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Wandel der Berufsbilder

Die digitale Arbeitswelt braucht Generalisten

| Autor/ Redakteur: Christian Glander / Robert Horn

Das Thema Industrie 4.0 prägt den Alltag im Maschinen- und Anlagenbau. Die Steuerung von Fertigungsanlagen wird immer intelligenter und adaptiver. Sie braucht Software-Expertise. Das krempelt abgegrenzte Jobprofile um.

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Der klassische Ingenieur wird zunehmend verschwinden. Immer häufiger ist Wissen aus dem IT-Bereich gefragt, sodass sich die Qualifizierung für dieses Berufsbild deutlich verändern dürfte.
Der klassische Ingenieur wird zunehmend verschwinden. Immer häufiger ist Wissen aus dem IT-Bereich gefragt, sodass sich die Qualifizierung für dieses Berufsbild deutlich verändern dürfte.
(Bild: © Boggy - Fotolia.com)

Geht es um Industrie 4.0, kommt dem Maschinen- und Anlagenbau eine Schlüsselposition zu. Denn während in anderen Branchen noch über diese Thematik geredet wird, schafft der Maschinenbau bereits Tatsachen. Ob es nun darum geht, komplett durchdigitalisierte Prozesse wie den Transfer von Auftragsdaten des Kunden direkt auf den Monitor des Monteurs zu bringen. Oder aber um die softwarebasierte Systemsteuerung zwischen zwei Teilen einer Fertigungsanlage.

Diese steigende Komplexität und Intelligenz von Maschinen mitsamt deren Mess- und Steuerungsmöglichkeiten stellt vor allem die involvierten Fachkräfte vor neue Herausforderungen bei dem, was sie tun. Nicht nur, dass sie sich stets mit neuen Aufgabenfeldern „anfreunden“ müssen, auch die Anforderungen an ihr Fachwissen verändern sich massiv. Und das kostet Zeit. Laut aktueller Branchenstudie von Hays und PAC verbringt bereits ein Drittel der Mitarbeiter von Unternehmen aus der produzierenden Industrie mehr als 30 % der Arbeitszeit damit, sich in digitalen Themen fit zu machen.

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Industrie 4.0 erfordert neue Kompetenzen

Und das aus gutem Grund, wie auch Dr. Axel-Andreas Gomeringer, Leiter Innovation von Festo, weiß: „In vielen Disziplinen müssen Fachkräfte heute anders aus- und weitergebildet werden.“ Ihm fallen da die Fabrikplaner ein, die heute auch Kenntnisse aus der Informations- und Produktionstechnologie benötigen, oder auch die Produktionstechniker, die ebenfalls mechatronische Erfahrungen mitbringen sollten, damit sie auf sehr hohem Niveau schnell den Stillstand einer Anlage beheben können.

Vor der größten Veränderung stehen allerdings die Berufsbilder des klassischen Ingenieurs sowie des klassischen Softwareentwicklers. Um Maschinen zu vernetzen und entsprechende Systemwelten dafür zu entwickeln, brauchen sie zunehmend integriertes Wissen aus beiden Disziplinen. Ihre Berufsbilder werden früher oder später zusammenlaufen, womit sich ihre jeweilige Qualifizierung auch deutlich verändern dürfte. Der Fertigungsingenieur muss den Prozess überwachen und managen, braucht aber auch Kenntnisse zur Entwicklung einer Maschine.

Intelligente Maschinen brauchen Software

Der Softwareentwickler programmiert, aber muss gleichzeitig auch die Kundenerwartungen managen können. Denn die meisten intelligenten Maschinen werden kundenindividuell gefertigt. Zudem erhöht sich mit zunehmender Komplexität der Maschinen und Fertigungsanlagen auch die Datenmenge, die es zu speichern und zu verwalten gilt. Auch diese zusätzliche Kompetenz sollten Fertigungsingenieure oder Softwareentwickler für ihr neues Aufgabengebiet einplanen. Wie hoch damit der Stellenwert der IT Kompetenz im Maschinenbau sein wird, bringt ein Maschinenbauunternehmer auf den Punkt: „Wir entwickeln große Anlagen für unsere Kunden weltweit und setzen auf Ingenieure und Softwareexperten, die Fertigung und Warenfluss optimieren und zudem die Sicherheit der Daten gewährleisten können.“

Nicht nur bedingt durch den demografischen Wandel und chronischen Fachkräftemangel ist diese neue Kombination der Kompetenzen am Arbeitsmarkt noch rar gesät. Auch das Zutun der Hersteller selbst ist gefragt, ihren Kompetenzbedarf richtig zu analysieren, um dann entsprechend erfolgreich intern oder extern zu rekrutieren. Was die Integration von zusätzlichem IT-Know-how anbelangt, lernen sie aber erst langsam. Entsprechend schleppend verläuft auch ihre Adaption bisheriger, standardisierter Stellenanforderungen an die neuen Industrie-4.0-Konzepte. Was genau das für die gefragtesten Fähigkeiten der Fachkräfte im Industriesektor bedeutet, fasst die Hays-Studie zusammen. Immerhin gaben 63 % der Befragten an, nach Generalisten mit unterschiedlichen Branchenerfahrungen zu suchen, nur noch ganze 35 % wollen sich auf ausgewiesene Themenspezialisten verlassen.

Generalisten lösen Themenspezialisten ab

Daraus lässt sich schon ein leichter Trend in Richtung Vielseitigkeit ablesen. Denn gerade im Bereich Softwareentwicklung, Programmierung sowie anschließender Integration der Anwendung in digitale Prozesse ist die Erfahrung unterschiedlicher Entwicklungsumgebungen ebenso wichtig wie die Erfahrung aus anderen Branchen. Beispielsweise ist es kaum bekannt, dass die Anforderungen an Softwareentwicklung im Militärbereich ebenso anspruchsvoll sind wie im Maschinen- und Anlagenbau. Warum also die begehrten Fachkräfte nicht aus dieser Industrie anwerben? Wem das zu exotisch erscheint, der kann seinen Bedarf an IT-Expertise auch über die klassischen IT-Umfelder adressieren. Allerdings wäre eine gewisse Affinität zum Maschinenbau zweifelsohne vorteilhaft – Maschinenbaustudium eingeschlossen.

Um innerhalb der Prozessdigitalisierung erfolgreich sein zu können, spielen aber auch die weichen Faktoren, die Fachkräfte mitbringen müssen, eine wesentliche Rolle. Schließlich gibt es nicht mehr den zentralen Kümmerer, sondern alle Entwicklungsschritte und Abstimmungen werden im interdisziplinären Team gemacht. Das bezeugen auch die Studien­ergebnisse: Demnach bevorzugen die befragten Entscheider vor allem Menschen mit ausgeprägten Fähigkeiten zur Eigenständigkeit (40 %), Verantwor- tungsbereitschaft (38 %) sowie Flexibilität bezüglich Einsatzort und -zeit (31 %). Eigenschaften, die die Entscheider sowohl bei den eigenen als auch bei externen Mitarbeitern erwarten.

* Dipl.-Kfm. Christian Glander ist Abteilungsleiter Contracting beim Personaldienstleiter Hays GmbH in 68161 Mannheim, Tel. (02 11) 17 93 88-2 02, christian.glander@hays.de

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