Serie International Litauen: „alter“ Nachbar, potenzieller Partner

Autor: Gary Huck

Digitalisiert, flexibel und krisenerprobt. Das alles sind Qualitäten, die laut litauischer Wirtschaft und Politik für das Land sprechen. Im Folgenden wollen wir Ihnen zeigen, was das Land als Business-Partner zu bieten hat.

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Die litauische Wirtschaftsministerin Ausrine Armonaite erzählte MM-Fachredakteur Gary Huck, was Litauen wirtschaftlich zu bieten hat.
Die litauische Wirtschaftsministerin Ausrine Armonaite erzählte MM-Fachredakteur Gary Huck, was Litauen wirtschaftlich zu bieten hat.
(Bild: Gary Huck - VCG)

Nach Osteuropa haben in der Vergangenheit schon viele Industrieunternehmen geblickt, wenn es um eine Expansion ging. Am Baltikum haben manche vielleicht vorbeigeschaut. Ein Land dort, das südlichste, arbeitet gerade daran, seinen Bekanntheitsgrad auf dem internationalen Wirtschaftsparkett zu steigern. Es gibt einiges, was für Litauen spricht.

Da wäre die „Einfachheit des Geschäftemachens“. Auch wenn diese Formulierung etwas gestelzt daherkommt, passt sie. Denn Litauen belegt auf dem „ease- of-doing-business-Index“ der Weltbank Platz 11. Deutschland liegt auf Platz 22. Für die gute Platzierung gibt es mehrere Faktoren. Da ist beispielsweise die Stellung von Litauen als digitaler Vorreiter in der EU. Das Land hat bereits vor Jahren seine Verwaltung digitalisiert. „Wenn Sie in Litauen ein Unternehmen anmelden wollen, dauert das einen Tag und Sie müssen dafür nichts drucken oder ausgedruckt einreichen“, sagt Giedrius Valuckas. Valuckas ist Vorsitzender mehrerer litauischer Wirtschaftsverbände.

Wenn fast alles digital läuft, muss natürlich die Infrastruktur mitspielen. Beim Breitbandausbau liegt Litauen in der EU auf Platz 1. Lücken im 4G-Netz des Landes gibt es quasi nicht. Nun will man das auch für das 5G-Netz erreichen. Unternehmen, die in ihren Produktionen mit 5G arbeiten wollen, würden profitieren.

Der Vorstand mehrerer litauischer Wirtschaftsverbände, Giedrius Valuckas (r.) , gab uns Einblicke in die litauische Industrie aus erster Hand.
Der Vorstand mehrerer litauischer Wirtschaftsverbände, Giedrius Valuckas (r.) , gab uns Einblicke in die litauische Industrie aus erster Hand.
(Bild: Gary Huck - VCG)

Das baltische Land ist nicht groß. Etwa drei Millionen Menschen leben dort. Praktisch dabei ist, dass viele Prozesse und Entscheidungen schnell und flexibel getroffen sowie angepasst werden können. Ein Beispiel dafür sind zwei Krisen, oder eher das Ausbleiben zweier potenzieller Krisen. Als 2014 Sanktionen gegen Russland verhängt wurden, verlor das EU-Mitglied Litauen einen wichtigen Partner beim Lebensmittelhandel. Die Lebensmittelindustrie war für knapp 20 Prozent des BIP verantwortlich. Doch laut Valuckas blieb die Krise aus, da man schnell neue Lieferketten aufbaute und andere Abnehmer fand.

Die zweite Krise war die pandemiebedingte Wirtschaftskrise. Doch während in Deutschland das BIP um 5 Prozent fiel, musste Litauen nur ein Minus von 0,8 Prozent verschmerzen. Der Produktionssektor wuchs dort sogar etwas im Jahr 2020. Das Produktionslevel im Land war im Januar 2021 außerdem um 17,5 Prozent höher als im Januar 2019, vor der Pandemie.

Natürlich braucht es für eine gut geölte Produktion mehr als nur eine gute Internetverbindung und digitale Prozesse. Litauen ist ein Logistik-Hub für mehrere Wirtschaftsräume. Im Norden steht das Tor nach Skandinavien offen – künftig ein interessanter Markt bei der Wasserstoff- und Batterieherstellung. Im Osten führt der Weg nach Russland und weiter nach Asien. Von der Entfernung her ist Litauen von Deutschland aus gut erreichbar, per Straße und Schiene, über den Wasser- und Luftweg.

Ein Land ist nichts ohne seine Einwohner. Die litauische Wirtschaftsministerin Ausrine Armonaite sieht die Menschen als stärkstes Argument für das Land: „Wir sind eine multilinguale Gesellschaft, mit vielen Absolventen in den STEM-Fächern, also Science, Technology, Engineering und Mathematics. Wir fühlen uns Deutschland auch von der Mentalität her nahe. Wir waren ja auch lange direkte Nachbarn. Das hat sich erst in der relativ neuen Geschichte geändert.“

In Litauen gibt es zwei technische Universitäten. Eine davon ist die größte im baltischen Raum. Die meisten Absolventen sprechen Englisch. Etwa die Hälfte der Gesellschaft spricht außerdem noch Polnisch oder Russisch. Seit im Nachbarland Weißrussland quasi eine Diktatur herrscht, kommen mehr und mehr weißrussische IT-Fachkräfte nach Vilnius. In den letzten Jahren hat sich Litauen außerdem an deutschen Bildungseinrichtungen orientiert und beispielsweise duale Studiengänge eingeführt.

Laut Giedrius Valuckas ist das Land weiterhin ehrgeizig: „Wir möchten weiter wachsen und uns in möglichst vielen Bereichen dem EU-Durchschnitt annähern oder darüber hinausgehen.“ Ausrine Armonaite fügt hinzu: „Als kleines Land müssen wir mehr tun als andere, um Aufmerksamkeit zu erregen.“

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