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Kommentar

Klimakiller sind Innovationskiller

| Autor / Redakteur: Henrik Nordborg / Robert Horn

(Bild: gemeinfrei / CC0)

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Die jüngst wieder entflammte Diskussion über eine Robotersteuer geht in die falsche Richtung, sagt Prof. Nordborg. Weit sinnvoller ist eine globale Quellsteuer auf fossile Brennstoffe. Sein Kommentar ist ein Appell für eine überfällige CO2-Steuer.

Prof. Dr. Henrik Nordborg in seinem Kommentar zu einer Co2-Steuer: „Eine globale Quellsteuer auf fossile Brennstoffe wäre effektiv, unbürokratisch, gerecht und einfach umzusetzen.“
Prof. Dr. Henrik Nordborg in seinem Kommentar zu einer Co2-Steuer: „Eine globale Quellsteuer auf fossile Brennstoffe wäre effektiv, unbürokratisch, gerecht und einfach umzusetzen.“ (Bild: Tobias Ryser)

Nehmen wir an, Sie kaufen sich Bauland an einer Hanglage und wollen dort eine Wohnsiedlung errichten. Das erforderliche geologische Gutachten zeigt aber eindeutig, dass der Hang instabil ist und die Siedlung nur mit kostspieligen Zusatzmaßnahmen gebaut werden kann. Sie haben jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder Sie erfüllen die Auflagen und nehmen die Zusatzkosten in Kauf oder Sie ignorieren das Gutachten, bauen die Siedlung ohne besondere Maßnahmen, verkaufen sie so schnell wie möglich und machen sich mit dem Geld aus dem Staub. Es ist Ihnen hoffentlich klar, welche Wahl richtig ist.

Als der Zusammenhang zwischen fossilen Brennstoffen und Klimaerwärmung in den 80er Jahren klar wurde, haben die Regierungen der Welt zunächst richtig gehandelt. Es wurden die besten Experten der Welt mit der Aufgabe beauftragt, ein offizielles Gutachten zu verfassen. Das Ergebnis erscheint mit regelmäßigen Abständen in der Form des Klimaberichts des IPCC, und das Verdikt ist eindeutig. Wenn die Menschheit auf diesem Planeten eine Zukunft haben soll, muss die Nutzung fossiler Brennstoffe möglichst bald aufhören.

Leider haben wir uns im Fall der Klimaerwärmung entschieden, das Gutachten zu ignorieren. Seit der Verabschiedung der Klimarahmenkonvention der UNO im Jahre 1992 hat der jährliche Ausstoss von Treibhausgasen um 55% zugenommen, und die mittlere CO2-Konzentration ist auf einen Wert von über 400 ppm gestiegen. Um bei der Metapher der Wohnsiedlung zu bleiben: Die Siedlung wurde gebaut, die Risse im Boden sind inzwischen nicht zu übersehen und die ersten Häuser bewegen sich schon talabwärts. Nichtdestotrotz sind Politik und Wirtschaft mit dem Bau weiterer Häuser beschäftigt, was absolut keinen Sinn macht!

Nüchtern betrachtet ist die Klimaerwärmung, genau so wenig wie die Sicherung eines Berghanges, keine politische Frage. Die Frage ist nicht, ob wir auf Öl, Kohle und Gas verzichten können, sondern wie wir es tun. Angesichts der Tatsache, dass der jetzige Energiebedarf der Menschheit zu 86% von fossilen Energieträgern gedeckt wird, stehen wir vor einer gewaltigen Herausforderung. Im Jahre 1940 hat Winston Churchill seinem Volk «Blut, Mühsal, Schweiss und Tränen» versprochen. Es gibt heute nur wenige Politiker, die den Mut haben, die Wahrheit so unverblümt darzustellen.

Was sein muss, muss sein

Die Klimaerwärmung wird häufig als ein sehr komplexes Problem dargestellt, besonders von denjenigen, die eine Lösung verhindern wollen. Dabei ist alles ziemlich einfach: Jedes verkaufte Fass Öl trägt zur Klimaerwärmung bei. Die Kosten dafür tragen wir alle aber der Gewinn landet bei den Aktionären der Ölfirma. Es spräche nichts dagegen, wenn die Ölfirma der Gesellschaft eine Entschädigung für den entstandenen Schaden zahlen müsste. Letztendlich benötigt die Verbrennung einer Tonne Kohlenstoff etwa 2.7 t Sauerstoff und erzeugt 3.7 t CO2. Wieso muss die Ölfirma nichts für den verbrauchten Sauerstoff zahlen? Wieso verlangen wir nicht, dass die Firma das erzeugte CO2 zurücknimmt?

