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Arbeitsplatzgestaltung Deutschlands Opa-Generation gegen die Turnschuh-Generation Chinas

| Redakteur: Mag. Victoria Sonnenberg

Experten diskutierten über Fragen der Ergonomie und Produktivität von Industriearbeitsplätzen im Rahmen des Fachforums „Teamwork“.

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Das Teamwork Forum „Arbeitsplatzgestaltung“ wird von einer Industrieausstellung der drei Initiatoren der Veranstaltung – Bimos, Karl und Waldmann – begleitet.
Das Teamwork Forum „Arbeitsplatzgestaltung“ wird von einer Industrieausstellung der drei Initiatoren der Veranstaltung – Bimos, Karl und Waldmann – begleitet.
(Bild: Waldmann)

Sind Produktivität und Ergonomie Widersprüche oder zwei Seiten der gleichen Medaille? Diese Frage diskutierten am Mittwoch, 15. Mai, rund 70 Experten für Arbeitsplatzgestaltung im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Bremen. Bereits zum fünften Mal fand in diesem Jahr das Teamwork Fachforum statt –eine gemeinsame Veranstaltung der Unternehmen Waldmann (Lichtsysteme), Karl (Arbeitsplatzsysteme) und Bimos (eine Marke von Interstuhl) und findet im jährlichen Turnus an unterschiedlichen Orten in ganz Deutschland statt.

Monotone Arbeit kann krank machen

Dr. Martin Braun vom Stuttgarter Fraunhofer Institut für Arbeitswissenschaft und Organisation (IAO) betonte, dass neuere Untersuchungen übereinstimmend zu dem Ergebnis kämen, dass der Faktor Mensch bei Planung von Arbeitsplätzen und dem Layout von Fabriken noch stärker als bisher berücksichtigt werden müsse. Eine zu monotone Arbeit, bei der beispielsweise alle 60 Sekunden die gleichen Handgriffe zu verrichten seien, könne Menschen krank machen. Braun berichtete von Unternehmen, die daher ihren Mitarbeitern zusehends komplexere Tätigkeiten zuweisen.

Fließband der Zukunft

Am Fließband der Zukunft wären Arbeiter dann für sehr viel umfangreichere Prozesse zuständig als bisher: statt Taktzeiten im Sekundenbereich gäbe es Arbeitsabläufe, für deren Ausführung bis zu 45 Minuten gebraucht werden. Derart fordernde und verantwortungsvolle Industriearbeitsplätze würden sich nachweislich positiv auf Produktivität aber auch auf Motivation und Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen auswirken. Braun ist überzeugt, dass alle großen Industriebetriebe in den nächsten Jahren ihre betrieblichen Produktionssysteme stärker denn je auf den Faktor Mensch ausrichten werden.

Ergonomie nicht verhandelbar

„Die ergonomische Gestaltung von Arbeitsplätzen ist keine verzichtbare Mode - sondern existenzielle Voraussetzung, um die Wettbewerbsfähigkeit unserer Standorte angesichts einer alternden Gesellschaft zu bewahren“, sagte Dr. Uwe Rohrbeck, Leiter Gesundheitsdienst im MAN Werk in Salzgitter. Die fast 2000 Mitarbeiter von MAN in Salzgitter (Niedersachsen) sind im Schnitt 47,4 Jahre alt. „Das ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel bei größeren Industriebetrieben“, sagte Rohrbeck. „Und wir werden immer älter. Die Politik will, dass unsere Arbeitnehmer bis 67 arbeiten. Eines Tages vielleicht sogar noch länger – doch wie schaffen wir es, dass die deutsche Opa-Generation mit der Turnschuh-Generation in China oder Indien mithält?“

Individuelle Arbeitsplatzgestaltung

MAN löse dieses Dilemma, indem man versuche, für jeden Mitarbeiter den optimalen Arbeitsplatz anzubieten und diesen technisch so auszustatten, dass das Heben schwerer Lasten oder das Verrichten von Arbeiten in ungesunder Haltung nicht mehr nötig ist. „Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, so genannte Silver Lines einzurichten, also Fließbänder ausschließlich mit älteren Mitarbeitern zu besetzen. Stattdessen setzen wir unsere Mitarbeiter so ein, dass sie so produktiv wie möglich arbeiten – aber mit einer Beanspruchung, der ihr Körper lebenslänglich gewachsen ist“, so Rohrbeck weiter.

Kaum ein deutscher Arbeitsplatz ist beleuchtet

Der Biologe Dr. Andreas Wojtysiak ist bei dem Münchner Leuchtmittelhersteller Osram für die biologische Wirkung von Licht verantwortlich. Seine These: Kaum ein Arbeitsplatz in Deutschland ist optimal beleuchtet. Sowohl die Lichtintensität, vor allem aber die Lichtfarbe sei dringend verbesserungswürdig. Wojtysiak erläuterte in diesem Zusammenhang den circadianen Rhythmus des Menschen und die vor allem von kaltweißem Licht gesteuerte Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin. Verkürzt ausgedrückt: Kaltweißes Licht macht wach – vor allem, wenn es wie die Sonne von schräg oben scheint. Untersuchungen in Schulen hätten ergeben, dass Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit durch Licht zu verbessern sind, wenn die Beleuchtung der Klassenräume natürlichem Tageslicht ähnele.

Optimales Licht ist wirkungsvoller als Kaffee

Das gleiche biologische Prinzip komme bei neuartigen Konzepten für die Beleuchtung von Flugzeugkabinen zum Einsatz. „Wir können Jet-Lag vielleicht nicht ganz verhindern – aber wir können dafür sorgen, dass die Menschen auf Langstrecken viel entspannter ankommen.“ Auch in Altenheimen lasse sich die positive Wirkung kaltweißen Lichts nachweisen: Durch großflächige Lichtinstallationen in der Decke ließen sich altersbedingte Schlafstörungen deutlich reduzieren. Die so gewonnenen Erkenntnisse sollen demnächst auch in die Entwicklung neuer Beleuchtungskonzepte für Nacht- und Schichtarbeitsplätze einfließen. Wojtysiak: „Wenn man so will: Mit Licht kann man sich dopen. Besser als mit Kaffee.“

Jeden Handgriff intelligent planen

Holger Müller von der Deutschen MTM Gesellschaft sprach abschließend über die Synchronisation von Ergonomie und Zeit im Produktivitätsmanagementsystem. Seine These: „Es geht darum, produktiv und gesund zu arbeiten. Das beginnt bei der Planung von Produkten, bei der Konstruktion.“ Angesichts weltweiter Normzahlen für die durchschnittliche Dauer von Tätigkeiten sei die überragende Produktivität deutscher Unternehmen nur durch Know-how zu verteidigen. „Im Prinzip ist die Produktivität einer Fabrik nicht limitiert.“ Dabei gehe es nicht darum, von Menschen unmenschliches zu verlangen – sondern jeden Handgriff so intelligent zu planen, dass die Produktion eben wie geschmiert laufe. Die Erfahrung in der Automobilbranche aber auch in anderen Industriezweigen nach 2008 spielt Müller zufolge dem Standort Deutschland in die Hände. „Insourcing ist das große Thema. Produkte werden eben immer variantenreicher und dadurch in immer kleinerer Stückzahl gefertigt. Dadurch lohnt es sich, Produktionsabläufe zurück nach Deutschland zu verlagern.“MM

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