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Berufsausbildung 4.0 Flexibel bleiben und sich dem Markt anpassen

Redakteur: Jürgen Schreier

Braucht Industrie 4.0 eine neue Berufsausbildung? Werden Lehrberufe aussterben, wird es neue geben? Und wie nimmt man ältere Arbeitnehmer mit? Wir sprachen darüber mit Dr. Jörg Friedrich, Abteilungsleiter Bildung beim VDMA.

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Dr. Jörg Friedrich, Abteilungsleiter Bildung beim VDMA: „Eine ganz andere Art der Ausbildung brauchen wir sicherlich nicht. Vielmehr geht es darum, flexibel zu bleiben und sich dem Markt anzupassen.“
Dr. Jörg Friedrich, Abteilungsleiter Bildung beim VDMA: „Eine ganz andere Art der Ausbildung brauchen wir sicherlich nicht. Vielmehr geht es darum, flexibel zu bleiben und sich dem Markt anzupassen.“
(Bild: Jablonski)

Mit dem Trend zu Industrie 4.0 entstehen in den Betrieben neue Anforderungen, was das Arbeiten betrifft. Herr Dr. Friedrich, welche Ausbildungsberufe müssen aus Ihrer Sicht angefasst werden, welche werden künftig wichtiger, welche sterben aus?

Friedrich: Ob Ausbildungsberufe wirklich aussterben, dessen bin ich mir nicht ganz so sicher. Da bekommen wir aus der Branche sehr unterschiedliche Rückmeldungen. Dass man zum Beispiel Spezialisten wie den Zerspanungsmechaniker auch künftig brauchen wird, steht außer Frage. Für die Prozess- und IT-Themen werden dann andere zuständig sein. Ich glaube, die Schlussfolgerung, die wir aus den vielen Gesprächen ziehen, die wir mit Praktikern in den Betrieben und jenen führen, die sich mit der Weiterentwicklung von Berufen befassen, lautet: Wir haben sehr gute Berufe. Lediglich in Sachen Informatik muss noch einmal am Schalter gedreht werden. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Diese Personen müssen nicht programmieren können, sie müssen aber die IT-Welt kennen und verstehen, damit sie Informatiker in den Unternehmen „briefen“ können. Wir haben heute schon einen Industrie-4.0-Beruf, den Produktionstechnologen. Leider wird dieser von unseren Unternehmen noch nicht so angenommen, wie wir uns das wünschen.

Woran liegt das?

Friedrich: Das liegt daran, dass es einige Pioniere gibt, die sehr vorausschauend ausbilden, während die anderen abwarten. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass es einen klaren Trend hin zu diesem neuen Beruf geben wird. Allerdings braucht man immer zwei, wenn man einen neuen Beruf einführen will – die Berufsschule und die Unternehmen. Das ist ein wechselseitiger Prozess, wo die eine Seite die andere Seite mitziehen muss.

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Ist die Vorstellung von festgelegten Berufsbildern in der heutigen Zeit nicht überholt? Braucht man vielleicht sogar eine ganz andere Art der Ausbildung?

Friedrich: Eine ganz andere Art der Ausbildung brauchen wir sicherlich nicht. Vielmehr geht es darum, flexibel zu bleiben und sich dem Markt anzupassen. Eine Stärke unserer Industrie besteht ja in der praktischen Orientierung der Ausbildung und in der Fähigkeit, die „enge“ Ausbildung in den Betrieben den Anforderungen des Marktes flexibel anpassen zu können. In dieser Hinsicht mache ich mir kaum Gedanken. Denn der Kunde gibt vor, was er will. Produktion und Ausbildung reagieren darauf.

Wo würden Sie in der Ausbildung den Hebel ansetzen, um den Wandel in Richtung 4.0 zu ermöglichen?

Friedrich: Man muss dabei zwei unterschiedliche Dinge berücksichtigen. Wir sehen uns zum einen mit der Frage konfrontiert, ob die staatlichen Bildungseinrichtungen flexibel genug sind, um den gesellschaftlichen Wandel mitzumachen, wenn die Digitalisierung weiter voranschreitet. Dabei geht es nicht allein um Technik. Wenn wir daran denken, dass wir im Rahmen von Industrie 4.0 mehr Teamarbeit und mehr Interdisziplinarität haben werden, dass wir mehr Problemlösungskompetenz brauchen und zudem davon ausgehen müssen, dass das Wissen exponentiell zunimmt, dann muss man die Wissensvermittlung neu organisieren. Das fängt im Kindergarten an und endet in der Hochschule. Doch nicht nur die Technikausbildung kommt in Deutschland zu kurz, auch die ökonomische Bildung ist ein Thema, dessen man sich annehmen müsste. Sicher, es gibt das Schulfach Politik und Wirtschaft. Doch haben die meisten Lehrer Politik studiert und einen anderen Blick auf die Wirtschaft als wir.

