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Großanlagenbau Deutscher Großanlagenbau im Griff von Corona

Autor: Anke Geipel-Kern

Der deutsche Großanlagenbau in der Zange zwischen Coronavirus, Ölpreisschock und Chinesischen Anbietern. Der technologische Vorsprung von Linde, Thyssenkrupp und Co. gegenüber dem asiatischen Wettbewerb schwindet. Und die Prognose für das Jahr 2020 steht nun auch in den Sternen. Wie kommt die Königsdisziplin des Anlagenbaus raus aus der Klemme?

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Jürgen Nowicki, Agab-Sprecher und CFO von Linde
Jürgen Nowicki, Agab-Sprecher und CFO von Linde
(Bild: CHRIS TILLE)

Großanlagenbau funktioniere auch aus dem Homeoffice, sagt Jürgen Nowicki, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau im VDMA. Zumindest bei Linde klappt das, denn seit Corona in Deutschland umgeht, ist der Campus in Pullach verweist und bis auf 200 Leute arbeitet der Rest der rund 2000 Mitarbeiter bis auf Weiteres von zuhause aus. Jeder sei sehr diszipliniert und alle Projekte liefen nach Plan, betont Nowicki, der hauptberuflich bei Linde Finanzchef ist.

Doch das gehörte dann auch zu den wenigen guten Nachrichten, die er bei der Vorstellung des aktuellen Lageberichts zu verkünden hatte. Von dem Optimismus, den die deutschen Großanlagenbauer noch am Jahresanfang ausstrahlten, ist wenig übrig geblieben. Im Januar 2020 seien 80 % der Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau von steigenden oder konstanten Auftragseingängen im laufenden Jahr aus gegangen, sagte Nowicki.

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Jetzt bremst die Corona-Krise die Weltwirtschaft auf Null herunter und die Ölpreise purzeln wegen des Streits zwischen Russland und Saudi-Arabien nach unten. Wie der Auftragseingang in diesem Jahr aussehen wird, weiß also keiner und eine Prognose sei wegen der Unsicherheit am Markt nicht möglich, erklärt der Sprecher.

China kommt gewaltig

Die Krise erwischt den Großanlagenbau in einer ungünstigen Phase. Zwar waren die Auftragseingänge in 2019 mit 18,3 Milliarden Euro auf dem gleichen Niveau wie dem Vorjahr. Doch anders als in den vergangenen Jahren schrumpft der Abstand zum internationalen Wettbewerb. Vor allem die Chinesischen Großanlagenbauer holen auf und würden „in allen Branchen zum Hauptkonkurrenten“ erklärt der Agab-Sprecher.

Die Zeiten, in denen die deutschen Unternehmen auf den großen Technologievorsprung, verweisen konnten sind offenbar vorbei. Für Nowicki kommt die Entwicklung nicht überraschend. Von kleineren Projekten ausgehend seien die chinesischen Anlagenbauer peu a peu zu größeren übergegangen und hätten an der Qualität gefeilt, die heute kaum noch hinter der deutschen zurück stände. China sei nicht mehr als Entwicklungsland zu betrachten, sagt Nowicki und mahnt Level Playing Field an, um Wettbewerbsnachteile zu mindern. Zumal China wenig Hemmungen hätte politische und wirtschaftliche Argumenten miteinander zu verbinden, wie das Beispiel chinesische Seidenstraße zeige.

Nachhaltigkeit als neuer, alter Trend

Aber es gibt Bereiche in denen die deutschen Großanlagenbauer im Vergleich zum chinesischen Wettbewerb eindeutig die Nase vorn haben – z.B beim Thema HSE, wo Kunden eine überzeugende Performance verlangten. Die Implementierung von Managementsystemen, mit denen die Unfallentwicklung beschrieben wird, seien oftmals Voraussetzung, um an einer Ausschreibung im Großanlagenbau überhaupt teilnehmen zu können. „Hier sind wir gut und das wissen unseren Kunden auch“, erklärt Nowicki.

Nachholbedarf bei der Digitalisierung

Und wie sieht beim Thema Digitalisierung aus? Momentan sei man da auf kleinem Niveau gibt Nowicki zu. Digitalisierung würde eingesetzt, wenn es um schnellere Arbeitsabwicklung gehe, agilere Projektabwicklung oder digitale Dokumentation z.B. einen digitalen Zwilling. Die Frage sei immer, wo der Kundennutzen liege und wie der Business Case aussehe, meint Nowicki.

