Google+ Facebook Twitter XING LinkedIn GoogleCurrents YouTube

Insolvenz in Eigenverwaltung

Der rettende Gedanke

| Autor / Redakteur: Robert Buchalik / Melanie Krauß

(Bild: gemeinfrei (Pixabay, derneuemann) / CC0)

Um ein modernes Unternehmen erfolgreich zu führen, bedarf es vieler verschiedener Fertigkeiten und Fähigkeiten – und einer Portion Glück. Im Falle einer existenzbedrohenden Krise denken viele zuerst an ein Insolvenzverfahren.

Etwa 20.000 Unternehmen beantragen jährlich in Deutschland ein Insolvenzverfahren. Die meisten insolventen Unternehmen werden entweder liquidiert oder verkauft. Die Gründe dafür sind vielfältig: Manche Inhaber unterschätzen die Situation und stellen zu spät einen Insolvenzantrag. Ein weiterer Grund ist die Unkenntnis über bestehende Sanierungsmöglichkeiten wie die Eigenverwaltung.

Eine existenzbedrohende Krise kündigt sich nicht immer an, sie kann mitunter völlig unerwartet und plötzlich eintreten – und auch trotz voller Auftragsbücher. So geschehen bei dem Siegerländer Automobilzulieferer Oehmetic GmbH. Ein unvorhersehbarer Schaden an einer wichtigen Großpresse führte rasch zu erheblichen Produktionsausfällen. Zur Überbrückung mussten Teile der Fertigung für sechs Monate an andere Zulieferer ausgelagert werden.

Die erheblichen Mehrkosten für die externe Unterstützung mündeten in einen massiven Liquiditätsengpass. Als sich die Lage zusehends zuspitzte, schaute sich Oehmetic-Gesellschafter Ulrich Oehm nach sinnvollen Handlungsalternativen für sein Unternehmen um. Nach eingehender Beratung durch die Sanierungsexperten der Wirtschaftskanzlei und Unternehmensberatung Buchalik Brömmekamp, entschied er sich für die Sanierung unter Insolvenzschutz.

Restrukturierung unter Insolvenzschutz

Das Unternehmen stellte beim Amtsgericht Siegen einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung. Hierbei handelt es sich um ein Sanierungsverfahren mit dem obersten Ziel der Unternehmensfortführung. Deshalb leitete Geschäftsführer Oehm sein Unternehmen auch im Verlauf des Verfahrens unverändert weiter.

Was bedeutet Sanierung unter Insolvenzschutz? Das Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen (ESUG) bietet eine Vielzahl von Effekten zum Liquiditätsaufbau:
  • Während des Verfahrens ist das Unternehmen vor Eingriffen der Gläubiger geschützt.
  • Für die Dauer von bis zu drei Monaten werden sämtliche Gehälter aus den Mitteln des Insolvenzgeldes finanziert, das nicht oder nur zum geringen Teil zurückzuzahlen ist.
  • Zahlungen, die beispielsweise an das Finanzamt geleistet worden sind, können zumindest für einen begrenzten Zeitraum unter Umständen zurückgefordert werden.
  • Die Kündigungsfristen bei allen Dauerschuldverhältnissen – unabhängig von der Restlaufzeit – sind auf maximal drei Monate begrenzt.
  • Ungesicherte Altverbindlichkeiten (auch Pensionsverpflichtungen) werden nur mit einem Bruchteil des Ursprungsbetrages bedient.
  • Dadurch soll die operative Sanierung vorangetrieben, die Passivseite der Bilanz saniert und genügend Liquidität generiert werden, um mit ausreichender finanzieller Ausstattung und einer komfortablen Eigenkapitalquote den Neustart anzugehen. Am Ende des Verfahrens steht ein Sanierungsplan, der die Entschuldung des Unternehmens sowie die Befriedigung gesicherter und ungesicherter Gläubiger regelt. Dem Plan müssen die Gläubiger zustimmen.

