Exklusiv-Interview Digitale Umformtechnik – zwischen Fakenews und Fakten

Autor / Redakteur: Das Interview führte Frauke Finus / M.A. Frauke Finus

Der Pressen- und Anlagenbauer Schuler beschleunigt die Digitalisierung in der Umformtechnik. Hier hat Rohitashwa Pant den Hut auf – im Exklusiv- interview mit Blechnet wirft der Chief Digital & Information Officer einen Blick darauf.

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„Bestehende Anlagen betrachten wir als einen riesigen Datenschatz. Diese Anlagen nicht mit digitalen Lösungen nachzurüsten, wäre eine vertane Chance“, sagt Rohitashwa Pant, Chief Digital & Information Officer bei Schuler.
„Bestehende Anlagen betrachten wir als einen riesigen Datenschatz. Diese Anlagen nicht mit digitalen Lösungen nachzurüsten, wäre eine vertane Chance“, sagt Rohitashwa Pant, Chief Digital & Information Officer bei Schuler.
(Bild: Schuler)

Das Buzzword der Stunde wird noch eine Weile bleiben: „Digitalisierung“. Pressenbauer Schuler beschäftigt sich bereits seit längerer Zeit intensiv mit diesem Thema und wird seit rund eineinhalb Jahren dabei von Rohitashwa Pant unterstützt. Nach Stationen bei Siemens, Accenture und Kuka hat er sich nun die digitalen Lösungen von Schuler auf die Fahne geschrieben.

Lieber Herr Pant, Sie sind „der Neue“ bei Schuler – bitte erzählen Sie uns kurz, wer Sie sind und wo Sie hin wollen?

Ich bin seit eineinhalb Jahren Chief Digital Officer bei Schuler. In dieser Funktion verantworte ich auf der einen Seite die Konzern-IT und auf der anderen den Bereich Digitalisierung. Insofern schlagen zwei Herzen in meiner Brust – bei der IT geht es darum, eine hochkomplexe und über die Jahre entwickelte Infrastruktur sicher weiterzuskalieren, um den Anforderungen unserer internen Kunden gerecht zu werden. Und bei der Digitalisierung geht es darum, neue digitale Produkte zu entwickeln.

Sie kennen sich also aus in Sachen Digitalisierung. Wo steht hier die deutsche Industrie und was kann die deutsche Industrie in naher Zukunft erreichen?

Die deutsche Industrie hat die Wichtigkeit und die Dringlichkeit des Themas gut erkannt und Taten folgen lassen. In den vergangenen zehn Jahren haben viele Unternehmen in organisatorische Maßnahmen investiert, wie zum Beispiel in Digital Labs oder Innovation Center, aber auch in neue Methodologien wie Design Thinking, agile Entwicklung sowie in Technologien wie Machine Learning, Cloud und Big Data. Im globalen Vergleich spielen wir hier schon vorne mit.

Gleichwohl müssen wir akzeptieren, dass die Wettbewerbsvorteile bei der Digitalisierung flüchtig sind, ja sogar schneller verpuffen als in anderen Bereichen. Diese Einsicht ist eine Warnung für Unternehmen, die heute vorne dabei sind, und gleichzeitig ein Mutmacher für diejenigen, die bisher nichts unternommen haben. Noch ist nichts entschieden!

Welche Maßnahmen sind in Ihren Augen dafür nötig?

Die Politik und die Verbände haben schon einiges geleistet in diesem Bereich. Konzepte wie Gaia-X, Standards wie OPC UA und Allianzen wie Open Industrie 4.0 zu etablieren, kostet Zeit und Nerven. Es liegt nun an den Unternehmen, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen. Hier gibt es keine fertigen Rezepte. Klar ist jedoch, dass die Stellschrauben in jedem Bereich vorhanden sind.