In der Großindustrie sei die Lunte lang, kein Wunder bei Projektlaufzeiten von mehreren Jahren und Anlagenlaufzeiten von 30 Jahren. Digitale Services seien noch ein zartes Pflänzchen, zumal für Predictive Maintenance-Konzepte Kunden ihre Anlagen öffnen müssten und hier das Thema Cybersicherheit ins Spiel käme.

Wichtig und vom Kunden gefordert werde allerdings die Zusammenarbeit mit Partnern (Anlagenbau, Ingenieurbüros, Betreiber u.a.), was den traditionell sehr technologieorientierten deutschen Anlagenbauern nicht immer leicht gefallen sei, wie Nowicki selbstkritisch zugibt. Doch gerade im Ausland werde die Zusammenarbeit mit lokalen Anbietern verlangt um die lokale Wirtschaft zu stärken.

Klimawandel und Wasserstoff

Auch den Klimawandel sieht der Agab-Sprecher als große Aufgabe für den Großanlagenbau. Die Branche sei mit ihrer umwelttechnischen Kompetenz ein Wegbereiter der Energiewende und ein zentraler Partner der Industrie bei der Erreichung globaler Klimaziele. Beispiele für die Leistungsfähigkeit des VDMA-Großanlagenbaus seien Anlagen für eine CO2-freie Energieerzeugung, Verfahren zum Recycling von Metallen oder Kunststoffen sowie Systeme zur Vermeidung von Emissionen.

Eng verknüpft mit dem Klimawandel ist das Thema Wasserstoff, der in der Energiewirtschaft der Zukunft als Stromspeicher und Energieträger eine zentrale Rolle spielen könnte. „Als Voraussetzung für die Etablierung eines solchen nachhaltigen Systems muss die Politik jedoch rasch verlässliche Rahmenbedingungen – etwa für den weiteren Ausbau der Windkraft – schaffen, auf Basis derer die Unternehmen wirtschaftlich tragfähige Geschäftsmodelle entwickeln können“, mahnt der Agab-Sprecher zügiges Handeln an. Denn ohne die Nutzung erneuerbarer Energien könne kein Sektor entscheidende Beiträge zum Klimaschutz erbringen: „Grüner“ Wasserstoff und der Ausbau der regenerativen Energien bedingen sich gegenseitig.

USA Top – Mittlerer Osten Flop

Mit mehr Großaufträgen als im Vorjahr und einer Exportquote von 81 Prozent bleibt das Auslandsgeschäfts das Zugpferd der Großanlagenbauer. bleibt hoch. 95 Großaufträge über 25 Millionen Euro – darunter ein Mega-Auftrag mit mehr als 500 Millionen Euro Projektvolumen und 16 Vorhaben in der Kategorie von 125 bis 500 Millionen Euro.

Erfreulich findet Nowicki, dass sich die Großprojekte über alle Branchen verteilen und viele Agab-Mitglieder davon profitieren. Die USA waren aufgrund mehrerer Großaufträge für metallurgische Anlagen der wichtigste Auslandsmarkt für den VDMA-Großanlagenbau (1,5 Milliarden Euro). Vom Bauboom im Nahen und Mittleren Osten ist hingegen kaum noch etwas zu spüren, der Auftragseingang sank auf den niedrigsten Wert seit 17 Jahren.

Mehr Kraftwerke in Deutschland

Die inländischen Bestellungen legten 2019 um 2 Prozent auf 3,6 Milliarden Euro (2018: 3,5 Milliarden Euro) zu. Bemerkenswert war die Entwicklung im Markt für thermische Kraftwerke, hier stiegen die Auftragseingänge um 83 Prozent auf 1,0 Milliarden Euro (2018: 547 Millionen Euro).

Allerdings spielten Großaufträge keine wesentliche Rolle, vielmehr standen Modernisierungsprojekte sowie Services im Blickpunkt. Nowicki glaubt aber nicht, dass sich dieser Aufschwung in den nächsten Jahren fortsetzen könnte, angesichts des absehbaren Endes der Kernenergie und der Kohleverstromung in Deutschland.

Der Artikel erschien zuerst auf Process.

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