Suchen

Industrie 4.0 Mittelstand sieht keine Not für digitalen Wandel

Redakteur: Stefanie Michel

Die digitale Transformation revolutioniert nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Gesellschaft auf bahnbrechende Weise. Welchen Pfad Deutschland bei diesen Veränderungsprozessen einschlagen sollte, diskutierten die Teilnehmer auf einer Konferenz des Münchner Kreis, der TU München, der Initiative Mint Zukunft schaffen und dem Zentrum Digitalisierung Bayern.

Firma zum Thema

Die Bundesministerin der Verteidigung, Dr. Ursula von der Leyen, plädierte in ihrer Eröffnungs-Keynote dafür, dass Führungskräfte sich der Digitalisierung annehmen und diese vorantreiben müssen.
Die Bundesministerin der Verteidigung, Dr. Ursula von der Leyen, plädierte in ihrer Eröffnungs-Keynote dafür, dass Führungskräfte sich der Digitalisierung annehmen und diese vorantreiben müssen.
(Bild: Stefan Pielow / Münchner Kreis)

Zur Konferenz „Digitale Transformation – Gibt es einen eigenen Weg für Deutschland?“ des Münchner Kreises, der TU München, der Initiative Mint Zukunft schaffen und des Zentrum Digitalisierung Bayern kamen rund 700 Wissenschaftler, Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft und Medien sowie Vertreter von Gewerkschaften und Verbänden, um über den Weg Deutschland bei der digitalen Transformation zu diskutieren.

Die Bundesministerin der Verteidigung, Frau Dr. Ursula von der Leyen, erklärte in ihrer Eröffnungsrede, dass die digitale Transformation auch innerhalb der Bundeswehr ein zentrales Thema sei, das jede Verwaltung vor immense Herausforderungen stelle. Heute entscheidet die Soft- und nicht mehr die Hardware Schlachten. „Alles, was fliegt, ist Software mit Metall drum herum“, brachte es die Ministerin auf den Punkt. Die eigenen Kompetenzen in der Cyberabwehr stärkt das Verteidigungsministerium mit massiven Investitionen unter anderem in den Aufbau eines Cyberclusters an der Bundeswehrhochschule München und mithilfe eines Cyber Innovations Hub, über den der direkte Kontakt zu agilen digitalen Start-ups gesucht wird.

Täglich steht die Cyber-Truppe mittlerweile 4500 Angriffen auf deutsche Netze gegenüber. Algorithmen sind laut von der Leyen das Bindeglied zwischen Big Data und Digitalisierung. Sie zu verstehen, ist Aufgabe der Führungskräfte. Damit die Politik im Ringen um die Informationshoheit in Zeiten von Fake News die Oberhand behält, müssen wir verstehen, was man mit Daten alles machen kann und wie diese effizient kombiniert und nutzbar gemacht werden können. Hier muss ein Wandel vom „Need to know“ zum „Need to share“ erfolgen.

Mittelstand treibt Digitalisierung oft nicht voran

Dagegen sieht der deutsche Mittelstand bisher selten den „Need“ für den großen Schritt in Richtung digitaler Wandel. „Den mittelständischen Unternehmen geht es derzeit noch zu gut“, stellte Prof. Dr. Michael Dowling, Vorstandsvorsitzender des Münchner Kreis fest. „Sie sehen daher überhaupt keinen Zwang, die Digitalisierung im Unternehmen voranzutreiben.“ Prof. Dr. Dr. h.c. Manfred Broy vom Zentrum Digitalisierung Bayern hält fest: „In Deutschland gibt es einen anderen Ausgangspunkt für die Digitalisierung, nämlich die sehr starke traditionelle Wirtschaft, die uns einen anderen Weg abverlangt als beispielsweise der amerikanischen Wirtschaft, die sehr dienstleistungsorientiert ist.“

„Die Digitalisierung ist keine Frage der besten Technologie, sondern einer veränderten Denkweise und einem tiefgreifenden Verständnis für die Kultur und Organisation des Unternehmens“, betonte Prof. Dr. Isabell M. Welpe, Lehrstuhl für Strategie und Organisation, TUM.

Digitale Transformation ist Kopfsache und Teamaufgabe

Claudia Nemat, Mitglied des Vorstands Deutsche Telekom, verwies auf Albert Einstein, der gesagt hat, dass Probleme nicht mit den Mitteln gelöst werden können, mit denen sie geschaffen wurden. In deutschen Unternehmen würden dementsprechend nur Teams die Herausforderungen der Digitalisierung erfolgreich meistern können, die sich aus Menschen mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten zusammensetzen.

