Maschinenbau-Gipfel Maschinenbau unter Querfeuer

Redakteur: Frank Jablonski

Wir scheinen in einer Dekade wachsender Unsicherheit zu leben. Das ist einer der Kernsätze auf dem 8. Deutschen Maschinenbau-Gipfel in Berlin. Politik und Industrie treffen sich, um die Herausforderungen der Branche zu diskutieren. Lesen Sie im Beitrag die wichtigsten Themen.

Auch Sigmar Gabriel stattete dem Maschinenbau-Giipfel einen Besuch ab. Moderiert wurde die Veranstaltung von Nina Ruge.
Auch Sigmar Gabriel stattete dem Maschinenbau-Giipfel einen Besuch ab. Moderiert wurde die Veranstaltung von Nina Ruge.
(Bild: Jablonski)

Selten zuvor wurde ein Maschinenbau-Gipfel so sehr von der politischen Großwetterlage beeinflusst, wie der aktuelle. Diese Aussage des VDMA-Präsidenten Dr. Reinhold Festge wirkt wie eine Überschrift über Reden, Vorträge und Gespräche beim Branchentreffen in Berlin.

Finanzminister Dr. Wolfgang Schäuble war zur Eröffnung anwesend und wurde von Festge mit den derzeit brennendsten Themen des Maschinenbaus konfrontiert. Trotz des Skandals um betrügerische Software beim VW-Konzern und spöttischen Reaktionen aus dem Ausland darauf, dürfe man nicht eine ganze Industrie in Sippenhaft nehmen. "Made in Germany" haben wir uns hart erarbeitet, kein Aufkleber, den man irgendwo dranhängt und dessen Strahlkraft nun geschwächt ist." Der heute gestartete Maschinenbau-Gipfel würde dies belegen. "Es wird ein Made-in-Germany-Gipfel!" ruft Festge.

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Auf der VDMA-Pressekonferenz während des Gipfels bestärkte er: „Wir können das bekräftigen, weil wir eine mittelständisch geprägte Branche sind, in der jedes Unternehmen weiß, dass das Vertrauen unserer Kunden für nichts aufs Spiel gesetzt werden darf“. Direkte Auswirkungen der Manipulationsaffäre von VW auf den Maschinenbau seien bislang nicht spürbar, ergänzte Festge.

Maschinenbau-Prognose 2016: Nullwachstum

"Wenn überall um uns herum Brandherde sind und ein Preisverfall zu beobachten ist, können wir nicht davon ausgehen, dass wir boomen", leitet Festge den Blick nach vorn ein. Nachdem bereits das Jahr 2015 hinter den Erwartungen der Konjunkturforscher zurückgeblieben ist, sieht der VDMA auch in 2016 keine wesentliche Änderung des Umfelds voraus. Politische Krisen, schwächelnde Märkte wie China und die anhaltende Debatte um die Zukunft des Euro trüben die Investitionslaune der Kunden. „Erfreulich ist dagegen, dass die Reindustrialisierung in den USA fortschreitet“, sagte Festge. „Erfreulich ist auch, dass sich der Investitionsstau in der EU ein wenig auflöst. Aber diese Entwicklung ist nicht nur wegen der anhaltenden Debatte um Griechenland fragil“, fügte er hinzu.

Daher geht der VDMA auch für das kommende Jahr von einem Nullwachstum aus. „Das stellt uns nicht zufrieden, wäre angesichts des Umfelds, in dem wir uns bewegen, aber dennoch eine anerkennenswerte Leistung“, sagte Festge. Auch für 2015 prognostiziert der Verband ein stagnierendes Produktionswachstum. Über den gesamten Maschinenbau hinweg betrug die Kapazitätsauslastung im Juli noch 84,8 Prozent und lag damit nur knapp unter dem langjährigen Branchendurchschnitt. „Wir sind noch immer der größte industrielle Arbeitgeber dieses Landes und haben den inländischen Beschäftigtenstand zuletzt sogar noch leicht um 0,4 Prozent auf 1,008 Millionen Menschen erhöht“, betonte der VDMA-Präsident.

Herausforderung Flüchtlingsströme auch im Maschinenbau

Weiteres heißes Thema in Berlin ist der Umgang mit den vielen Flüchtlingen und die damit einhergehenden Schwierigkeiten für die Industrie. „Die gewaltigen Flüchtlingsströme stellen unser Land, jede Kommune und auch jeden einzelnen Betrieb mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor große Herausforderungen. Der Maschinenbau will und wird seinen Teil dazu beitragen, diese Menschen in unsere Gesellschaft und in unseren Arbeitsmarkt zu integrieren. Aber das ist keine Sache von Monaten, sondern ein langer Prozess, für den wir klare Regelungen brauchen“, mahnte der VDMA-Präsident. Die Maschinenbauer in Deutschland seien bereit, sich dieser Herausforderung zu stellen. Der Verband warnt aber vor der Illusion, dass allein mit Deutsch-Kursen und einer kurzen innerbetrieblicher Ausbildung aus Flüchtlingen qualifizierte Arbeitnehmer werden. „Die Industrie wird das Problem der Integration für die Politik nicht lösen können!“, stellte Festge klar.

Stand des Maschinenbaus bei Industrie 4.0

Die Maschinenbauer in Deutschland setzen auf eine vernetzte Produktion. Eine neue Studie der IMPULS-Stiftung des VDMA zeigt, dass bereits knapp 60 Prozent der Maschinenbauer sich mit Industrie 4.0 beschäftigen, rund ein Drittel davon intensiv. Neun von zehn befragten Betrieben sehen die Chance, sich mit der vernetzten Produktion am Markt zu differenzieren. „Unverständlich ist für mich daher der Vorwurf, der deutsche industrielle Mittelstand verschlafe die Digitalisierung und überlasse das Feld den Amerikanern“, sagte Festge. „Industrie 4.0 ist keine Vision mehr, sondern eine ganz konkrete Entwicklung, die insbesondere von Maschinenbauunternehmen in Deutschland vorangetrieben wird.“

TTIP-Ängste bereiten Sorge

Sorge hat der VDMA auch beim Blick auf die derzeitige Entwicklung bei TTIP. Der Widerstand in Teilen der Bevölkerung gegen die Freihandelsabkommen TTIP und CETA wächst: Mehr als drei Millionen Unterschriften hat eine Bürgerinitiative jüngst gesammelt – sie fordert das sofortige Ende der Verhandlungen mit den USA. Festge beobachtet dies mit Sorge: "Die deutsche Industrie und insbesondere der Maschinenbau in Deutschland leben vom Export. Gerade das angestrebte Freihandelsabkommen TTIP mit den USA bietet den hiesigen Unternehmen die Chance auf weiteres Wachstum und die Sicherung von Arbeitsplätzen.", sagt Festge. Für den VDMA unverständlich sei daher, dass sich ausgerechnet der Deutsche Gewerkschaftsbund, der die Interessen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern im Export vertreten will, an die Speerspitze der TTIP-Gegner gestellt habe. „Wer sich mit Freihandelsgegnern verbündet, sägt an dem Ast auf dem wir alle sitzen“, betonte der VDMA-Hauptgeschäftsführer Thilo Brodtmann. „Ein gut verhandeltes Freihandelsabkommen zwischen Europa und den USA kann die Wettbewerbssituation der deutschen Industrie erheblich verbessern, nicht zuletzt zum Nutzen der Beschäftigten.“

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