Unternehmensführung Mit Retropolation methodisch in die Zukunft navigieren

Autor / Redakteur: Thomas Strobel / Claudia Otto

Zukunftsforschung ist längst nicht nur Sache der Großindustrie. Sie ermöglicht auch Mittelständlern und kompletten Branchen „vorausschauendes Fahren“. Wie also können wir uns auf die nächsten zehn bis zwanzig Jahre vorbereiten? Wie lassen sich neue Anwendungsfelder erschließen?

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(Bild: apops - Fotolia.com)

Die 90er-Jahre sind heute nah und fern zugleich. Damals haben Wirtschaft, Bildung, Verwaltung und Privatpersonen in unvorhergesehener Weise kommunikativ aufgerüstet: Vor nicht einmal 20 Jahren waren plötzlich SMS, E-Mail und das Internet am Start. Windows, Linux und Farbbildschirme haben Beruf und Freizeit ebenso verändert wie Internet, Spartensender, Satellitenfernsehen oder Lara Croft. Schaut man dagegen zwei Jahrzehnte voraus in die Zukunft, dann sind die 20er- und 30er-Jahre wiederum fern und nah zugleich. Was erwartet uns in greifbarer Ferne, die uns so fremd nicht sein wird?

Zukunftsarbeit bringt Projektteams nützliche Entscheidungshilfen

Ist es eigentlich für Unternehmen und Industriesparten sinnvoll, sich mit einer Zukunft zu beschäftigen, die dann im Detail doch ganz anders kommt? Ja, denn der Nutzen dieser Zukunftsarbeit besteht darin, dass sich die Projektmitarbeiter gemeinsam mit einem erfahrenen Zukunftslotsen mit der Wirkung von vernetzten Trends auseinandersetzen.

Eine solche Betrachtung zeigt Megatrends auf, die die weitere Entwicklung auf jeden Fall prägen werden. Diese Erkenntnisse verbreitern bei allen Beteiligten die Entscheidungsbasis. Es entstehen gemeinsam entwickelte Zukunftslandkarten als Entscheidungshilfe. Sie schützen uns davor, die Gegenwart nahtlos in die Zukunft fortzuschreiben. Die Gefahr, entscheidende Weichenstellungen für die Unternehmensentwicklung zu verpassen, nimmt dadurch ab. Zudem sind und bleiben Führungskultur und Wissensflüsse wesentliche Voraussetzungen für eine erfolgreiche Entwicklung von Unternehmen mit ihren Mitarbeitern. Damit das so bleibt, wird ein systematischer Blick in die Zukunft immer wichtiger.

Die globale Situation von heute wird jedoch den Vorausblick jedes Mittelständlers zwangsläufig beeinflussen. Nur zwei Beispiele für den sich aufbauenden Handlungsdruck: Erstens, so wie wir die Ressourcen der Erde heute nutzen, verbrauchen wir pro Jahr zwei- bis viermal so viele Vorräte, wie die Erde im gleichen Zeitraum regenerieren kann. Zweitens, bei Treibhausgasen sprechen wir vor allem von CO2 – doch die Treibhausgase Methan und NOx, die in großen Mengen in der Landwirtschaft frei werden, haben im Vergleich zu CO2 Wirkfaktoren von etwa 24 und 310. Klimawandel, Nahrungsmittelskandale, kontinentgroße Plastikmüllhalden in den Weltmeeren und andere Megafaktoren zeigen den steigenden Handlungsbedarf.

Aussagekräftige Trendanalysen führen zu Zukunftslandkarten

Es gibt eine Systematik, die es Unternehmen erlaubt, eine große Zahl relevanter Trends zu klassifizieren und Kriterien wie Zeiträumen, Regionen und Branchen vielfältig auswertbar zuzuordnen. In enger Zusammenarbeit mit Managern und Führungskräften entsteht in Projektarbeit die Grundlage für ein umfassendes Zukunftsbild. Zu den Trendschwerpunkten gehören Kunden, Wettbewerb, Wirtschaft, Technologie, Umwelt, Politik und Gesellschaft. Aus einer solchen Trendanalyse gewinnt das Projektteam in kurzer Zeit Zukunftslandkarten, die bei der Diskussion und Bewertung von Szenarien großen Nutzen bringen.

