Suchen

Smart Factory

Industrie 4.0 – was bleibt, wenn der Kampfschrei verhallt ist?

Seite: 2/3

Firmen zum Thema

Unternehmen müssen sich mit den Trends hinter dem Hype befassen

Wenn wir aus Hypes der Vergangenheit etwas lernen können, dann das: Es kommt ganz anders als von den Technology Evangelists verkündet. Und zwar meist viel umfassender und durchgreifender als zunächst gedacht! Der Hype um Industrie 4.0 als Kampfschrei wird abflauen. Die dahinter liegenden Trends jedoch sind sehr real und wenig deutet darauf hin, dass sie in den nächsten Jahren brechen werden. Für Unternehmen führt also kein Weg daran vorbei, sich mit diesen Trends zu befassen.

Viele unter Ihnen werden sich an ein großes Forschungsprogramm der Vergangenheit erinnern: ich meine die Mikrosystemtechnik. Mit viel Aufwand wurde an miniaturisierten Sensoren, Aktoren, verfahrenstechnischen Anlagen und Analysesystemen geforscht. Jeder Forschungsantrag wurde so lange geknetet, biss er ein „bisschen mikro“ war und in die Kategorien der Förderprogramme passte. Ganz ähnlich, wie wir es im Augenblick bei Industrie 4.0 und Themen wie Energie- oder Personalmanagement erleben.

Die damaligen Prognosen zur Mikrosystemtechnik wurden von der Wirklichkeit bei Weitem überholt! Aus standardisierter Halbleitertechnik abgeleitete Sensoren sind heute in großer Zahl in Automobilen, Smartphones, Uhren und natürlich auch Industrieanlagen verbaut. Ein aktuelles Smartphone hat mindestens sieben mikrotechnische Sensoren: Beschleunigung (Drehen des Displays, Spiele), Näherung (Abschalten des Displays am Ohr), Lichtstärke (Regelung der Displayhelligkeit), Temperatur (in vielen Halbleitern integriert), ein mikrotechnisch hergestelltes Mikrofon, die Kamera (CMOS-Bildsensoren) und den Touchscreen selbst, ohne dass wir darüber viele Worte verlieren, während viele der seinerzeit als hochgradig zukunftsrelevant bezeichneten Technologien den Markteintritt nicht erreicht haben oder ein Nischendasein fristen.

Ein weiteres Beispiel ist der vergangene Hype um das Web 2.0 mit seinen Weblogs, Wikis und Kollaborationsmöglichkeiten. Heutige soziale Netzwerke stellen die Vorstellungen vom Anfang der Nullerjahre weit in den Schatten. Zu Business to Consumer (B2C ) kamen Consumer to Consumer (C2C) Interaktionen auf Handelsplattformen wie Ebay oder unzähligen Bewertungsplattformen für alle möglichen (und einige unmögliche) Produktkategorien. Nicht zu vergessen der Consumer to Business (C2B) Dialog, der vor allem Konsumgüterproduzenten vor große Herausforderungen stellt, wenn sie zum Beispiel auf eine über Twitter verbreitete Beschwerde nicht rechtzeitig und angemessen reagieren. Sich in dem Wissen, dass es sich beim Schlagwort Industrie 4.0 um einen Hype handelt, beruhigt (und vielleicht auch untätig) zurückzulehnen, wäre also das genaue Gegenteil von dem, was Sie tun sollten. Bei neuen Technologien wird der kurzfristige Wandel gerne überschätzt, langfristige Veränderungen aber unterschätzt; technologische Veränderungen werden überbewertet, soziale Veränderungen unterbewertet (Stichwort: Geschäftsmodelle). Der für Unternehmen gefährlichste Zeitraum ist nach dem Abklingen des Hypes – wenn Sie sich bis dahin erfolgreich verweigert haben, könnten Sie zu dem Fehlschluss gelangen, dass es „vorbei“ ist. Das ist es nicht.

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 42528676)