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Industrie 4.0 Industrie 4.0 heißt, alte Denkweisen abzulegen

| Redakteur: Frank Jablonski

Zwischen Hype und Revolution: Worin besteht der Nutzen aus den neuen Ansätzen rund um Industrie 4.0? MM MaschinenMarkt sprach mit Anton S. Huber, CEO der Siemens-Division Industry Automation, Skeptiker und Treiber dieser Entwicklung in einer Person.

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So überrascht war er gar nicht: Anton S. Huber, CEO der Siemens-Division Industry Automation, bei einer Siemens-Pressekonferenz. Beim Thema Industrie 4.0 allerdings vertritt er teilweise skeptische Positionen.
So überrascht war er gar nicht: Anton S. Huber, CEO der Siemens-Division Industry Automation, bei einer Siemens-Pressekonferenz. Beim Thema Industrie 4.0 allerdings vertritt er teilweise skeptische Positionen.
(Bild: Schäfer)

Herr Huber, aus Sicht der Siemens-Division Industry Automation: Wo verläuft die Grenze zwischen Marketing und kaufbaren Produkten bei Industrie 4.0?

Huber: Unserer Meinung nach ist Siemens bereits bei Industrie 3.8 angekommen. Marketing machen wir nur für Produkte, die man auch kaufen kann. Auf dem Weg zu Industrie 4.0 sind aber noch schwierige Aufgaben zu lösen, an denen wir arbeiten. Viele Elemente, die im Rahmen von Industrie 4.0 eine Rolle spielen werden, wie etwa das Produkt, das seine Produktion selbst steuert, sehen wir heute schon. Nehmen Sie die Produktion einer Simatic: alle wichtigen Parameter einer Baugruppe vom Gehäuselieferanten über die Parameter elektronischer Bauteile, Baugruppentestergebnisse bis hin zu etwaigen Nacharbeiten sind virtuell mit dem individuellen Produkt verbunden.

Warum glauben Sie dann, dass es noch 20 Jahre dauern wird, um die restlichen 0.2 Punkte zu erreichen, wie Sie einmal gesagt haben?

Huber: Nehmen wir einmal an, die autonome Fertigung sei das Ziel von Industrie 4.0. Das hieße dann, dass die Maschine selber definiert, wie sie den Fertigungsprozess durchläuft. Wo die großen zusätzlichen Vorteile im konkreten Fall liegen sowie die daraus folgenden Konsequenzen, wäre noch zu definieren. Es gibt heute bereits enorm optimierte Fertigungsprozesse, die ausschließlich in einer festgelegten Sequenz abgearbeitet werden. Diese Technologien werden sich auch in Zukunft weiter verbessern und die Einführung des Neuen verlangsamen. Jenseits der Diskussion um die konkrete Fertigung halte ich einen anderen Punkt bei der Diskussion über Industrie 4.0 und das Internet der Dinge für sehr wichtig: Unsere Welt verändert sich technisch enorm schnell und mit ihr auch die Geschäftsmodelle. Aus meiner Sicht ist die derzeitige Diskussion auch ein Aufmerksam-machen des Maschinenbaus und des produzierenden Gewerbes auf die damit zusammenhängenden Chancen aber auch Risiken. Wegen der hohen Investitionen, die in der Regel über viele Jahre hinweg abgeschrieben werden, ist das produzierende Gewerbe im Allgemeinen eine recht konservative Industrie in Bezug auf Investitionen. Es ist aber wichtig, dass man sich auch in diesen Industrien von traditionellen Denkweisen befreit und erkennt, wie es auch anders, besser gehen könnte. Gute Ansätze sind dazu etwa im Maschinenbau bereits erkennbar. Die Rapid Prototyping Technologie oder der sogenannte 3D-Druck wären hierfür Beispiele. Diese werden in naher Zukunft auch in der Serienfertigung für Komponenten mit niedriger Stückzahl eine wichtige Rolle spielen.

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Welche wirtschaftliche Bedeutung hat das Thema Industrie 4.0 für Sie als Produzenten? Immerhin können sie mit Ihren 250 Werken weltweit im doppelten Sinne von der Entwicklung profitieren! Warum laufen Sie nicht als Bannerträger vorne weg?

Huber: Das tun wir und wir setzen diese neuen Technologien auch exemplarisch in einigen unserer wichtigsten Werke ein. Doch bitte bedenken Sie, dass sowohl die Entwicklungen von Produkten als auch Investitionen vorfinanziert werden müssen. Das kostet sehr viel Geld. Alleine in die Entwicklung des TIA-Portals haben wir bis heute weit über eine Milliarde Euro investiert. Hier reden wir über ein zwischenzeitlich sehr erfolgreich in den Markt eingeführtes Produkt.

Greifen wir einmal ein konkretes Beispiel heraus: Investieren Sie derzeit auch in Projekte Ihres Vorzeigewerkes Amberg?

