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Smart Factory

Industrie 4.0 – was bleibt, wenn der Kampfschrei verhallt ist?

| Autor/ Redakteur: K. Christoph Keller / Robert Weber

Die vierte industrielle Revolution soll alles auf den Kopf stellen, was Betriebsleiter und Logistiker bis dato kannten. Maschinen kommunizieren untereinander, Behälter entscheiden autonom und alle Mitarbeiter sitzen in der Cloud. Doch viele Ansätze sind altbekannt und feiern ein Revival.

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Auch die Logistikiwirtschaft muss sich der vierten industriellen Revolution stellen. Doch nicht alles, was heute gezeigt wird, ist wirklich neu.
Auch die Logistikiwirtschaft muss sich der vierten industriellen Revolution stellen. Doch nicht alles, was heute gezeigt wird, ist wirklich neu.
(Bild: Weber)

Industrie 4.0 ist in aller Munde: Industrie 4.0 ist eine Revolution der Produktionstechnik. Industrie 4.0 wird in kleinen Schritten realisiert werden. Industrie 4.0 ist nicht aufzuhalten. Industrie 4.0 ist heute schon Wirklichkeit. Industrie 4.0 wird 2030 verwirklicht sein. Industrie 4.0 braucht einen neuen Menschentyp als Mitarbeiter. Industrie 4.0 ist wichtig für den Standort Deutschland und seine Wettbewerbsfähigkeit. Es gibt keine Industrie 4.0-Produkte. Viele aktuelle Produkte sind Industrie-4.0-fähig. So und so ähnlich äußern sich Befürworter, Skeptiker, Pragmatiker, Visionäre, Forscher, Produktions-, Logistikexperten und viele andere mehr. Höchste Zeit, das Dickicht auszulichten.

Der Begriff Industrie 4.0 ist ein sehr gut gewählter Marketingbegriff; ein Kampfschrei von Industrie und Hochschulen – der von der Bundesregierung bereitwillig aufgegriffen wurde. Er fasst ein Bündel von ohnehin bereits seit längerer Zeit, teilweise bis zu sieben Jahrzehnten laufender Trends zusammen. Der prominenteste dieser Trends ist die Informatisierung der Produktion. Seine Ursprünge lassen sich bis in die Zeit des zweiten Weltkriegs zurückverfolgen. Die erste Prozesssteuerung der Weltgeschichte wurde 1944 durch den Computerpionier Konrad Zuse verwirklicht. Flexible Automatisierung, verschiedene Produkte in Einzelstückfluss und „Stückzahl eins“ auf der gleichen Linie herzustellen, sind Schlagworte, die genau so gut in die 80er-Jahre des vorigen Jahrhunderts mit ihrer Diskussion um die Folgen neuer Technologien, vollautomatische Produktion und Geisterschichten, in denen nur die Maschinen arbeiten, passen.

Es lohnt ein Blick in die Technikgeschichte der Neuzeit

Die Idee eines Internets der Dinge reifte in den 1990er-Jahren heran. Ziel ist ein möglichst vollständiges Abbild der physischen Realität im digitalen Raum. Am simplen Ende der Skala befinden sich zum Beispiel RFID-Tags zur Anwesenheits- und Positionsbestimmung von Gegenständen. Am intelligenten Ende finden sich Gegenstände, die mit ihrer Umwelt sinnvoll in Beziehung treten. Über leere Kaffee- oder je nach Geschmack Teekannen haben wir uns alle schon geärgert. Ein Beispiel für einen intelligenten Gegenstand ist die Kaffeekanne, die Kaffee bestellt, sobald sie leer ist.

Diese moderne Version des Märchens vom „Tischlein-deck' dich“ hat ein kleines Mikrosystem mit einem berührungslosen Füllstandssensor und einem Funkmodul im Deckel. Mit dem Internet der Dinge steht das Konzept der sogenannten cyber-physischen Systemen in enger Beziehung. Es geht um die komplexe Vernetzung eingebetteter Systeme, wie beispielsweise des Deckels der oben angesprochenen Kaffeekanne und mit anderen Datenverarbeitungsgeräten wie zum Beispiel Smartphones und Tablets über lokale und globale Netze, Daten- (Cloud-Computing-) und Kommunikations(infra)strukturen.

Die Sammlungsbewegung hinter dem Marketingbegriff Industrie 4.0 unternimmt derzeit den Versuch eines groß angelegten Technology-Push. Dabei sind einige Forschungsinstitute und Hersteller von Produktionsmitteln besonders rührig. Aber: Es geht hier zunächst um Ideen und Technologien, die eine Anwendung suchen, nicht um einen dringenden Technologiebedarf von Industrie oder Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund muss auch gesehen werden, dass Hochschulen nach dem Leitbild der unternehmerischen Hochschule nicht mehr im bisher gewohnten Maße neutrale Orte des Wissens, sondern unternehmerisch tätig sind, ihre Forschungsergebnisse ebenfalls „verkaufen“ sollen.

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