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Dominic Schindler Creations Gutes Design muss den Bediener effizienter machen

| Autor / Redakteur: Robert Horn / Jürgen Schreier

Was macht gutes Maschinendesign aus? Muss der Produktdesigner künftig zum Prozess- oder Servicedesigner werden? Wir sprachen darüber mit dem renommierten Industriedesigner Dominic Schindler.

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Dominic Schindler: „Es geht darum, komplexe Systeme, wie Industrie 4.0 oder die Abläufe in einer Firma, so zu vereinfachen, dass ich sie als Bediener so effizient wie möglich nutze.“
Dominic Schindler: „Es geht darum, komplexe Systeme, wie Industrie 4.0 oder die Abläufe in einer Firma, so zu vereinfachen, dass ich sie als Bediener so effizient wie möglich nutze.“
(Bild: Dominic Schindler Creations)

Deutsche Unternehmen vernachlässigen die strategische Nutzung von Produktdesign. In 42 % der von der Kölner GMK Markenberatung untersuchten Unternehmen existiert für das eigene Produktportfolio weder eine markentypische Designsprache noch ein Designleitbild und somit keine Designstrategie. Warum ist das so?

Darauf gibt es eine ganz einfache Antwort. Wenn Sie die Geschichte der Industrie anschauen, also nicht nur die des Maschinenbaus, sondern die aller Industrien, ob Medizintechnik, Automobilindustrie oder Consumer Electronics, dann entstanden diese Branchen durchweg aus technischen Innovationen. Nach und nach kamen immer neue Hersteller auf den Markt, deren Produkte immer ähnlicher wurden. Deswegen haben die erfolgreichen Marken, die erfolgreichen Unternehmen überlegt, wie sie für ihre Kunden noch einen zusätzlichen Mehrwert generieren können, und sind darauf gekommen, dass es eben nicht nur den rein rationalen, technischen Nutzen gibt, sondern auch einen emotionalen Mehrwert. Sie haben dann angefangen, in die Emotionalität eines Produktes zu investieren. Bei uns nennt das der Volksmund Design. Und noch immer sind viele Konsumenten der Meinung, dass Design primär etwas mit Schönheit zu tun hat. Deshalb nehmen viele Unternehmen ihre Produkte her und machen eine hübsche Hülle um dieses herum. Genau das aber ist der falsche Ansatz. Und so sind gerade in den 1990er-Jahren Dinge entstanden wie die Zitronenpresse, die keine Zitrone pressen konnte, oder das Auto, das super ausschaute, aber andauernd in der Werkstatt hing. Deswegen bin ich der Überzeugung, dass ein Design eigentlich nichts anderes tun muss, als die inneren Werte eines Produktes nach außen zu kommunizieren und die Distanz zwischen Mensch und Maschine zu minimieren. Nehmen Sie beispielsweise ein Head-up-Display. Das ist etwas, das die Bedienung eines Autos vereinfacht, und damit gutes Design. Alles andere ist nur Fassade.

Also gilt der alte Satz „form follows function“ nicht mehr?

Schauen Sie, dieses „form follows function“ ist ein total überholter Begriff. Wenn man sich einmal anschaut, woher dieser stammt, nämlich aus einer Zeit, in der die technische Innovation alles war. Dann kamen ein paar Schlaumeier und haben gesagt, diese technischen Innovationen verpacken wir jetzt „schön“. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Welche Benefits hat gutes Produktdesign im B2B- oder Investitionsgüterbereich?

Nun, wir alle sind Menschen mit Gefühlen, mit Werten, mit Emotionen. Der eine hat ein bisschen mehr Werte, der andere ein bisschen weniger Emotionen. Aber wir haben alle unsere menschlichen Attribute. Was der Maschinenbau oft vergisst, ist, dass seine Produkte von Menschen bedient werden. Wir sind heute als Menschen tagtäglich von gut gestalteten Produkten umgeben. Egal ob das der Fernseher ist, egal ob das der VW Golf ist, den ich fahre, egal ob das mein Eigenheim ist, wo ich einige schöne Möbel habe – auch wenn sie von Ikea sind. Dann gibt es überhaupt keinen Grund, warum ich zur Arbeit gehe, wo ich nachweislich den größten Teil meiner Lebenszeit verbringe und dort von Produkten umgeben bin, die schwieriger zu bedienen sind als die in meinem privaten Umfeld.

Gibt es einen allgemeinen aktuellen Trend beim Maschinendesign? Was steht heute im Vordergrund? Funktionalität? Ergonomie? Ein ganzheitliches professionelles Erscheinungsbild?