Auf der Metaebene sehe ich drei Aktionsfelder für die Maßnahmen: erstens die Incentivierung, also die Schaffung von Anreizen. Das bedeutet, das Digitalgeschäft nicht mit dem gleichen Maßstab zu messen wie das klassische Geschäft. Zweitens sind Kooperation und Kollaborationen gefragt. Unternehmen sollten noch mehr als bisher eine „Make-or-buy“-Entscheidung treffen. Und drittens geht es um „Perpetual Beta“, also den Ansatz, die Produkte ständig weiterzuentwickeln und somit nie wirklich fertig zu sein.

Welche digitalen Lösungen entwickelt Schuler derzeit?

Schuler entwickelt digitale Lösungen seit mehreren Jahren. Kürzlich haben wir sie unter einem neuen Dach zusammengefasst, der Schuler Digital Suite. Für den Instandhalter bieten wir cloudbasierte Lösungen, mit denen sich der Zustand der Anlagen überwachen lässt, oder ein virtuelles Servicesystem zur Fehlerbehebung ohne Techniker vor Ort. Wir nennen es Schuler Connect. Für den Betriebsverantwortlichen haben wir eine Track-and-trace-Lösung im Programm, die eine durchgängige Aufzeichnung von allen bauteilrelevanten Metadaten ermöglicht. Und zum Werkzeugschutz haben wir unter dem Namen Visual Die Protection ein kamerabasiertes Anomalie-Erkennungssystem auf den Markt gebracht. Wir ergänzen die Digital Suite kontinuierlich um interne, externe und kundenspezifische Lösungen.

Warum sollte ich als Betreiber einer Pressenlinie darauf zurückgreifen?

Aus meiner Sicht gibt es zwei primäre Faktoren, die für uns sprechen. Unsere digitalen Lösungen haben einen direkten Einfluss auf die zentralen Kennzahlen für den Betreiber, wie zum Beispiel die Verfügbarkeit oder die Ausbringung. Schuler investiert außerdem ständig in neue Technologien wie Kamerasysteme oder Machine Learning. Damit profitiert der Pressenbetreiber von unserem Innovationszyklus, wenn er auf die Digital Suite setzt.

Hinzu kommen mehrere sekundäre Faktoren. Durch die offenen Schnittstellen und den Einsatz von Standardtechnologien können wir uns problemlos in die IT-Infrastruktur des Kunden integrieren. Und dank der Flexibilität, zwischen On-Premise- und Cloud-Lösungen wählen zu können, werden wir jeder Kundensituation gerecht. Nicht zuletzt sind durch den modularen Aufbau der Digital Suite auch die bestehenden Investitionen des Kunden geschützt.

Wenn ich eine ältere Anlage bei mir in der Halle stehen habe, kann ich Schulers digitale Ansätze nachrüsten oder muss ich gänzlich neu investieren?

Bestehende Anlagen betrachten wir als einen riesigen Datenschatz. Diese Anlagen nicht nach-
zurüsten, wäre eine vertane Chance. Daher sind unsere digitalen Produkte nicht nur größtenteils nachrüstbar, wir steigen auch aktiv in die Projektarbeit ein und helfen unseren Kunden, ihre Brownfield-Anlagen zu vernetzen, um den Zugang zu den Rohdaten zu ermöglichen – unabhängig davon, ob der Kunde unsere Lösungen einsetzt oder nicht.

Der Titel Ihres Vortrags auf der Fachtagung „Mehr Effizienz im Presswerk“ am 15. September in Würzburg lautet „Digitalisierung im Presswerk – zwischen Fakenews und Fakten“ – worauf dürfen die Teilnehmer sich hier freuen?

In meinem Vortrag werde ich gemeinsam mit den Teilnehmern sozusagen unter die Motorhaube der Digital Suite schauen, um die Mehrwerte greifbar zu machen. Auf die Reise dorthin haben wir einige Wetten abgeschlossen, etwa auf Technologie, Partnerschaften und den strategischen Ansatz. Das Meiste haben wir von den Wetten gelernt, die wir verloren haben, und diese Erfahrungen werde ich mit Ihnen teilen. Daher lade ich alle herzlichst ein, die Digitalisierung aus der Perspektive eines Praktikers kennenzulernen. Ich freue mich auf den Austausch!

Sehen Sie hier das ganze Interview im Video:

Mehr Effizienz im Presswerk

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