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Fresenius

Fachtagung zog ernüchternde Bilanz über Arbeitsschutzsituation in Deutschland

29.04.2008 | Redakteur: Josef-Martin Kraus

Arbeitsschutz zahlt sich aus: Die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz geht davon aus, dass sich durch Investitionen in gute Arbeitsschutzmaßnahmen ein Rentabilitätsfaktor von bis zu zwölf erreichen lässt. Bild: Uvex
Arbeitsschutz zahlt sich aus: Die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz geht davon aus, dass sich durch Investitionen in gute Arbeitsschutzmaßnahmen ein Rentabilitätsfaktor von bis zu zwölf erreichen lässt. Bild: Uvex

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Frankfurt-Mörfelden (jk) – Alle dreieinhalb Minuten stirbt in der EU ein Mensch an Ursachen, die mit seiner Arbeit zusammenhängen. Dies entspricht über 150000 Todesfällen pro Jahr aufgrund von Arbeitsunfällen (8900) oder Berufskrankheiten (142000). Darauf verweist die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz.

Die EU-Kommission hat 2002 erstmals eine vierjährige Gemeinschaftsstrategie für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit ins Leben gerufen; eine Folgestrategie für 2007 bis 2012 wurde kürzlich vorgelegt. Vor wenigen Monaten haben auch die Arbeitsminister der deutschen Bundesländer nationale Arbeitsschutzziele für die Jahre 2008 bis 2012 beschlossen: Bund, Länder und Unfallversicherungsträger vereinbarten eine Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA).

Große Wissensmängel beim Arbeitsschutz

Während auf politischer Ebene der Stein ins Rollen gekommen ist, fehlt es in der betrieblichen Praxis beim Thema Arbeitsschutz in vielen Fällen noch an Elan. Eine Umfrage des Ingenieurbüros Voss ergab, dass nur ein Drittel der Unternehmen über Flucht- und Rettungspläne verfügen, und gerade mal jeder fünfte Mitarbeiter kennt die Notrufnummer in seinem Betrieb.

Es gibt also viel zu tun: Welche Maßnahmen wichtig und sinnvoll sind und wie sie wirksam umgesetzt werden, das diskutierte Referenten und Teilnehmer der Fresenius-Fachtagung „Safety First – Arbeitsschutz 2008“ am 23. und 24. April 2008 in Frankfurt-Mörfelden.

Die Zahlen, die Jens-Christian Voss vom Ingenieurbüro Voss für das Jahr 2006 vorlegte, stimmen wenig optimistisch: Die meldepflichtigen Unfälle stiegen im Vergleich zum Vorjahr um 5,3% auf 844 090. Bei den tödlichen Unfällen (646) gab es sogar eine Steigerung um 10%.

Noch beunruhigender sind die Ergebnisse einer Umfrage, die das Ingenieurbüro Voss in den vergangenen neun Jahren durchführte. Im Zeitraum von 1999 bis 2008 wurden 998 Unternehmen zur Bedeutung des Arbeits- und Brandschutzes befragt. Während 71% der Vorgesetzten angaben, die Unfallverhütungsvorschriften in Grundzügen zu kennen, waren es bei der Betriebssicherheitsverordnung nur 25%.

Brandschutz ist in vielen Unternehmen ein Fremdwort

Eine ausreichende Anzahl von Feuerlöschern gibt es laut der Voss-Umfrage in 65% der Unternehmen, doch wissen nur 18% der Vorgesetzten und 15% der Mitarbeiter, wo sich der nächste Feuerlöscher befindet. Nicht einmal jeder fünfte Unternehmensangehörige könnte mit einem Feuerlöscher einen Entstehungsbrand bekämpfen.

Die Zahlen verwundern nicht, denn 70% der Unternehmen haben keine Brandschutzordnung. Nur jeder zehnte Mitarbeiter kennt seinen Brandschutzbeauftragten, wobei es einen solchen gerade einmal in 13% der Unternehmen gibt.

Arbeitsschutz muss beim Menschen ansetzen

Dass es auch anders geht, zeigte Rainer Kohlen von Evonik Degussa auf der Fresenius-Fachtagung. Die Evonik Degussa GmbH beschäftigt im Geschäftsfeld Chemie 33000 Mitarbeiter an 100 Produktionsstandorten und betreibt chemische Anlagen mit typischen Gefahrenpotenzialen. Gab es im Jahr 2000 noch neun Arbeitsunfälle ab einen Tag Ausfallzeit pro 1 Mio. Arbeitsstunden, so konnte diese Zahl der Arbeitsunfälle bis 2007 kontinuierlich auf 1,8 gesenkt werden.

„Unsere Unfalluntersuchungen zeigen oft verhaltensbedingte Ursachen – sicherheitsgerechtes Verhalten hätte Unfälle vermeiden helfen. Das heißt: Wir müssen uns mit den Menschen beschäftigen“, betonte Kohlen.

Zur Gesamtaufgabe der Arbeitssicherheit gehört laut Kohlen, Maßnahmen und Trainingsmethoden am menschlichen Verhalten und zugleich an den Verhältnissen vor Ort – sprich: an der Arbeitsplatzsituation – auszurichten. Kohlen stellte die Methode „Moderiertes Sicherheitstraining“ vor. Zentraler Bestandteil sind Team-Begehungen im Betrieb mit sechs bis acht Personen, wobei Vorgesetzte und Sicherheitskräfte ausdrücklich nicht teilnehmen sollten.

Stattdessen ist ein Moderator dabei, der die Diskussionen vor Ort lenkt und dafür sorgt, dass die Erkenntnisse sofort festgehalten werden. Kohlen sieht einen wichtigen Erfolgsfaktor darin, dass die Mitarbeiter sich eigenständig, eigenverantwortlich und aktiv mit dem Thema Sicherheit auseinandersetzen.

Ist Arbeitsschutz betriebswirtschaftlich sinnvoll?

Die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz geht davon aus, dass sich durch Investitionen in gute Arbeitsschutzmaßnahmen ein Rentabilitätsfaktor von bis zu zwölf erreichen lässt – das heißt 12 Euro Gewinn für jeden investierten Euro.

Auch Dr. Karsten Stegemann von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin ist von der wirtschaftlichen Bedeutung des Arbeitsschutzes überzeugt. Im Jahr 2006 entstanden 36 Mrd. Euro Kosten durch Produktionsausfall aufgrund von Arbeitsunfähigkeit, berichtete er auf der Fresenius-Konferenz.

Die Nummer eins unter den Kostentreibern sind Erkrankungen im Muskel-Skelett-Bereich: Sie erzeugen Behandlungskosten von 25 Mrd. Euro und Produktionsausfallkosten von 11. Mrd. Euro. Wenn 30 bis 40% der Ausfallzeiten vermeidbar wären, ließe sich der volkswirtschaftliche Gesamtschaden um etwa 13 Mrd. reduzieren, rechnete Stegemann vor.

„Gesunde Arbeitnehmer sind produktiver und sorgen für bessere Qualität. Weniger arbeitsbedingte Unfälle und Berufskrankheiten führen zu weniger Fehlzeiten am Arbeitsplatz. Das wiederum senkt die Kosten und reduziert die Ausfälle im Produktionsprozess“, fasste Stegemann die Vorteile eines wirkungsvollen Arbeitsschutzmanagements zusammen.

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