Was kann man da konkret verbessern?

Friedrich: In der schulischen Ausbildung?

Beispielsweise...

Friedrich: In der schulischen Ausbildung brauchen wir entweder ein Fach Wirtschaft oder wir müssen das Fach Politik und Wirtschaft so systematisieren, dass die Lehrer eine ökonomische Ausbildung erhalten. Entsprechend wären die Curricula zu verändern. Im Bereich Technik ist es ähnlich. Entweder brauchen wir ein Fach Technik oder Lehrer, die bereits von der Ausbildung her eine Affinität zu den Ingenieurfächern haben. Heute ist Technik von Mathematik und Physik geprägt und damit sehr theoretisch. Auch das Schulsystem ist meiner Meinung nach zu „staatlich“, zu beamtenmäßig und zu starr organisiert.

Wie macht man die Älteren fit für Industrie 4.0?

Friedrich: Das Thema Industrie 4.0 wird gelegentlich auf einer Ebene diskutiert, wo es nicht hingehört. Wir legen nicht einfach einen Schalter um und dann ist Industrie 4.0 da. Es ist daher auch völlig offen, ob es wirklich eine Revolution mit gesellschaftsweiten Auswirkungen sein wird. Industrie 4.0 ist eher ein Entwicklungsprozess. Folglich gibt es in den Unternehmen schon vieles, das man unter den Begriff Industrie 4.0 subsumieren kann. Die Mitarbeiter haben sich der Entwicklung längst angepasst, auch die älteren. Die Grundlagen sind damit gelegt. Jetzt muss man sich in Richtung Unternehmensorganisation und Führung weiterentwickeln, denn da wird es erhebliche Veränderungen geben. Man ist künftig stärker dezentral aufgestellt als bisher, die Arbeit wird stärker prozessorientiert sein. Folglich gilt es zu überlegen, was die Mitarbeiter unter diesen Bedingungen können müssen. Auch die betriebliche Weiterbildung muss sich darauf einstellen. Sie muss sich stärker an den Prozessen orientieren und dabei berücksichtigen, dass die Menschen in Zukunft über Abteilungsgrenzen hinweg enger zusammenarbeiten werden. Dazu braucht es neue Formen der Weiterbildung, auch unter Einsatz der neuen Medien.

E-Learning zum Beispiel?

Friedrich: Ja. Aber auch Weiterbildung direkt bei der Arbeit. Wenn ich zum Beispiel mit einem Tablet eine Maschine oder Anlage steuere und dabei ein Problem zu lösen habe, könnte ich direkt meinen Lösungsweg im System hinterlegen. Haben die Kollegen das gleiche oder ein ähnliches Problem, geben sie eine Frage ein und bekommen angezeigt, wie andere dieses vorher gelöst haben. Das wäre Learning on the Job mit neuen Medien.

Herr Dr. Friedrich, was die Menschen dieser Tage ganz besonders beschäftigt, ist das Flüchtlingsdrama. Sind die Flüchtlinge für Deutschland eine Chance? Und wenn ja, wie bekommt man sie möglichst schnell in den Job?

Friedrich: Dabei müssen wir zwei Aspekte unterscheiden. Einmal das Engagement von Unternehmern und Unternehmen in ihrer Rolle als Mitglieder dieser Gesellschaft, die den Migranten eine Chance geben. Der andere ist der Bedarf an hochqualifizierten Fachkräften verbunden mit der Frage, ob wir diesen über die Zuwanderung decken können. Da muss man sich zunächst einmal anschauen: Was können diese Menschen? Darüber wissen wir in Grunde sehr wenig. Es gibt viele Spekulationen und aber nur wenige paar Zahlen. Doch wenn wir wissen, dass diese Menschen bei uns „reinpassen“, dann muss man sehen, was sie an Fähigkeiten mitbringen. Sind die wichtigsten Qualifikationen und die erforderlichen Sprachkenntnisse vorhanden, dann sehe ich durchaus gute Chancen. Doch wird dieser Prozess lange dauern. Die pauschale Aussage, dass wir mit den Flüchtlingen unser Fachkräfteproblem lösen können, ist nur ein Teil der Wahrheit. Denn wir sind gleichzeitig in der Pflicht, auch diejenigen Menschen, die keine Ausbildung haben oder die sogar Analphabeten sind, zu qualifizieren, um ihnen eine realistische Chance für die Integration in unsere Gesellschaft zu geben.

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