Arbeiten unter Spannung Nassreinigungsverfahren für elektrische Anlagen

Autor / Redakteur: Peter Lutz und Ralph Klembt / Beate Christmann

Nicht in jeder Anwendungssituation ist es möglich oder wirtschaftlich ratsam, elektrische Anlagen für Instandhaltungszwecke vom Netz zu nehmen. Eine mögliche Alternative ist die Nassreinigung unter Spannung, während der Betrieb ungehindert weiterläuft.

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Eine regelmäßige Wartung elektrischer Anlagen dient sowohl einer langen Verfügbarkeit als auch der Arbeitssicherheit und ist dementsprechend durch verschiedene Vorschriften und Normen vorgegeben.
Eine regelmäßige Wartung elektrischer Anlagen dient sowohl einer langen Verfügbarkeit als auch der Arbeitssicherheit und ist dementsprechend durch verschiedene Vorschriften und Normen vorgegeben.
(Bild: Bremer & Leguil)

Auch elektrische Anlagen müssen regelmäßig gewartet und gereinigt werden. Jedoch ist es nicht in jeder Situation ratsam oder sogar möglich, für diese Zwecke die Stromzufuhr zu unterbrechen: Wenn dadurch die gesamte Produktion gestoppt werden muss und Maschinen stillstehen, bedeutet das in der Regel empfindliche geldwerte Nachteile für das Unternehmen. Eine bewährte Alternative ist daher das Arbeiten unter Spannung (AuS): Selbst eine Elektro-Nassreinigung ist möglich, während der Betrieb ungehindert weiterläuft. Das bedeutet geringere Kosten für Wartung und Instandhaltung und einen ungehinderten Produktionsablauf. Voraussetzung dafür sind allerdings speziell geschulte Elektrofachkräfte und die geeigneten Reinigungsprodukte.

Verfahren mit flüssigen Reinigungsmitteln

Oft kann nur eine gründliche Reinigung der Anlage den ordnungsgemäßen Zustand wiederherstellen oder den sicheren Zustand erhalten. In vielen Produktionsumgebungen ist es allerdings nicht möglich, Anlagen vom Netz zu nehmen und damit den gesamten Produktionsprozess zu stoppen. In diesen Fällen ist die Nassreinigung elektrischer Anlagen unter Spannung eine mögliche Alternative: Sie basiert auf einem Verfahren mit flüssigen Reinigungsmitteln. Durch sie werden Materialien und Bauteile effektiv und oberflächenschonend gereinigt.

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Mit dem speziellen Reinigungsverfahren werden gleich zwei wesentliche Anforderungen erfüllt: Zum einen sorgt eine regelmäßige Wartung für eine ordnungsgemäße Anlagenverfügbarkeit, Betriebs- und Arbeitssicherheit. Wer in eine vorausschauende Wartung investiert und dadurch unerwartete Stillstände reduzieren kann, verbessert zugleich die Effizienz und damit Rentabilität des gesamten Anlagen- und Maschinenbetriebs.

Sichere Arbeitsprozesse: Unternehmen in der Verantwortung

Zum anderen ist eine regelmäßige Wartung von elektrischen Anlagen unverzichtbar, um sichere und zuverlässige Arbeitsprozesse zu gewährleisten. Einschlägige Normen wie die DIN VDE 0105-100 geben dies vor, um beispielsweise Risiken wie Kriechströmen, Überschlägen, Kurzschlüssen oder gar Bränden vorzubeugen. Ebenso sehen die Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) § 10, Absatz 2 sowie die DGUV-Vorschrift 3 eine Pflicht zur turnusgemäßen Instandhaltung von Arbeitsmitteln (Anlagen) vor.

Ein Zitat dazu aus den Berufsgenossenschaftlichen Vorschriften (BGV) A3 § 5: „Der Unternehmer hat dafür zu sorgen, dass die elektrischen Anlagen und Betriebsmittel, in bestimmten Zeitabständen, auf ihren ordnungsgemäßen Zustand geprüft werden.“

Überprüfung von Anlagen vor erster Inbetriebnahme und nach Instandsetzung

Diese Prüfung ist sowohl vor der ersten Inbetriebnahme und nach einer Änderung oder Instandsetzung vor der Wiederinbetriebnahme durch eine Elektrofachkraft oder unter Leitung und Aufsicht einer Elektrofachkraft notwendig als auch in bestimmten Zeitabständen. Die Fristen sind so zu bemessen, dass entstehende Mängel, mit denen gerechnet werden muss, rechtzeitig festgestellt werden.

Daraus folgt: Oft kann nur eine Reinigung der Anlage den ordnungsgemäßen Zustand wiederherstellen beziehungsweise nach BetrSichV den sicheren Zustand erhalten. Dabei hat grundsätzlich die Reinigung spannungsfrei geschalteter Anlagen Vorrang vor dem Arbeiten unter Spannung. In Ausnahmefällen darf allerdings unter Spannung gereinigt werden gemäß DGUV-Vorschrift 3 (BGV A3 § 8). Gerade in kritischer Anwendungsumgebung gibt es allerdings oft keine Alternative, da eine Abschaltung der elektrischen Anlage nicht problemlos möglich ist. Typische Beispiele dafür sind Schmelzöfen in der Stahlindustrie, zahlreiche Produktionsprozesse im 24/7-Betrieb, aber auch etwa die Landebahnbefeuerung von Flughäfen oder die elektrische Versorgung in Krankenhäusern.

