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Interview mit Jean-Marc Collet, Stäubli „Der Robotik steht eine erfolgreiche Zukunft bevor“

Autor: Silvano Böni

Stäubli gehört zu den führenden Roboterherstellern weltweit. Wir haben uns mit Jean-Marc Collet, Business Unit Manager, über die Zukunft der Robotik, des Werkplatzes Schweiz und über Produktionsverlagerungen ins Ausland unterhalten.

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Dank längjähriger Erfahrung in sensitiven Umgebungen profitiert Stäubli von der positiven Entwicklung im Food-Bereich.
Dank längjähriger Erfahrung in sensitiven Umgebungen profitiert Stäubli von der positiven Entwicklung im Food-Bereich.
(Bild: Stäubli)

SMM: Herr Collet, wie ist es Stäubli im vergangenen Jahr ergangen?

Jean-Marc Collet: Mit einer zweistelligen Wachstumsrate war 2017 für uns nochmals ein Rekordjahr und die weiteren Prognosen sehen ebenfalls sehr positiv aus.

Es heißt, dass der Trend zur Produktionsverlagerung ins Ausland sich dank Robotern und Automation wieder umkehren wird. Wie sehen Sie die Möglichkeiten, dass ausgelagerte Jobs wieder zurück­kommen?

J.-M. Collet: Durch die Automation und daraus resultierende optimierte Produktivität mit hoher Flexibili­sierung der Prozesse sowie die Echtzeit-­Qualitätskontrolle und -Verfolgbarkeit sind wichtige Entscheidungsparameter gegeben, um ausgelagerte Produktionen zurück in die Schweiz zu holen. Die kürzeren Reaktionszeiten erlauben es zudem, sich schneller an die fluktuierenden Marktbedürfnisse anzupassen. Geeignete Grundlagen zu schaffen für eine wirtschaftliche Produktion in der Schweiz ist also durchaus möglich. Konkrete Beispiele aus den vergangenen Jahren beweisen es.

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Laut neuster Studie des Weltroboterverbands IFR hat die Schweiz nur 128 installierte Roboter-Einheiten pro 10.000 Arbeiter. Ist das für ein Hochlohnland nicht viel zu wenig?

J.-M. Collet: Der größte Teil der weltweit produzierten Roboter wird immer noch im Bereich Automotive installiert. In der Schweiz findet man fast keine Produktionseinheiten dieser Branche, was hauptsächlich die tiefere Rate im Vergleich mit anderen Ländern erklärt. Die Schweizer Industrie besteht zum größten Teil aus KMU, deren Automationsgrad aber kontinuierlich steigt. Diese Unternehmen sind mehr und mehr überzeugt, dass sie dank der Robotik noch konkurrenzfähiger werden in den internationalen Märkten. Die Anzahl von Roboter-­Einheiten wird sich somit in den nächsten Jahren wesentlich erhöhen.

Schweden, Dänemark, Spanien und auch Italien sind wesentlich stärker automatisiert. Wo sehen Sie die Gründe?

J.-M. Collet: Spanien profitiert stark von seinem hoch automatisierten Automotive-Bereich. Das Gleiche gilt auf einem tieferen Niveau für Italien und Schweden. In Italien, dem zweitgrößten europäischen Markt für die Robotik nach Deutschland, sind auch die Metallindustrie und die Chemie-Produk­tion sehr dynamisch und gut vertreten.

In Asien ist die Roboterdichte bis zu fünf Mal höher als bei uns. Sind Asiaten offener gegenüber den mechanischen Helfern oder ist das nur auf die Elektro-/Elektronikindustrie zurückzuführen?

J.-M. Collet: Nach Automotive ist die Elektro-/­Elektronikindustrie die zweitgrößte automatisierte Branche in der Welt und diese ist hauptsächlich in Asien angesiedelt. Das ist der wichtigste Grund dieser hohen Zahlen. Kulturelle Aspekte und der spielerische Umgang mit Elektronik bereits im Kleinkind­alter haben aber bestimmt auch zur weitverbreiteten Affinität und Offenheit gegenüber der Robotik beigetragen.

Zurück zu Stäubli. Was gibt es für Neuheiten?

