Suchen

Disruptionen der Arbeitswelt

Kontrollierte Qualifikations-Explosion

| Autor/ Redakteur: Linda Becker / Melanie Krauß

Virtual-Reality-(VR-)Anwendungen bieten insbesondere in der Weiterbildung vielversprechende Potenziale. Gleichzeitig gilt es jedoch, Auswirkungen auf die Arbeitskultur und die Entscheidungsfähigkeit von Mitarbeitern im Blick zu behalten.

Firmen zum Thema

Augmented Reality (AR) befähigt immer mehr Mitarbeiter dazu, ein breites Spektrum an Aufgaben effektiver durchzuführen.
Augmented Reality (AR) befähigt immer mehr Mitarbeiter dazu, ein breites Spektrum an Aufgaben effektiver durchzuführen.
(Bild: gemeinfrei (Pixabay, Jeshootscom) / CC0)

Großalarm auf dem Flughafenrollfeld: mit Martinshorn und Höchsttempo prescht ein Löschfahrzeug auf eine Frachtmaschine zu, aus deren Triebwerk bereits meterhohe Flammen schlagen. Doch der Fahrzeugführer ist nicht in Höchstform. Er positioniert seinen 24-Tonner ungünstig, sodass mehrere hundert Liter Löschschaum die Landebahn anstelle des Brandherdes treffen. Allerdings sind zu keiner Zeit Leben in Gefahr und die Kosten für Schäden und Material belaufen sich auf insgesamt 0 Euro – denn das Ganze ist nur eine Übung im Virtual Reality (VR) Simulator der Firma Rosenbauer.

Der Hersteller von Feuerwehrtechnik und Einsatzfahrzeugen hat die Vorteile von VR früh erkannt: Rettungsteams trainieren bereits seit mehreren Jahren im Panther Taktik Simulator Löschfahrten auf Flughäfen oder üben Einsätze auf öffentlichen Straßen im Emergency Response Driving Simulator. Das rettet nicht nur Leben und spart erhebliche Kosten. Es zeigt auch beispielhaft, worin die vielleicht wichtigste Motivation zur Verwendung der Technik für die Industrie liegt: in der Qualifizierung von Fachkräften.

Navi-Effekt dank Mixed Reality?

Natürlich ist es derzeit noch sehr aufwändig, andere Arbeitsfelder wie den Shopfloor in einer computergenerierten 3D-Umgebung komplett zu simulieren. Doch während immersive Head-Mounted-Displays, sprich VR-Brillen, immer kleiner und komfortabler werden, etablieren sich bereits Augmented-Reality-(AR-)Tools in der Industrie. AR erweitert die visuelle Sinneswahrnehmung, indem künstliche, digitale und reale Objekte gleichzeitig auf einem Bildschirm, Tablet oder Smartphone zu sehen sind. Bei Hololens-Anwendungen verschmelzen sie sogar zur Mixed Reality, wenn Mitarbeitern etwa Rüstanleitungen oder Arbeitsanweisungen zu Betrieb und Wartung von Maschinen ins Sichtfeld projiziert werden.

Technologisch ist das sicherlich faszinierend. Auch die Aussicht auf eine Qualifikations-Explosion erscheint verlockend: schließlich befähigen AR-Systeme immer mehr Mitarbeiter dazu, ein breiteres Spektrum an Aufgaben effektiver durchzuführen. Dieses Empowerment birgt allerdings das Risiko des Navi-Effekts. Das heißt, mittel- bis langfristig können Entscheidungsfähigkeit und Autonomie auf der Strecke bleiben, da man ja zugleich lernt, sich voll und ganz auf die Technik zu verlassen. Wie bei anderen technischen Entwicklungen sollten Manager daher auch die ethische Dimension im Blick behalten – und sauber abwägen, wo ein Einsatz von VR/AR sinnvoll ist beziehungsweise wo er ins Nirvana führt. Zudem ändern sich die Spielregeln, nach denen Wissen, Intuition und Erfahrung in der Organisation zirkulieren: das Prinzip „Wissen ist Macht“ funktioniert nicht länger.

Erosion etablierter Strukturen

Führungskräfte sind daher gefordert, AR- und VR-Technologien nicht nur nach der Kosten-Nutzen-Relation zu bewerten. Sie sollten auch deren weitere Auswirkungen auf die Arbeitskultur und Organisation durchdenken können. Konkret hilft hier zum Beispiel eine Prozess-Roadmap weiter, die Unterschiede skizziert. Um beim Beispiel der Hololens zu bleiben: Wie verläuft zum Beispiel der exakte Arbeitsprozess an einer Station ohne und mit Gestensteuerung? Welche Routinen werden genutzt, welche gebrochen? Wer sammelt das dazu vorhandene und neu entstandene Wissen – und vor allem, wie wird dieses Wissen in der Organisation verankert?

Mit solchen grundsätzlichen Fragen lassen sich sehr hilfreiche Orientierungspunkte für Qualifizierungsthemen in der Industrie 4.0 finden. Für Manager ist diese Dimension möglicherweise sogar noch wichtiger als eine direkte Implementierung von Technologien in die Prozesse der Organisation. Gerade VR-Simulatoren und AR-Anwendungen fördern mit ihrem spielerischen Ansatz neue Lernkulturen ebenso rasch, wie sie etablierte Strukturen der Zuordnung und Weitergabe von Wissen erodieren lassen. Bei der Qualifikations-Explosion durch VR & AR gilt also wie beim Flugzeugbrand: nur nicht den Überblick verlieren!

Hier finden Sie den zugehörigen Artikel von Nicole Gaiziunas aus der Serie Disruptionen der Arbeitswelt zum Thema Virtual Reality und Augmented Reality:

* Linda Becker ist Managing Partner bei LAB & Company in 80539 München, Tel. (0 89) 45 70 97 8 - 0, muc@labcompany.net, www.labcompany.net

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 45425336)