögliche, technisch Machbare unternehmen – und hier sind auch die Forschungsvereinigungen gefordert –, denn Standrads und Sicherheitseinrichtungen, die werden immer geknackt.“

Hundert Prozent Sicherheit gebe es nicht. – Aber man müsse doch, wenn man die Herausforderung annehme, Industrie 4.0 mit allen Vorteilen zu nutzen, diesen Weg gehen. Kegel stimmt dem zu: „Ich bin bei Ihnen, ich will nur eines anmerken: Wenn es zu Ihrem Angriffsszenario dazugehört, dass Sie sich gegen die chinesische Regierung schützen wollen, dann sollten Sie Industrie-4.0- und Cloud-Anwendungen besser sein lassen.“

Müller wendet ein: „Ich bin schon davon überzeugt, dass man beim Datentransfer oder den Netzwerken Sicherheit einbauen muss, die heute definitiv noch nicht existiert.“ Der Innovationschef von Lenze, Prof. Dr.-Ing. Holger Borcherding, sagt dazu: „Wir sind in einem Projekt dabei, die Sensordaten zu verschlüsseln, damit nur wir darauf Zugriff haben. Denn der Punkt ist: Wir wollen irgendwann auch Geld damit verdienen und wenn wir allen anderen den Datenzugriff ermöglichen, dann haben wir an dieser Stelle verloren.“

Industrie 4.0 festigt den Standort Europa

Für Sadi bietet sich mit der Digitalisierung eine riesige Chance, standortneutral zu arbeiten. „Gerade für mittelständische Unternehmen bietet sich damit die Gelegenheit, den Standort Europa wieder wertvoll zu machen. Zum Beispiel bei den Lohnkosten. Die Chancen sind da!“

Aus seiner Sicht ist es fatal, dass es keine konzertierten Aktionen unter den Verbänden und Bundesländern gebe. Die Fachverbände machten mal etwas auf deutscher Ebene oder auf europäischer Ebene, Synergieeffekte gebe es nicht und ein entsprechender Masterplan fehle. Kegel stimmt dem zu, dass sich damit Chancen böten, doch er widerspricht der Aussage, dass es keinen Masterplan gebe: Mit der Plattform 4.0 sei dies gegeben. „Doch was kommt bei den Unternehmen an?“, fragt Sadi.

Was hinter der Plattform 4.0 steht, muss man laut Borcherding erst übersetzen. Der VDMA versucht, dies seinen Mitgliedern zu erklären. Das sei auch notwendig, denn: „Ich verstehe mich als Informatiker auch nicht mit einem Energietechniker, das heißt, ich muss erst einmal lernen, was er meint.“

Auch das Referenzarchitekturmodell Rami, das den Unternehmen bei der Entwicklung von Produkten helfen soll, sei ganz toll, doch frage sich der Anwender, was man damit macht. Ein typischer Maschinenbauer wisse gar nicht, was das ist, und könne dies auch nicht einfach umsetzen.

Am besten müsse man dafür Beispiele haben. Zwar gebe es überall in Deutschland Modellfabriken. „Doch die Usecases muss man herunterbrechen. Man muss kleine Anwendungsbeispiele haben, um zu zeigen, was damit gemeint ist“, glaubt Borcherding. Denn die Beispiele großer vernetzter Fabriken würden den kleinen Unternehmen nicht helfen. Erst wenn man den Nutzen erkenne, dann werde auch bei den kleinen Unternehmen der Industrie-4.0-Gedanke Einzug halten.

„Wir müssen den kleinen Maschinenbauer beim Engineering-Prozess entlasten, denn wir wollen ja nicht, dass der Maschinenbauer dafür noch fünf Leute einstellen muss. Das kann er sich nicht leisten. Er muss das mit seinen Leuten machen. Also müssen wir ihn von anderen Dingen, die er im Entwicklungsprozess hat, entlasten. Das muss automatisiert gehen. Dann kann er das zusätzlich umsetzen“, so Borcherding. „Ich habe die Vision, dass der Maschinenbauer noch ein Semester Informatik macht, nur damit er das auch versteht.“

Studie zeigt hohen Bedarf an Fachkräften

Eine Studie von CS zeigt, dass die Maschinenbauer einen hohen Bedarf an technisch ausgebildeten Fachkräften sehen. Auch an den Hochschulen wird dies laut Borcherding so gesehen, manche sind dort sehr weit und bekommen auch einige Forschungsgelder, was sehr positiv sei, doch fehle noch immer die Nachfrage seitens der Studenten. Die Verteilung auf die Fachgebiete habe sich da in den vergangenen Jahren kaum geändert. Laut Borcherding müsse man deshalb bereits im Kindergarten und in den Schulen damit anfangen, die Heranwachsenden spielerisch an die Technik heranzuführen, um das Interesse daran zu steigern. Das betreffe gleichermaßen die Fachgebiete Informatik, Elektrotechnik und Maschinenbau.

Zwar habe man den großen Vorteil, dass viele Technologien mit Smartphones und Smart Devices erklärt werden: „Die sind de facto Hype“, so Borcherding. Aber das stelle so gut wie gar nichts dar, was mit Physik oder Bewegung zu tun habe. Und gerade da müssten viele Unternehmen ihre Produkte unterbringen. Auf der Hannover-Messe zeige man, was man alles mit Smart Devices machen könne. Das würden viele noch verstehen, doch wie bekomme man die Maschine damit zum Laufen, das sei dann Vielen nicht klar. „Da ist noch viel zu tun“, glaubt Borcherding. Es müsse wieder sexy werden, sich mit Technik zu beschäftigen.

Bei den Ausbildungsberufen ist es laut Müller so, dass diese einfach erweitert werden müssten. Doch dazu müsse man den Auszubildenden auch die Möglichkeit geben, dies zu lernen. Sadi glaubt, dass die Verzahnung des technischen Fachbereichs bei den Maschinenbauern besonders wichtig ist, da diese sowohl programmieren, als auch mit Sensorik und der Signalverarbeitung umgehen müssen.

Dienstleistungsbereich ist gefährdet

Für Kegel ist das kein Problem: „Wir sehen das an unseren eigenen Mitarbeitern, die uns vorauseilen, die mehr wissen, als wir im Unternehmen organisatorisch umsetzen. Wir haben eine hervorragende Ingenieurausbildung, doch wir bemängeln, dass nicht mehr junge Leute diesen Weg einschlagen und die absolute Zahl an Studenten, die diesen Weg einschlagen, nicht mehr ausreicht.“ Aber an der Ausbildung selbst gebe es nichts zu bemängeln, die sei wirklich hervorragend. „Die studierten und gut ausgebildeten Mitarbeiter stellen nicht unser Problem dar, die sind schon weiter als wir“, so Kegel. Aber dies seien nur 30 oder 35 % der Mitarbeiter des Unternehmens.

„Nur, was ist mit den anderen 65 %?“, fragt Kegel. „Da habe ich große Sorge, dass wir die in der Vorwärtsbewegung verlieren.“ Man werde einen Gutteil der Personen im industrienahen Dienstleistungsbereich nicht mehr benötigen. „Es braucht niemanden mehr, der Excel-Tabellen ausfüllt. Das geschieht zukünftig automatisiert. Was machen wir mit diesen Mitarbeitern?“ Denn der Aufwand für eine Weiterbildung entspreche nicht mehr dem, was man dabei herausbekomme. Und manche Leute seien dazu auch nicht bereit. Dazu komme, dass diese Leute oftmals sehr gut bezahlt seien und wenn die ihren Job verlören, gebe es noch ganz andere Probleme. MM

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