    Zusätzlich führte der Restrukturierungsexperte Norbert Schröer von Buchalik Brömmekamp als Sanierungsgeschäftsführer den Automobilzulieferer durch das Verfahren. Gemeinsam wurden ein tragfähiges Zukunftskonzept sowie die strategische Neuausrichtung des Unternehmens entwickelt und die daraus gewonnenen Sanierungsmaßnahmen umgesetzt. Das Eigenverwaltungsverfahren bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten, um Liquidität für die erfolgreiche Sanierung zu generieren (siehe Kasten).

    Der eingeschlagene Weg des Maschinenbauers hat sich gelohnt: Mit der Aufhebung des Verfahrens durch das Amtsgericht Siegen gilt das Unternehmen als erfolgreich saniert und entschuldet. Bereits zu dem Zeitpunkt war der Auftragseingang gegenüber dem Vorjahr um 12 % gestiegen – inklusive 40 Neuprojekten.

    Um den sich ändernden Anforderungen an die Metallbearbeitung für die Automobilindustrie gerecht zu werden und die Kapazitäten in Hinblick auf weiteres Wachstum zu erweitern, investiert Oehmetic in den bestehenden Stanz- und Pressenpark. Bereits während des Verfahrens wurde auf die steigenden Kundenanfragen reagiert und eine moderne, automatische Schweißanlage angeschafft.

    Vorbereitend dazu wurden bereits im Rahmen des Neuausrichtungskonzeptes die Fertigungsabläufe und -prozesse optimiert, die zu einer deutlich höheren Produktivität führten. Ebenso positiv entwickelten die Aussichten für die Mitarbeiter. Während des Verfahrens konnten nicht nur alle 120 Arbeitsplätze gerettet werden, sondern dank der guten Geschäftslage stieg die Anzahl der Beschäftigten sogar um etwa 10 %.

    Krisen und Sanierungsbedarf in der Maschinenbaubranche

    Interimsmanagement

    Krisen und Sanierungsbedarf in der Maschinenbaubranche

    01.08.18 - Interimsmanager werden im Maschinen- und Anlagenbau überdurchschnittlich häufig für Krisen-, Sanierungs- und Restrukturierungsprojekte eingesetzt. Eine mögliche Ursache ist die Weitergabe des Preisdrucks durch Zulieferunternehmen. lesen

    * Robert Buchalik ist Vorsitzender des Bundesverbandes ESUG und Sanierung und Geschäftsführer der Wirtschaftskanzlei Buchalik Brömmekamp in 40549 Düsseldorf, Tel. (02 11) 82 89 77 - 1 10, robert.buchalik@buchalik-broemmekamp.de, www.buchalik-broemmekamp.de

    Kommentare werden geladen....

    Kommentar zu diesem Artikel abgeben

    Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

    Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

    Avatar
    Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am
      1. Avatar
        Avatar
        Bearbeitet von am
        Bearbeitet von am

    Kommentare werden geladen....

    Kommentar melden

    Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

    Kommentar Freigeben

    Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

    Freigabe entfernen

    Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

    copyright

    Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 45431561 / Finanzen)

    Themen-Newsletter Management & IT abonnieren.
    * Ich bin mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung einverstanden.
    Spamschutz:
    Bitte geben Sie das Ergebnis der Rechenaufgabe (Addition) ein.

    Industrial Usability 2019

    Das Anwendererlebnis im Mittelpunkt

    Wie sieht eine erfolgreiche UX-Strategie aus? Ein Glück in Sachen Alleinstellungsmerkmal: Eine für alle, die gibt es nicht. Dieses Dossier bietet verschiedene aktuelle Ansätze und Trends in der Industrial Usability. lesen

    Effizienzsteigerung

    Mit Künstlicher Intelligenz erfolgreich durchstarten

    Wie Sie Ihr erstes KI-Projekt starten, wie sich die Branche verändern wird und welche Best Practices es heute schon gibt – hier finden Sie die Fakten und das nötige Grundlagenwissen! lesen