Huber: Ja, auch hier laufen Projekte. Es gibt momentan datentechnisch keine nahtlose Durchgängigkeit und Transparenz zwischen der Entwicklung und der Produktion. Die Aufgabe lautet, Produktionseinheiten mit den Entwicklungseinheiten so zu verbinden, dass die Daten, die in der Entwicklung generiert werden, an alle Beteiligten in der Produktion bis hin zu den Lieferanten gehen und für alle, je nach Berechtigung, transparent sind. Und zwar in dem Format, in dem sie jeweils arbeiten. Dieser Prozess ist sehr kompliziert, aber genau diesen Weg gehen wir derzeit in Amberg. Zu diesem Zweck haben wir unser MES-System Simatic IT eingeführt und Ende letzten Jahres an unsere neue PLM-Welt basierend auf Teamcenter angeschlossen. Funktionalität und Performance werden nun Jahr für Jahr mit jedem neuen Release wachsen und große Produktivitätsfortschritte ermöglichen.

Wie ist der Nutzen konkret?

Huber: Nur ein Beispiel: Wenn ein Gerät gefertigt wird und ein Problem auftritt, landet dies nicht als Zahl in einer Ausfallstatistik, sondern das Problem wird sofort dem zuständigen Ingenieur zur Kenntnis gebracht. Dieser Entwickler sieht also unmittelbar, was in der Fabrik passiert. Ein Prozess der mit Hilfe einer Pareto-Analyse am Ende einer Schicht, einer Woche oder eines Monats aufzeigt, wie viele Ausfälle es wo gab, um die Priorität für die Problembeseitigung festzulegen, wird also schlichtweg überflüssig. Der Rückkopplungsprozess und die Abstellung von Problemen werden enorm beschleunigt. Diese Funktionalität bauen wir zunächst einmal für uns selbst und erproben sie im Hause, bevor sie in unsere Produkte einfließt. Das ist der Vorteil eines Unternehmens das sowohl die Kundenprozesse praktiziert als auch Softwarewerkzeuge zur Unterstützung solcher Prozesse herstellt.

Bezüglich der Konsistenz der Planungs- und Produktionsdaten: Welchen Stellenwert nehmen komplexe Simulationen bei Ihnen ein?

Huber: Simulation ist ja sozusagen das Gesamtwissen über ein Produkt. Wir stellen eine Tool-Welt zur Verfügung, in der die Anwender mit ihrem eigenen Know-how ihre eigenen Modelle und Produkte simulieren können. Weil wir selber ein großer Hersteller sind, nutzen wir das selbstverständlich auch.

Welchen Anteil hat diese Art von Software-Produkten mittlerweile bei Siemens?

Huber: Einen großen Anteil. So ist unsere PLM-Software Teamcenter bei fast allen Kundenapplikationen mit einem Modul ausgerüstet, das Simulationsdaten managt. Dabei besteht die Herausforderung heute nicht mehr in der Simulation einzelner Komponenten wie z.B. der Simulation eines Federelements mit der Methode der Finiten Elemente, sondern darin, ein Gesamtsystem zu simulieren! Die Systemsimulation komplexer mechatronischer Systeme ist die große Herausforderung. Derzeit beschäftigen wir uns auch intensiv damit, die Simulation von einzelnen Systemkomponenten zu verketten: Simulationsdaten aus einem System so aufzubereiten, dass sie als Eingangsdaten zur Simulation einer anderen Komponente verwendet werden können und belastbare Aussagen liefern.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Huber: Die Simulation des Fertigungsprozesses einer Komponente und deren mechanisches/physikalisches Verhalten nach dem Fertigungsprozess wie die Simulation des Pressprozesses eines Blechteils und sein Verhalten im Zusammenhang mit einem Fahrzeug–Crash – das ist keine triviale Sache! Die Bedeutung von Simulation und integrierten Softwarelösungen wächst – insgesamt haben wir bei der Industry Automation derzeit ca. 8.000 Entwickler beschäftigt – davon sind ca. 6.000 Softwareingenieure.

Dann nennt sich Siemens also in Zukunft statt Technologiekonzern Softwareunternehmen?

Huber: Das nicht, doch in den Themen Digitalisierung und Mechatronik spielt künftig die Musik. Die Verbindung von Elektrik, Mechanik und Software ist sehr komplex. Auf Kundenseite sitzen uns meist Ingenieure gegenüber, die sehr komplexe technische Themen bearbeiten. Unsere Aufgabe ist, deren Denk- und Arbeitsprozesse zu verstehen, um Easy to Use Softwaretools zu entwickeln und bereitzustellen. In diesem Kontext entwickeln sich unsere Softwaretools zu einer Art Expertensystem, das hochkomplexe technische Zusammenhänge erkennt und die entsprechenden Daten im richtigen Kontext zur Verfügung stellt, um in der Entwicklung effizienter „produzieren“ zu können.

* Das Interview führte MM-Chefredakteur Frank Jablonski und MM-Redakteur Reinhold Schäfer.

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