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Beispiele aus der Praxis Die Digitalisierung wartet nicht

| Autor/ Redakteur: Philipp Ostermeier / Robert Horn

Landmaschinen von Claas, Scheuersaugmaschinen von Kärcher und die Virtual-Reality-Achterbahnen im Europa-Park – drei Beispiele, die eins gemeinsam haben: gelebte Digitalisierung. Unternehmen aus dem produzierenden Gewerbe können davon viel lernen.

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Die Digitalisierung hat längst Einzug in unser Leben und Arbeiten gehalten.
Die Digitalisierung hat längst Einzug in unser Leben und Arbeiten gehalten.
(Bild: gemeinfrei / CC0)

Für viele Unternehmen ist „die Digitalisierung“ immer noch ein sehr abstrakter Begriff. Doch die Kunden warten nicht, bis sich die Firmen in der digitalen Welt zurechtgefunden haben. Deshalb sollten sie sich der Herausforderung stellen und sich vor allem auf drei Gebiete konzentrieren – für die auch die eingangs erwähnten drei Beispiele stehen können.

Der Kunde ist König

Die Vorteile einer konsequenten Ausrichtung auf die Bedürfnisse der Kunden werden in der Landwirtschaft deutlich. Die Zeiten klappriger Trecker als Höhepunkt der Technik sind vorbei: Heute benutzen Landwirte Hightech-Gerätschaften, um Kosten zu sparen und den Ertrag zu erhöhen. Hersteller wie etwa Claas, John Deere oder Fendt haben auf den Trend reagiert. Ihre Mähdrescher messen beispielsweise während der Ernte den Ertrag und regulieren ihre Leistungen, um effizient zu arbeiten und Treibstoff zu sparen. Nach der Ernte liefert das Gerät eine automatisch produzierte Karte, die die Bodenqualität genau aufführt.

So können Stärken und Schwächen sowie andere Eigenheiten der Felder über die Jahre miteinander verglichen werden. Ein Geschenk für den Landwirt – und eine Möglichkeit der Kundenbindung. Schließlich sind die Standards der Maschinen (noch) nicht einheitlich und Landwirte dazu geneigt, lange Zeit mit Maschinen eines Herstellers zu arbeiten.

Digitalisierung der Produktionskette

Kärcher ist das beste Beispiel für die Digitalisierung von Bestell- und Fertigungsprozessen. Bei dem Hersteller von Scheuersaugmaschinen können sich Kunden ihr Gerät im Baukastenprinzip selbst zusammenstellen. Das klingt an sich erstmal nicht besonders revolutionär, hat Kärcher aber den Weg ins digitale Zeitalter geebnet: Anstatt sich fertige Geräte aus dem Katalog auszusuchen, kann ein Konfigurator genutzt werden, der rund 40.000 Kombinationen ermöglicht. Das Ergebnis ist ein individuell passendes Gerät, das nach nur knapp zwei Wochen Fertigungs- und Lieferzeit zum Einsatz kommen kann.

Ein klarer Vorteil für die Kunden, aber auch für Kärcher selbst. Denn dank der neuen, digitalen Bestell- und Fertigungsprozesse können noch mehr Produkte noch effizienter hergestellt werden. Die Lagerkosten sinken, weil intelligente Regale Bau- und Ersatzteile automatisch nachbestellen, wenn sie zur Neige gehen. Außerdem werden die Kosten reduziert, da für die Bestellbearbeitung und Fertigung weniger Mitarbeiter als früher erforderlich sind. Zu guter Letzt verbessert sich auch die generelle Qualität der Produkte, da durch die komplette Digitalisierung der Fertigungsstraße Fehler viel früher erkannt und behoben werden können.

Motor für Entwicklung

Manche Unternehmen aus dem produzierenden Gewerbe können die Digitalisierung auch als Motor nutzen, ihr eigenes Geschäftsmodell weiterzuentwickeln. Ein Beispiel dafür ist die Nutzung von Virtual Reality, kurz VR. Die digitalen Brillen mit 3D-Funktion haben es dem Freizeitpark Europa-Park im badischen Rust erlaubt, eine völlig neue Art der Achterbahn zu bauen. Die Attraktion ist nämlich mit einem effektiven VR-System gekoppelt.

Jeder Gast erhält eine Brille, durch die in eine actionreiche Fantasywelt abgetaucht werden kann. Plötzlich verwandelt sich die Achterbahn in eine Lore und rast durch eine Mine oder die Fahrgäste werden von einem Drachen gejagt. Ein völlig neues Erlebnis für Gäste und eine großartige Aufwertung der Fahrattraktion.

Aber auch in anderen Industrien ist Virtual Reality schon lange ein Trumpf. So können mithilfe der Brillen beispielsweise Designs und technische Abläufe kostengünstig digital sichtbar gemacht werden. Und in vielen Branchen werden Angestellte mittels VR-Brillen in komplizierten Verfahren geschult.

Triebwerk statt Bremsklotz

Damit die Digitalisierung also zum Triebwerk anstatt zum Bremsklotz des wirtschaftlichen Erfolgs wird, sollten sich Unternehmen der Möglichkeiten und potenziellen Fallstricke der Technik bewusst werden. Um das volle Potenzial auszuschöpfen, müssen Unternehmen ihrerseits Voraussetzungen schaffen, damit die Digitalisierung überall dort im Unternehmen ankommt, wo sie einen Wertbeitrag stiftet (siehe Bildergalerie).

Darüber hinaus kann es auch sinnvoll sein, externe Berater hinzuzuziehen. Diese haben Erfahrung und verfügen über die notwendigen Ressourcen, Technologien und Netzwerke, die notwendig sind, um erfolgreich die ersten Schritte zur Digitalisierung des eigenen Unternehmens schnell und ohne Stolpern zu tun.

* Philipp Ostermeier ist Leiter der Strategieberatung von KPMG in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Tel. (0 89) 92 82-42 38, postermeier@kpmg.com

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