Blechbearbeitung Die Virenkiller aus Oberbayern

Autor / Redakteur: Elena Koene / Mag. Victoria Sonnenberg

Ein deutsches Unternehmen sagt dem Coronavirus den Kampf an: Die innovativen Systeme aus dem Hause Schnittpunkt filtern mithilfe von UV-C-Strahlen ansteckende Aerosole aus der Luft.

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Smarte Lösung gegen Corona: Die Luftentkeimungssysteme der Schnittpunkt-Tochterfirma Caereo machen Bakterien und Viren den Garaus.
Smarte Lösung gegen Corona: Die Luftentkeimungssysteme der Schnittpunkt-Tochterfirma Caereo machen Bakterien und Viren den Garaus.
(Bild: Andreas Gebert)

Im Pausenraum von Schnittpunkt wird auf Hochtouren gearbeitet. Der 30 Quadratmeter kleine Aufenthaltsraum wurde in den letzten Monaten zum Entwicklungszentrum umfunktioniert: An den Wänden stehen Regale mit Blechgehäusen und Rohren, in der Mitte des Raumes findet sich ein großer Tisch. Darauf steht die neuste Erfindung des Lohnfertigers aus Geisenfeld in Oberbayern.

„Wir mussten Platz für die Entwicklung unserer Idee schaffen“, erklärt Olaf Rautner, einer der beiden Geschäftsführer. Während er einem Elektriker über die Schulter schaut, der gerade zwei Verbindungsdrähte aneinanderlötet, fügt er achselzuckend hinzu: „Aktuell dürfen sich unsere Mitarbeitenden während der Pause ja sowieso nicht gemeinsam in einem so kleinen Raum aufhalten.“

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Noch sieht das Ding aus wie ein Schuhkarton aus weißem Blech. Drähte führen hinein und wieder heraus. Einmal im Einsatz, soll die Box dabei helfen, das Coronavirus einzudämmen. „Wir stellen hier Luftentkeimungssysteme her“, erklärt Rautner. „Die Geräte saugen die Raumluft nach oben an. Innerhalb des Gehäuses werden die Keime mittels Ultraviolettstrahlung abgetötet, worauf die keimfreie Luft schließlich Richtung Decke entweicht. So können sich ansteckende Aerosole gar nicht erst im Raum verteilen.“

Not macht erfinderisch

Bakterien und Viren mit Ultraviolettstrahlung abzutöten, ist grundsätzlich nichts Neues. Die sogenannte UV-C-Entkeimung kommt schon seit Längerem bei der Oberflächendesinfektion zum Einsatz. Bislang fand die Technik jedoch keine Anwendung in öffentlichen Räumen, weil sie die Gesundheit von Menschen schädigen kann. „Unsere Geräte sind aber absolut sicher“, betont Rautner. „Wir haben mehrere unabhängige Testate, dass keinerlei Strahlung aus den Geräten austritt.“ Die Luftentkeimer sind in verschiedenen Varianten erhältlich: als einzelnes Hängemodul, in eine Designleuchte integriert oder als Monitorständer für den Arbeitsplatz.

Dem 50-jährigen Geschäftsführer, der Streifenhemd zu Jeans trägt, ist der Stolz auf die Entwicklung anzusehen: Hinter der randlosen Brille funkeln die Augen, sein breites Grinsen ist trotz Maske zu erkennen. Die Idee kam Rautner, als er kurz nach Ausbruch der Pandemie erstmals las, dass Aerosole für die Verbreitung des Coronavirus mitverantwortlich sein könnten. „Da habe ich mich gefragt, wie man die Viren aus der Luft holen könnte.“

Antworten suchte der zweifache Familienvater im Internet. Er las alle Fachbeiträge, die er finden konnte, und diskutierte zudem mit Freunden und Familie.

Mein Ziel war es, etwas auf die Beine zu stellen, das wir in unserem Unternehmen herstellen können und das uns während und nach der Coronakrise weiterbringt.

Olaf Rautner, Geschäftsführer Schnittpunkt

Mit seinem Erfindergeist steckte Rautner seinen Geschäftspartner Erwin Stuiber an. „Ich fand die Idee mit den Entkeimungsgeräten super und habe sofort zugesagt“, erinnert sich der 49-Jährige.

Flexibilität beim Prototyping

Die beiden Partner, die vor 20 Jahren beim gemeinsamen Kaffeetrinken innerhalb von 15 Minuten die Gründung von Schnittpunkt beschlossen haben, fackelten nicht lange und gründeten das Schwesterunternehmen Caereo. Außer unzähligen Stunden Arbeit mussten die beiden zunächst nicht viel investieren. Denn die Maschinen für die Herstellung der Luftentkeimer waren alle vor Ort, das meiste Material auch.