Eine globale Quellsteuer auf fossile Brennstoffe wäre effektiv, unbürokratisch, gerecht, und einfach umzusetzen. Die Produzenten fossiler Brennstoffe wissen genau wie viel Kohlenstoff diese erhalten und können die entsprechende Steuer einzahlen. Dadurch würde der Energiepreis weltweit steigen, was zu einer Reduktion des Verbrauches führen würde. Der Erlös der Steuer könnte genutzt werden, um Innovation und erneuerbare Energien zu fördern und die ärmsten Teile der Bevölkerung für die steigenden Energiepreise zu kompensieren.

Wie hoch müsste die Steuer sein? Im Jahr 2015 haben praktisch alle Staaten der Welt das Pariser Abkommen unterzeichnet, welches eine Obergrenze der Klimaerwärmung von +2°C festlegt. Rein rechnerisch bedeutet dies, dass die globalen Treibhausgasemissionen ab jetzt um mindestens 5% pro Jahr sinken müssen. Solange dies nicht passiert, ist die Steuer zu tief. In der Sprache der Regelungstechnik: Die CO2-Emissionen sind die Regelgröße, welche durch eine Stellgröße (Quellsteuer) geregelt werden soll.

Der wichtigste Vorteil einer globalen CO2-Steuer wäre die Tatsache, dass Energie teurer werden würde. Plötzlich hätten 7.4 Mrd. Menschen einen Grund, sinnvoller mit Energie umzugehen. Die Innovationskraft, welche dabei freigesetzt werden würde, wäre gewaltig. Ich rede fast täglich mit Studenten, Erfindern und Tüftlern, welche alle gute Ideen haben, wie erneuerbare Energie erzeugt und Energie eingespart werden könnte. Leider stellt sich fast immer heraus, dass die Lösungen bei den heutigen Energiepreisen nicht rentabel sind. Im Wettbewerb mit der etablierten umweltvernichtenden Technologie haben sie wenig Chance. Das Problem ist nicht, dass alternative Lösungen zu teuer sind, sondern dass die bestehende Lösung zu billig ist, obwohl sie die Erde kaputt macht. Forschung kann dieses Problem nicht lösen, da wohl kaum zu einer Verteuerung der alten Technologie führen wird! Eine politische Lösung ist somit unabdingbar.

Durch die Digitalisierung wird die Notwendigkeit eine CO2-Steuer noch deutlicher. Die internationale Energieagentur (IEA) hat im Jahr 2014 einen Bericht über den Stromverbrauch vernetzter Geräte veröffentlicht. Dort wird vor einem massiv wachsenden Stromverbrauch gewarnt, wenn die Digitalisierung unüberlegt und mit heutiger Technik umgesetzt wird. Es ist natürlich falsch, gegen die Digitalisierung zu sein. Es macht aber durchaus Sinn, sich über die ökologischen und sozialen Auswirkungen Gedanken zu machen. Wenn die fantastischen Möglichkeiten der neuen Technik hauptsächlich dazu genutzt werden, menschliche Arbeit durch energieverbrauchende Maschinen zu ersetzen, machen wir sicher etwas falsch. Innovation kann nie verhindert aber durchaus in vernünftige Bahnen gelenkt werden.

Wir wissen, dass die Nutzung fossiler Energie das globale Ökosystem und die Chancen künftiger Generation vernichtet. Leider wird heute eine Energiepolitik geführt, welche Innovation regelrecht unterbindet. Der tiefe Preis von Öl, Kohle und Erdgas führt dazu, dass neue Ideen gar keine Chance haben. Wenn die Regierung von Donald Trump die Nutzung fossiler Brennstoffe wieder fördert, heisst dies, dass sie die Probleme der Zukunft mit einer Technologie lösen möchte, welche etwa 300 Jahre alt ist und verheerende Auswirkungen auf Mensch und Natur hat. «Mountain top removal», d.h. das Wegsprengen ganzer Bergketten, um an die Steinkohle zu kommen, erscheint nicht als sonderlich innovativ.

Eine Wohnsiedlung in einem ungesicherten Berghang zu bauen ist dumm. Nicht auf die Klimaforscher zu hören ist noch dümmer. In der Technik und Wissenschaft gibt es keine alternativen Fakten, sondern einfach Fakten: Wer Mist baut, muss mit den Konsequenzen leben. Wenn ein Haus falsch gebaut wird, kracht es irgendwann zusammen. Wer die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre verändert, ohne sich dabei Gedanken über die Auswirkungen zu machen, wird irgendwann ein Problem haben. Leider werden die Betroffenen unsere eigenen Kinder sein. Noch können wir die Katastrophe abwenden, wenn wir es wollen. Aber die Zeit drängt.

MM

* Prof. Dr. Henrik Nordborg ist Professor für Physik an der Hochschule für Technik Rapperswil in der Schweiz und Institutspartner beim Institut für Energietechnik, Tel. +41 (055) 2 22 43 70, henrik.nordborg@hsr.ch

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