J.-M. Collet: Neben unserem breiten Angebot in der Mensch-Roboter-Kollaboration steht auch Mobilität für uns als Innovationstreiber. Unser mobiler Roboter „HelMo“ kann an verschiedenen Orten der Produktion jederzeit autonom und situativ neue Aufgaben übernehmen. Außerdem werden wir an der Automatica noch viele weitere spannende Neuheiten vorstellen, ein Besuch lohnt sich also.

Welche Märkte und Branchen sind nach wie vor die Absatz-­Zugpferde?

J.-M. Collet: Unsere stärksten Märkte sind Automotive, Metallindustrie, Mikrotechnik (inklusive Uhrenindustrie), Elektronik und Life-Science. Außerdem entwickelt sich der Bereich Food vielversprechend. Dank unserer langjährigen Erfahrung in sensitiven Umgebungen profitieren wir hier von einem schnellen Wachstum.

Zur Schweiz: Wo sehen Sie die besonderen Stärken des hiesigen Werkplatzes?

J.-M. Collet: Innovation, Lösungsorientierung, politische Stabilität, effiziente Administrationsprozesse sind Stärken, die die Schweizer Industrie weltweit bekannt gemacht haben und immer noch hochgeschätzt sind. Die mehrsprachige Kultur hilft uns zudem, auch international orientiert zu sein und uns einfacher an die anderen anzupassen.

Wie sieht die Zukunft in der Robotik aus?

J.-M. Collet: Der Robotik steht sicherlich eine erfolg­reiche Zukunft bevor. Sie gehört schon heute zum Alltag zahlreicher Industrie-Mitarbeiter und die erbrachten Mehrwerte werden anerkannt und geschätzt. Roboter übernehmen schwere und ungesun­de Aufgaben sowie auch repetitive Tätigkeiten, die eine hohe Präzision und Schnelligkeit verlangen. Bei vielen Kunden bekommen unsere Roboter sogar Vornamen und werden Arbeitskollegen genannt.

Haben denn die viel gelobte Vernetzung und Industrie 4.0 bereits ihre Wirkung entfaltet?

J.-M. Collet: Nach dem „Buzz“, welcher von Industrie 4.0 generiert wurde, erwartet man jetzt eine konkrete Umsetzung. Die Produktion ist beauftragt, sich noch smarter zu entwickeln, um sich noch proaktiver an die Marktbedürfnisse anpassen zu können. Zum Glück sind wir sehr gut vorbereitet. Unsere Roboter mit ihren modernen Multitasking-­fähigen Steuerungen können mit allen Produktionsgeräten und dem ERP-System unserer Kunden gleichzeitig kommunizieren. Dank dieser hohen Konnektivität leisten sie einen optimalen Beitrag für mehr Produktionsflexibilität und Modularität. Aus­serdem gewährleisten sie gleichzeitig eine kontinuierliche Qualitätskontrolle und eine Online-Verfolgbarkeit.

Kollaborative Roboter sind nach wie vor im Trend. Wie sieht das bei Stäubli aus? Verkaufen sich ihre TX-Modelle besser als
andere?

J.-M. Collet: Ich bin der Meinung, dass kollabo­rierende Roboter nicht nur ein Trend sind. Sie werden immer wichtiger werden. Der Erfolg unserer neuen TX2-Reihe und ihrer SIL3/Ple-modularen Safety-­Funktionalitäten bestärkt uns in dieser Überzeugung.

In unserer Gesellschaft wird immer mehr automatisiert. Jobs fallen weg, neue entstehen. Die Stimmen nach einem bedingungslosen Grundeinkommen werden lauter. Wie stehen Sie dazu?

J.-M. Collet: Gewisse schwere, repetitive und sogar ungesunde Prozesse werden zukünftig wohl mehr von Robotern übernommen. Die Industrie wird im Gegenzug mehr qualifizierte Mitarbeiter aufbauen und umschulen. Im Endeffekt schafft die Robotik neue und interessantere Arbeitsplätze. Berufe in der industriellen Produktion sind dadurch auch für unsere Jungen attraktiver geworden. Ich sehe deshalb die Robotik nicht als Grund für ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Das Interview erschien zuerst bei unserem Schwestermagazin Schweizer Maschinenmarkt

(ID:45212164)

Über den Autor

 Silvano Böni

Silvano Böni

Stv. Chefredaktor, Vogel Communications Group AG