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Internationale Märkte Italiens Weg zurück in die Normalität

Autor / Redakteur: Benedikt Hofmann / M. A. Benedikt Hofmann

Wie kommt die italienische Wirtschaft durch die Coronapandemie? Im Gespräch mit MM Maschinenmarkt äußern sich Barbara Colombo, Präsidentin von Ucimu, und Fausto Carboni, CEO von Bonfiglioli, zur Situation.

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Italien ist weit mehr als Dolce-Vita-Kitsch, es ist einer der wichtigsten Industriestandorte in Europa.
Italien ist weit mehr als Dolce-Vita-Kitsch, es ist einer der wichtigsten Industriestandorte in Europa.
(Bild: ©JEGAS RA - stock.adobe.com)

Wer könnte die Bilder vergessen, als Norditalien den Europäern zeigte, wie gefährlich Covid-19 tatsächlich ist. „Italien war das erste westliche Land, das von dem Gesundheitsnotstand betroffen war. Uns lagen keinerlei Informationen vor“, sagt Barbara Colombo, die neu gewählte Präsidentin des Industrieverbands Ucimu. „Wir wussten wenig über das Virus, wir hatten keine Modelle, denen wir folgen konnten, sondern nur die Erfahrungen der Chinesen, die jedoch unklar waren. Wir mussten allein zurechtkommen: unsere Regierungsbehörden, die Unternehmen und die Bürger, jeder für seinen Teil, aber ohne große Hilfe von außen.“ Eine Situation, die das Land doppelt hart traf, ist im Norden doch ein Großteil der italienischen Industrie beheimatet. Zu den Unternehmen, die ihre Zentrale in dieser Region haben, gehört unter anderem Bonfiglioli, ein Spezialist für Getrieben, Getriebemotoren und Antriebselektronik, der hier als Beispiel dienen soll. Im Vergleich zum selben Monat des Vorjahres musste das Unternehmen im April 2020 einen Umsatzrückgang von 35 % verkraften. Und auch zur Verfasstheit der gesamten Industrie nach der Corona-Tragödie hat Bonfigliolis CEO Fausto Carboni eine klare Meinung: „Die passenden Worte dafür kann man hier nicht veröffentlichen.“ Vorhersagen für November und Dezember sieht er aufgrund der aktuellen Lage als schwierig, aber zu den nächsten Jahren äußert sich der Unternehmenslenker: „Langfristig sehe ich Italien erst wieder 2022 oder gar erst 2023 auf dem Niveau von 2019, etwas später als etwa Deutschland oder Frankreich, die schon 2022 wieder das alte Niveau erreicht haben
sollten.“

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Maßnahmen und Entwicklungen

Die von der italienischen Regierung und den lokalen Behörden ergriffenen Maßnahmen unterscheiden sich kaum von denen, die wir in Deutschland kennen, wie Colombo und Carboni beschreiben. Kern der Aktivitäten ist die Cassa Integrazione Guadagni (CIG), ein sozialer Ausgleich, der mit dem deutschen Kurzarbeitergeld verglichen werden kann. „Aktuell wurden zusätzlich Hilfsfonds eingerichtet, die den Unternehmen zugutekommen, die bereits von der ersten Covid-19-Welle betroffen waren“, so Colombo. „Vor allem aber haben wir ‚Transition 4.0’, einen Entwicklungsplan, der die Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes ermutigt, in neue Produktionstechnologien zu investieren und digitale sowie vernetzte Systeme einzuführen.“

Auch hier unterscheidet sich der italienische Weg nicht sehr vom Deutschen. Digitalisierung wird als das Gegenmittel für Krisen gesehen. Carboni ist es dabei allerdings wichtig zu betonen, dass Covid-19 nicht der Grund für die Digitalisierung ist, sondern ihre Einführung nur beschleunigt hat. „Smart Work, Marketing Kommunikation, überhaupt die Art und Weise, wie man Kontakte pflegt und Aufträge von A bis Z abwickelt, da nutzt man wesentlich stärker digitale Möglichkeiten“, so der CEO. „Große Projekte allerdings wie etwa die Digitalisierung in der Produktion, die funktionieren nicht von heute auf morgen. Das sind langfristig angelegte Maßnahmen, die nicht erst durch die Pandemie ausgelöst wurden.“

Weitere wirtschaftliche Entwicklung

Barbara Colombo und ihr Verband gehen davon aus, dass sich die italienische Wirtschaft schneller erholen wird, als Carboni das für seine Branche skizziert hat. „Seit Juli 2020 laufen die Dinge etwas besser. Tatsächlich verzeichnete der Auftragsindex für Werkzeugmaschinen im dritten Quartal 2020 einen Rückgang von nur 11,4 %. Im zweiten Quartal betrug er etwa 39,1 %!“ Colombo geht davon aus, dass sich die weltweite Nachfrage nach Werkzeugmaschinen im Jahr 2021 auf 60,9 Mrd. Euro (+18,4 %) steigert. Der positive Trend dürfte sich auch in den folgenden drei Jahren konstant fortsetzen: 65,1 Mrd. Euro im Jahr 2022 (+6,9 %), 68,1 Mrd. Euro im Jahr 2023 (+4,5 %), 70,6 Mrd. Euro im Jahr 2024 (+3,6 %). „Europa dürfte im Jahr 2021 im Vergleich zum Rest der Welt die dynamischste Region werden“, so die Präsidentin des Ucimu.

Bei Bonfiglioli nahm das Jahr nach den Einbrüchen des Frühjahres sogar eine positive Wendung. Bis Ende September liegt das Unternehmen für das Kalenderjahr um etwa 9 % unter dem gleichen Vorjahreszeitraum und Carboni erwartet noch eine leichte Verbesserung bis zum Ende des Jahres. Getragen wird diese Entwicklung von der Windenergie und ausgerechnet China: „Tatsächlich sind unsere starke Position bei Azimut- und Pitchantrieben in Windenergieanlagen sowie die wieder erstarkte Konjunktur in China der Grund für diese Entwicklung“, erklärt der CEO. „So liegt die Produktion in Europa etwa 15 % unter Vorjahr, während wir in China rund 30 % im Plus liegen. Erfreuliche Ausnahme in Europa ist unser O&K-Werk in Hattingen, das sich aufgrund hoher Nachfrage aus China einer Steigerung von gut 40 % über Vorjahr erfreut.“ Es gibt also positive Signale im Sehnsuchtsland der Deutschen, das auch wirtschaftlich ein so wichtiger Partner ist. MM

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