„Wir schneiden die etwa 30 Blechteile für die Geräte alle selbst“, sagt Stuiber. „Der große Vorteil bei der Entwicklung war, dass wir schnell einen Prototyp bauen konnten.“ Schon bald habe man gemerkt „so is des nix“, erzählt Stuiber in breitem Bayrisch, und habe die nächste Generation auf die Laser gebracht. Diese Flexibilität beim Zuschneiden der Bleche verdanken die Oberbayern der Technik von Bystronic – genauer gesagt einer By Sprint Fiber 3015.

Die By Sprint ist einer von vier Bystronic Faserlasern, die Schnittpunkt in den insgesamt sechs Hallen am Standort in Geisenfeld untergebracht hat. Dazu kommen zwei CO2-Laser und sieben Abkantpressen. Ein Teil der Maschinen ist geleast, der Rest gekauft, wobei das Unternehmen aufgrund der vorbildlichen Energiebilanz der Faserlaser von Fördergeldern profitierte.

Schon seit der Unternehmensgründung kennen und schätzen Rautner und Stuiber die Lasertechnik von Bystronic.

Uns gefällt vor allem die Flexibilität der Maschinen. Wir sind ja Lohnauftragnehmer, und vieles wird auf Zuruf geschnitten. Da brauchen wir kurzfristige Konfigurierungen, die zuverlässig umzusetzen sind.

Erwin Stuiber, Geschäftsführer Schnittpunkt

Einen dieser kurzfristigen Aufträge hält Rautner in der Hand, als er in einer der Hallen erklärt, wofür die Lasermaschinen eingesetzt werden, wenn sie nicht gerade Bleche für die Luftentkeimer zuschneiden. „Das sind Ankerscheiben, die für die Abspannung von Seilen für Hopfen verwendet werden“, sagt Rautner. „Ein klassischer Auftrag aus der Region, wo viel Hopfen angebaut wird.“

Neben solchen regionalen Auftraggebern hat Schnittpunkt Kunden weltweit. Mit 130 Mitarbeitern schneiden die Bayern jährlich etwa 7000 Tonnen Stahl, dazu kommen 300 Tonnen Edelstahl und etwa 200 Tonnen Aluminium. Je nach Kundenwunsch werden die Bleche auf dem etwa 6000 Quadratmeter großen Gelände auch gebogen oder verschweißt. 30 Prozent der Abnehmer sind Landmaschinenhersteller, weitere 20 Prozent kommen aus anderen Maschinenbaubereichen, der Rest sind Elektroniker, Feinmechaniker oder Unternehmen aus dem Stahlbau.

Bisher sei das Unternehmen recht gut durch die Krise gekommen, sagt Stuiber. Klar habe es Auftragsrückgänge gegeben, aber man habe von Drei- auf Zweischichtbetrieb umgestellt, für einige Mitarbeiter Kurzarbeit angemeldet und sich neue Geschäftsideen erarbeitet. Mittlerweile hat die Idee des Luftentkeimers erste Kunden gefunden. Mehrere Hundert Stück seien bereits verkauft. Zu den Kunden zählen Büros, Arztpraxen, Läden und Fitnesscenter. Künftig möchte man auch Schulen beliefern, doch noch hat das bayrische Gesundheitsministerium Vorbehalte. „Wir stellen etwa 20 Kammern am Tag her, könnten die Kapazität aber problemlos auf hundert erweitern“, sagt Stuiber.

Die zurzeit etwas chaotisch anmutende Be- und Entladesituation in den Produktionshallen soll bald der Vergangenheit angehören. „Da wir am aktuellen Standort kontinuierlich gewachsen sind, stehen die Laser verteilt, das Material lagert meist daneben, und dann müssen die Teile oft kreuz und quer durch die Hallen gefahren werden.“ Entsprechend möchte sich der Betrieb komplett neu strukturieren – an einem neuen Standort im etwa 15 Kilometer entfernten Mainburg. „Dann wird es eine Laserhalle geben, in deren Mitte das Material gelagert wird und die Laser wie Satelliten darum herum positioniert werden“, sagt Rautner.

Auch die Neugründung Caereo wird in zwei Jahren mit umziehen. Ein kleiner Aufenthaltsraum wird für die Produktion der Entkeimungssysteme dann vermutlich nicht mehr ausreichen.

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