Ich habe es zum Teil schon ein bisschen beantwortet. Wir haben bei DMG Mori eine neue Ära eingeleitet, wo wir gesagt haben, die Produkte müssen gut, seriös und professionell gestaltet werden – so gut, dass ich sie am liebsten in meinem Wohnzimmer stehen hätte. Es geht heute darum, all diese komplexen Systeme, wie Industrie 4.0, sehr umfangreiche Softwaresysteme oder die Abläufe in einer Firma, so zu vereinfachen und zu gestalten, dass ich sie als Bediener annehme und so effizient wie möglich nutze oder einsetze. Dabei genügt es nicht, die Maschine noch einmal um 0,2 ms effizienter zu machen. Vielmehr muss man den Bediener effizienter machen.

Funktioniert ein Design auch im internationalen Geschäft oder braucht es zielgruppen- oder länderspezifische Designkonzepte?

Das ist sicher eine der Herausforderungen der nächsten Jahre. Unterschiedliche Länder und unterschiedliche Kulturen haben natürlich unterschiedliche Ansprüche – eine Erfahrung, die unter anderem die Hersteller von Spielkonsolen machen durften. Vor ein paar Jahren kamen gleichzeitig die Playstation und die X-Box auf den Markt. Die konnten in technischer Hinsicht das Gleiche und es gab die gleichen Spiele. Die Microsoft X-Box wurde allerdings von einem amerikanischen Designer designt, die Sony-Playstation von einem japanischen Designer. Das Interessante ist, dass in Amerika alles, was groß ist, grundsätzlich gut ist. Folglich hat der amerikanische Designer die X-Box sehr voluminös gestaltet. Hingegen ist es in der japanischen Kultur gut, wenn etwas klein und filigran ist. Und so war die schwarze Playstation sehr filigran, sehr zurückhaltend, sehr fein. Und das Interessante war, dass die Playstation trotz der gleichen Spiele und identischer Funktionen in Amerika gefloppt ist. Umgekehrt kam die X-Box in Japan nicht an. Daran sieht man, dass sich alleine von der Gestaltung eines Produkts unser Gehirn verleiten lässt.

Die großen PLM-Systemhäuser etablieren sich mit umfassenden Kollaborationslösungen entlang der ganzen Wertschöpfungskette – sprich vom Entwurf über Konstruktion und Simulation bis hin zum Point of Sales. Schafft das neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Design, Konstruktion, Prototyping und Fabrikplanung?

Absolut richtig! Service Design beziehungsweise Design Thinking sind in diesem Zusammenhang die Schlüsselbegriffe. Es geht darum, dass die Designer immer stärker einbezogen werden, nicht nur bei der Gestaltung von Produkten oder Oberflächen, sondern auch in die Gestaltung von Dienstleistungsprozessen. Wie also muss ein Prozess ablaufen, dass ein Mensch ihn akzeptiert, weil er für ihn der einfachste und schnellste ist? Wir als Designer sind so etwas wie die Anwälte der Bediener. Wir haben immer den Menschen, den Bediener im Auge. Ein bemerkenswertes Beispiel dafür sind die großen Autovermieter. Die haben alle die gleichen Autos, die gleichen Standorte, die gleichen Mitarbeiter und die gleichen Werbeagenturen. Autovermietung ist, so scheint es, ein zu 100 % austauschbares Produkt zu sein. Und trotzdem gibt es einen Grund, warum Sixt doppelt so schnell wächst wie alle anderen. Weil Sixt eines verstanden hat, dass man keine Autos vermietet, sondern dem Kunden Mobilität bringt. Selbst wenn man um 6:30 Uhr morgens an irgendeinem Flughafen ankommt, hat man in kürzester die Autoschlüssel in der Hand. Das Auto steht nicht irgendwo, sondern gleich in der ersten Parkgarage. Das sind genau die Erfahrungswerte, die uns Menschen unbewusst zu der einen oder anderen Marke „treiben“. Das ist auch der Grund, warum Apple so erfolgreich ist. Die Leute sagen immer, Apple ist so wahnsinnig erfolgreich, weil die ein so gutes Design haben. Das stimmt so nicht. Das Design eines I-Phone ist eigentlich nicht besonders aufwendig. Der Grund, warum so viele Leute eine positive User Experience mit Apple haben, ist: Man nimmt das Ding in die Hand und es macht genau das was, ich in dem Moment will.

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