Wer Trends zu Zukunftsbildern und Zukunftslandkarten verbindet, schafft die Voraussetzung dafür, Veränderungen frühzeitig zu erkennen. Der spezielle Nutzen der Zukunftslandkarte entsteht für die Akteure durch Eindrücke, die sie aus einer simulierten Zukunftsreise mitnehmen: Erarbeitete Szenarien, vernetzte Trends, geführte Diskussionen und gemeinsame Ableitungen verändern das Denken in Zukunftsfragen. Diese erlebten Erfahrungen geben allen Beteiligten dauerhaft ein Bauchgefühl für morgen. So können Chancen und Risiken, die sich daraus ergeben, frühzeitig identifiziert werden. Neue Handlungsoptionen und Geschäftsideen entstehen daraus.

Retropolation verbindet Zukunftsbilder mit Gegenwart

Entfernt liegende Zukunftsbilder werden dabei über die Methodik der Retropolation rückblickend mit der Gegenwart verbunden. Dieser auf den ersten Blick ungewohnte Zeitsprung mit einer Vorausschau in das Jahr 2050, um von dort auf das Jahr 2025 zurückzuschauen, verfolgt das Ziel, allen Beteiligten zusammen einen Perspektivenwechsel zu ermöglichen. Denn: Solange wir alleine auf unsere persönlichen Erfahrungen vertrauen, laufen wir Gefahr, die Vergangenheit in die Zukunft fortzuschreiben. Diese Sichtweise – Extrapolation genannt – bewährt sich bei relativ kontinuierlichen Entwicklungen, so dem Bevölkerungswachstum.

Schon beim Telefon funktioniert das Ganze nicht mehr. Warum? Weil 80 Jahre zwischen dem hölzernen Wandtelefon und dem schwarzen Bakelit-Telefon aus Wirtschaftswunderzeiten liegen, aber nur gut 40 Jahre von dort bis zum I-Phone, das vielfältige Funktionen bietet – auch Telefonieren. Mit bloßer Extrapolation, also erfahrungsbasiertem Wissen, ist so ein technischer Quantensprung nicht voraussagbar, mit Retropolation dagegen wird er denkbar. Damit Forschungsbedarf, Anwendungsfelder und Umsatzchancen mittelfristig besser erkannt werden können, hat die Textilbranche als womöglich erster Zweig einen solchen moderierten Blick in das Jahr 2025 geworfen. In der einjährigen Projektarbeit im Auftrag des Forschungskuratoriums Textil (FKT) wurden nach dem Motto „Das Denkbare machen statt das Machbare zu denken!“ für zehn Themenfelder über 250 bewertete Ideen und Lösungsvorschläge entwickelt. Sie umfassen den Einsatz technischer Textilien auf Wachstumsmärkten der Zukunft von Architektur und Bekleidung über Ernährung und Mobilität bis hin zu Produktion/Logistik und Zukunftsstadt. Erste Projektergebnisse wurden in der Strategiebroschüre Perspektiven 2025 veröffentlicht.

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Neuartige Wissensbasis für innovationsfreudige Branche

Für das interdisziplinäre Projekt wurde ein Kernteam von zehn Personen gebildet, das den Gesamtprozess steuerte und die Formulierung von Prämissen für Zukunftsbilder im Jahre 2050 erarbeitete. In fünf regional veranstalteten Zukunftsworkshops wurden danach insgesamt über 80 Teilnehmer – Vertreter aus Wissenschaft, Industrie, Verbänden und Studenten unterschiedlicher Fachrichtungen – in die Bearbeitung der Projektfragestellungen eingebunden. So konnten sowohl Experten, die den Weg in die Zukunft prägen werden, als auch Menschen, die in dieser Zukunft leben werden, mit ihrem Wissen und ihren Zukunftsvorstellungen zu einem umfassenden Panoramablick beitragen.

Mit diesem Herangehen wurde für eine der innovationsfreudigsten Branchen eine neuartige Wissensbasis geschaffen. Sie ermöglicht es Textilunternehmen, aus diesen Vorarbeiten – allein oder mit Expertenbegleitung – in Folgeschritten firmenspezifische Strategien für die Umsetzung in Innovationen und die weitere Geschäftsentwicklung abzuleiten.

* Thomas Strobel ist Geschäftsführer der Fenwis GmbH in 82131 Gauting

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