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Direkte Auswirkungen auf die Sicherheitstechnik

| Redakteur: Dipl.-Ing. (FH) Reinhold Schäfer

Die Vernetzung im Zuge der Umsetzung des Konzeptes Industrie 4.0 wird auch Auswirkungen auf die Maschinensicherheit haben. Wie das bei dem Automatisierungskomponentenhersteller ABB Stotz-Kontakt gesehen wird und was an der Norm geändert werden muss, beantwortet in einem Interview Sven Glöckler, der dort als Segment Manager Maschinenbau tätig ist.

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„Wir alle kennen den Performance-Level nach der EN ISO 13849 oder auch das Safety Integrated Level, kurz SIL, nach der EN IEC 62061. In Zukunft wird man aber auch einen Security-Level betrachten müssen“, so Sven Glöckler, ABB.
„Wir alle kennen den Performance-Level nach der EN ISO 13849 oder auch das Safety Integrated Level, kurz SIL, nach der EN IEC 62061. In Zukunft wird man aber auch einen Security-Level betrachten müssen“, so Sven Glöckler, ABB.
(Bild: Vogel Business Media/Untch)

Maschinensicherheit ist für Glöckler ein elementarer Bestandteil des Maschinenbaus. Entsprechend nimmt sie auch bei seiner täglichen Arbeit bei ABB Stotz-Kontakt eine hohe Priorität ein. Detaillierte Kenntnisse zu dem Thema konnte Glöckler sich bereits in seiner ersten Position bei ABB als ABBaneignen. Neben den notwendigen technologischen Entwicklungen, um Automatisierungskomponenten auch im Zeitalter von Industrie 4.0 sicher betreiben zu können, liegen ihm besonders zwei Dinge am Herzen: die Weiterentwicklung von Normen und Standards vor dem Hintergrund einer vernetzten Industrie sowie der Wissenstransfer vom Komponentenhersteller zum Kunden.

Welche Auswirkung hat Ihrer Meinung nach die Industrie 4.0 auf die funktionale Sicherheit?

Bei Industrie 4.0 geht es sehr stark um das Thema Kommunikation und Datenaustausch – in der Vergangenheit und auch heute noch ist die Maschinensicherheit dagegen meist komplett autark gewesen. Das wird sich in der Zukunft ändern. Die Vernetzung aller an der Wertschöpfungskette beteiligten Komponenten wird direkte Auswirkungen auf die Sicherheitstechnik haben. Das erfordert die Weiterentwicklung der entsprechenden Komponenten und Systeme.

Was bedeutet das denn konkret für die Entwicklung von Maschinen?

Zukünftig wird die Maschinensicherheit nicht nur aus dem Thema Safety, sondern auch aus dem Feld Security bestehen. Wir alle kennen den Performance-Level nach der EN ISO 13849 oder auch das Safety Integrated Level, kurz SIL, nach der EN IEC 62061. In Zukunft wird man aber auch einen Security-Level betrachten müssen.

Ein Kern der Industrie 4.0 Idee ist die flexible Umparametrierung von Anlagen und Maschinen. Wie verträgt sich das mit der Maschinensicherheit – und ist das heute schon realisierbar?

Das ist jetzt ja nichts völlig Neues für uns… Wir wurden auch in der Vergangenheit immer wieder mit solchen Anforderungen konfrontiert. Dabei denke ich auch an unsere Sicherheits-SPS Pluto – hier gibt es die Möglichkeit des Optionshandlings. So können je nach Maschinengattung einzelne Anlagenteile entnommen oder auch hinzugefügt werden. Dabei muss nicht eine komplett neue Software erstellt werden, sondern einzelne Anlagenteile oder Funktionen können über das Optionshandling einfach an- und abgewählt werden.

Reichen die heutigen Normen zur funktionalen Sicherheit für die Anforderungen der Industrie 4.0 aus?

Aus meiner Sicht reichen sie nicht aus – es ist notwendig, dass das Feld erweitert und auf die nächste industrielle Revolution vorbereitet wird. Nur so kann systemübergreifende Durchgängigkeit auch für die Sicherheitstechnik gewährleistet werden.

Was muss konkret getan werden?

Die zuständigen Gremien haben die Problematik schon erkannt. Der IEC-Arbeitskreis TC 44 ist zum Beispiel dabei, eine technische Spezifikation zu erarbeiten, die ergänzend zu der EN IEC 62061 und EN ISO 13849 mehr Informationen zum Thema Security enthalten soll. Außerdem wird mit großer Wahrscheinlichkeit die EN ISO 12100 entsprechend angepasst. Es existiert zudem eine Normungs-Roadmap zum Thema Industrie 4.0 von DIN, DKE sowie VDE, und auch die Plattform Industrie 4.0 der Wirtschaftsverbände Bitkom, VDMA und ZVEI beschäftigt sich unter anderem mit Normung und Standardisierung. Auf internationaler Ebene arbeitet die ISO-Strategiegruppe zu Industrie 4.0 daran, fehlende Normen und Standards zu identifizieren.

Reicht es nicht, funktional sichere Cyber-Physical-Systems zu entwickeln, um eine betriebssichere Fabrik zu erhalten?

Es gehört sicherlich mehr dazu. Schnittstellen müssen exakt definiert und explizite Aussagen getroffen werden, wie was bedient werden darf. Zudem sind auch andere, neue Schutzziele zu bestimmen, um ein sicheres Produzieren in der Industrie 4.0 zu gewährleisten. Ein Beispiel ist die Mensch-Maschine-Kollaboration: Mitarbeiter müssen sich in einer neuen Arbeitswelt zurechtfinden. Auch wenn der Roboter beispielsweise inhärent sicher ist, so muss dennoch geprüft werden, ob der Mensch aus ergonomischen Gesichtspunkten die Tätigkeit langfristig ausüben kann. Das heißt, wir werden mit ganz neuen Themen konfrontiert, die selbstverständlich auch mit einbezogen werden müssen.

Welchen Beitrag können Komponentenhersteller bieten, um die funktionale Sicherheit einer Anlage im Rahmen der Industrie 4.0 zu erhöhen?

Grundsätzlich ist es einmal selbstverständlich, dass ein Unternehmen wie ABB sichere und zuverlässige Komponenten produziert. Darüber hinaus gewinnen vor allem auch Wissenstransfer und Engineeringunterstützung an Bedeutung. Gerade bei dem letzten Punkt bieten die Maschinensicherheitsspezialisten von ABB eine Reihe von Schulungen. Auch auf der Maschinenbauinfo 2016 in Pforzheim sprechen wir über das Thema Industrie 4.0 und in dem Zusammenhang auch über Safety und Security.

Das Interview führte Olaf Meier, Fachjournalist in Mönchengladbach

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