Anwendungsfallanalyse steht vor der Wahl der Reinigungsstrategie

Was ist zu tun, wenn Maschinenbetreiber über die Durchführung einer Nassreinigung unter Spannung nachdenken? Zunächst ist eine Anwendungsfallanalyse an den zu reinigenden elektrischen Anlagen durchzuführen. Hierbei werden die Produktauswahl und deren Menge sowie die tatsächlich durchzuführenden Arbeitsschritte und Maßnahmen festgestellt.

Zudem darf nur geschultes Personal Arbeiten unter Spannung durchführen. Deswegen ist ein spezielles Ausbildungsprogramm, um den Elektrofachkräften und elektrotechnisch unterwiesenen Personen die Fähigkeit zum Arbeiten unter Spannung zu vermitteln und zu erhalten, eine entscheidende Voraussetzung. Zusätzlich sind beim Arbeiten unter Spannung eine spezielle Arbeitsschutzkleidung und isolierendes Werkzeug notwendig. Diese sollen vor den Gefahren von Körperdurchströmung oder durch Lichtbogenbildung schützen.

Reinigen in mehreren Schritten

Für überzeugende Reinigungsresultate gehen speziell geschulte Fachkräfte in mehreren Schritten vor: Zunächst saugen sie grobe Verunreinigungen etwa aus dem Schaltschrank ab, bevor im zweiten Schritt die eigentliche Nassreinigung erfolgt. Mit lediglich 2 l/min, dabei aber einem Druck von bis zu 180 bar erfolgt die Nassreinigung. Das Sprühverfahren verhindert, dass sich unnötig Flüssigkeit in der Anlage sammelt und sorgt zugleich für eine gründliche Reinigung. Das feine Zerstäuben der Reinigungsflüssigkeit dient zudem dazu, empfindliche elektronische Teile zu schonen. Nicht jedes Reinigungsmittel ist naturgemäß für das Arbeiten unter Spannung geeignet: Nichtentflammbarkeit, eine hohe Durchschlagsfestigkeit und schnelles Verdunsten sind wesentliche Voraussetzungen für geeignete Mittel. Zudem sollen sie materialschonend gegenüber allen üblichen Metallen, Kontaktbeschichtungen, Isolationswerkstoffen, Farben, Lacken, Gummis und Kunststoffen sein.

Wahl des Reinigungsmittels wichtiger Schritt

Von großer Bedeutung ist, dass das Reinigungsmittel eine niedrige Oberflächenspannung sowie ein hohes spezifisches Gewicht aufweist: So kann es schnell selbst in kleinste Spalten eindringen und eine gründliche Reinigungswirkung erzielen, bis hin zur rückstandsfreien Entfernung von öl- und fetthaltigen Verunreinigungen, Staub und Fremdkörpern auch aus schwer zugänglichen Bereichen.

Basierend auf der Hightech-Flüssigkeit 3M Novec entwickelt das Unternehmen Bremer & Leguil hocheffektive Spezialreiniger, wie etwa Rivolta S.L.X. 500 und S.L.X. 1000. Die Hightech-Flüssigkeit unterstützt als Trägerlösungsmittel die schnelle Verteilung des Reinigers. Sie ist schnelltrocknend und elektrisch nichtleitend. Zu typischen Anwendungsfeldern zählen Schaltschränke, Motoren und Generatoren, Ortsnetzstationen, Bahn-Stellwerke, Leistungs- und Trennschalter ebenso wie Trocken- und Öltransformatoren sowie Schweißtransformatoren.

Nassreinigung unter Spannung als effiziente Alternative

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass die Nassreinigung unter Spannung eine sichere und effiziente Alternative für die Wartung und Instandhaltung elektrischer Anlagen darstellen kann. Mit ihren Kostenvorteilen kommt die Nassreinigung in immer mehr produzierenden Bereichen zum Einsatz. Sie verbindet Arbeitssicherheit mit Funktionssicherheit und erfüllt somit zwei wesentliche Voraussetzungen für sichere Produktionsprozesse. Zudem beugt eine vorausschauende Pflege und Wartung möglichen Ausfällen vor und kann die Lebensdauer von elektrischen Anlagen deutlich verlängern – auch dies sind wichtige wirtschaftliche Argumente, die für dieses Verfahren sprechen.

* Peter Lutz ist stellvertretender Leiter Anwendungstechnik bei Bremer & Leguil in 47051 Duisburg, Tel. (02 30) 9 92 30, peter.lutz@bremer-leguil.de; Ralph Klembt ist Senior Product Manager Chemicals and Semiconductor Materials bei 3M Deutschland in 41453 Neuss, Tel. (0 21 31) 14 21 85, rklembt@3M.com

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