Um im Rennen um die Vorherrschaft im digitalen Bereich bestehen zu können, gilt es zu erkennen, was andere noch nicht erkannt haben, und Disruption zu wagen. Wer eigene Geschäftsmodelle nicht kritisch hinterfragt, kann leicht den Anschluss verlieren. Industrielles und Smart-Service-Denken müssen zukünftig vereinbart werden, indem Unternehmen ihre Prozesse einfach halten, ein Verständnis für effizientes Datenhandling erreichen, klassische Strukturen durch agile ersetzen und Ängste vor Neuem abbauen.

Großes Potenzial bei Business-to-Business-Plattformen

„Plattformen beherrschen die Welt“, lautete die Ausgangsthese der Keynote von Christoph Keese, Executive Vice President Axel Springer. Ob Facebook, Google, oder Airbnb, Business-to-Consumer-Plattformen verzeichnen enorme Erfolge, obwohl sie selbst gar nicht die Leistung erbringen, die sie verkaufen. Für Deutschland sieht Keese großes Potenzial im Bereich von Business-to-Business-Plattformen – dem nächsten logischen Schritt in der digitalen Transformation nach der Vernetzung von Unternehmen und Kunden. Die Industrienation Deutschland ist als Experte für Produktionsprozesse dafür prädestiniert, die „Wertschöpfungskette zu digitalisieren“. Darüber hinaus sollte die Bundesrepublik die Chance nutzen und die Vorreiterrolle in den drei wegweisenden Technologien der Zukunft einnehmen: Internet of Things, Künstliche Intelligenz und Blockchain. Dafür müssten die besten Kräfte gebündelt werden.

Dr. Frederik Pferdt, Chief Innovation Evangelist bei Google, betonte, wie wichtig Kreativität für eine erfolgreiche digitale Transformation sei: „Technologie bringt uns in die Zukunft, aber die Kreativität der Menschen entscheidet letztlich, wie sie aussieht.“ Es sei die Aufgabe von Führungskräften, Raum für radikale Ideen zu schaffen und Mitarbeiter zu ermutigen, bestehende Prozesse infrage zu stellen. Viel öfter sollte die Frage „Was wäre, wenn…“ gestellt werden und die Antwort darauf nicht „Ja, aber…“, sondern „Ja, und…“ lauten – der Idee muss eine Chance gegeben und Weiterspinnen erlaubt sein. Denn aus „gescheiterten“ Einfällen lassen sich Lehren für die Zukunft ziehen; „Lernbereitschaft“, „Erfindergeist“ und „kreatives Selbstvertrauen“ sind die Basis einer erfolgreichen unternehmerischen Weiterentwicklung.

Mitbestimmung 1.0 reicht nicht aus für die Arbeitswelt 4.0

Mit Blick auf die Auswirkungen der digitalen Transformation auf die in Deutschland erfolgreich etablierte Sozialpartnerschaft waren sich die Teilnehmer einig: Überbordende gesetzliche Regelungen erschweren zunehmend den Diskurs zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften, ein hohes Maß an Bürokratie verschreckt Unternehmen wie Arbeitnehmer. Das Ziel muss sein, die Mitarbeiter zu „befähigen und zu berechtigen“, ihnen „Leitplanken“ und Rahmenbedingungen an die Hand zu geben.

Mitbestimmung 1.0 reicht in einer Arbeitswelt 4.0 nicht aus; es ist mehr Agilität beim Mitspracherecht gefordert. All das unter Berücksichtigung der Tatsache, dass in den Fertigungshallen eine andere Mitarbeiterstruktur vorherrscht als in Start-ups, IT-Unternehmen oder der Managementebene. Um einer drohenden Spaltung zwischen der digital-affinen und der analogen Belegschaft vorzubeugen, ist der Auf- und Ausbau digitaler Kompetenzen in jedem Alter eine zentrale Aufgabe für Politik und Gesellschaft.

Zum Abschluss der Veranstaltung erklärte Dr. h.c. Thomas Sattelberger, Initiative Mint Zukunft schaffen: „Wenn wir die digitale Transformation nicht packen, wird die Debatte über den sozialen Zusammenhalt zur Luxusdebatte.“ Digitale Transformation, Demographie und Bildung als zentrale Themen der nächsten Dekade könne man nur mit einer „Digitalen Sozialen Marktwirtschaft“ begegnen. Hierbei könne Europa eine Vorreiterrolle einnehmen, erklärte Prof. Dr. Stephan Jansen von der Karlshochschule, da die Europäer Vielfalt gewohnt und in der Suche nach sozialen Innovationslösungen besonders geschult seien.

(ID:44927137)