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Interview Österreich: Industrie findet gute Rahmenbedingungen

| Autor: Stéphane Itasse

Nicht nur als Urlaubs-, sondern auch als Industriestandort kann die Alpenrepublik sich sehen lassen: Österreich bietet für Produzenten eine gute Infrastruktur, zahlreiche bereits vorhandene Hightech-Unternehmen, gut ausgebildete Arbeitskräfte und nicht zuletzt eine attraktive Förderung für die Ansiedlung von Firmen. Wie auch Sie davon profitieren können, verrät Dr. René Siegl, Geschäftsführer des Investitionsführers Austrian Business Agency, im Exklusivinterview.

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„Die politische, rechtliche und soziale Stabilität in Österreich ist überdurchschnittlich hoch“, sagt Dr. René Siegl, Geschäftsführer der Austrian Business Agency.
„Die politische, rechtliche und soziale Stabilität in Österreich ist überdurchschnittlich hoch“, sagt Dr. René Siegl, Geschäftsführer der Austrian Business Agency.
(Bild: Austrian Business Agency)

Welche Stärken hat aus Ihrer Sicht der Industriestandort Österreich?

Oft wird Österreich vor allem als Urlaubsland wahrgenommen, dabei macht der Tourismus nur etwa 7,5 % unserer Wirtschaftsleistung aus – der produzierende Sektor trägt hingegen knapp 30 % bei. Entscheidende Faktoren sind dabei eine hochmoderne F&E-Infrastruktur mit Clustern, Kompetenzzentren, Technologie- und Industrieparks, eine hohe Produktivität und gut ausgebildete, motivierte Arbeitskräfte sowie eine hohe Energieversorgungssicherheit und beste Absatzmöglichkeiten – die Kaufkraft beziehungsweise das BIP pro Kopf liegt hier zum Beispiel knapp ein Drittel über EU-Durchschnitt und die Absatzmärkte in Süd- und Osteuropa sind mit verhältnismäßig kurzen Wegen zu erreichen. Zu den wichtigsten Industriebranchen gehören vor allem Maschinenbau und Metallwaren sowie Elektronik. Sie sind gemeinsam für knapp 47 % der Gesamtindustrieproduktion des Landes verantwortlich.

Aus welchen Gründen sollten sich Industrieunternehmen in Österreich ansiedeln?

Für unsere internationalen Investoren spielen die Faktoren attraktive Unternehmensbesteuerung, starke Förderung von Forschung und Entwicklung sowie die hohe Qualifikation von Arbeitskräften eine entscheidende Rolle. Die politische, rechtliche und soziale Stabilität in Österreich ist überdurchschnittlich hoch. Ein flexibles Arbeitsrecht erleichtert Unternehmen die strategische Planung, zum Beispiel durch das Abfertigungssystem. Zugleich gehört Österreich laut World Competitiveness Yearbook 2014 zu den Top 5 unter sechzig Industrienationen, was Motivation sowie Aus- und Weiterbildungsgrad der Arbeitskräfte anbetrifft, und kann mit der niedrigsten Arbeitslosenquote in der EU aufwarten – durchschnittlich nur 4,5 % seit 2000. In den Jahren 2005 bis 2012 fielen im Jahresdurchschnitt nur zwei Arbeitstage pro 1000 Beschäftigten durch Streiks aus. Nur in der Schweiz wird noch weniger gestreikt. Der wichtigste internationale Direktinvestor in Österreich ist übrigens Deutschland: 2014 lag die mit den deutschen Ansiedlungen verbundene Investitionssumme von 274,5 Mio. Euro rund 40 % über dem Wert aus dem Vorjahr. Insgesamt sind rund 8450 deutsche Unternehmen am Wirtschaftsstandort Österreich aktiv.

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Welche Vorteile bietet der Standort Österreich im Vergleich zu den Staaten Osteuropas und im Vergleich zu etablierten Industriestaaten der EU, insbesondere Deutschland und Italien?

Unternehmen, die den Markt in Osteuropa erschließen möchten, sehen oft in den sprachlichen Barrieren und politischer oder rechtlicher Instabilität Unsicherheitsfaktoren. Ein zusätzlicher Faktor, gerade für die Positionierung als Arbeitgebermarke, ist die Lebensqualität vor Ort. Wien wurde inzwischen bereits zum sechsten Mal in Folge zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt. Gleichzeitig bietet Österreich sowohl durch die geografische Lage (von Wien aus kann ganz Europa innerhalb von drei Flugstunden erreicht werden) als auch durch die historisch engen Bande zu vielen osteuropäischen Nationen eine gute Mischung. Deshalb koordinieren mehr als 1000 multinationale Konzerne und internationale Unternehmen ihr Osteuropageschäft von Standorten in Österreich aus – Siemens, Robert Bosch, Beiersdorf, Allianz und Henkel zum Beispiel. Österreich gehört außerdem zu den Top 5 innerhalb der EU-28, was die Arbeitsproduktivität in der verarbeitenden Industrie betrifft – Deutschland und Italien haben es hingegen nur knapp in die Top 10 geschafft. Die Produktivitätssteigerungen in Österreich konnten in den vergangenen Jahren den Anstieg der Arbeitskosten beinahe ausgleichen. Daraus folgte unter anderem, dass die Lohnstückkosten sich über die letzten Jahre in Österreich günstiger als im EU-Durchschnitt entwickelten. Sie stiegen zwischen 2010 und 2014 nur um 1,5 % jährlich, in den meisten anderen EU-Ländern war der Anstieg deutlich höher.

Welche Unterstützung bietet der österreichische Staat den Unternehmen bei Investitionen?

Der wichtigste Aspekt sind hier sicherlich die steuerlichen Vergünstigungen. In Österreich fallen weder Gewerbe- noch Vermögens-, Erbschafts- oder Schenkungssteuern an. Es wird lediglich eine einheitliche Körperschaftssteuer in Höhe von 25 % erhoben und Gruppenbesteuerung – die Anrechnung von Verlusten ausländischer Tochtergesellschaften auf den Gesamtgewinn – ist möglich. Zusätzlich kommt insbesondere der Förderung von F&E große Bedeutung zu. Erst im März kündigte die Regierung an, im Rahmen der Steuerreform die Forschungsprämie für Unternehmen ab 2016 von 10 auf 12 % anzuheben. Dieser Bonus auf eigene Aufwendungen oder Forschungsaufträge wird den Unternehmen bar beziehungsweise als Steuergutschrift ausgezahlt.

Welches Vorgehen empfehlen Sie beim Aufbau eines Unternehmensstandorts in Österreich?

Grundsätzlich stellen sich einem Unternehmen bei der Standortsuche natürlich sehr viele Fragen: Das reicht von Lohnstückkosten, Verfügbarkeit von Fachkräften, Steuern und Abgaben über „weichere“ Faktoren, wie die kulturelle und sprachliche Kompatibilität. Gerade diese dürfen aber nicht unterschätzt werden – sie können maßgeblich zu Erfolg oder Misserfolg eines Standortaufbaus beitragen. Da können wir als Ansiedlungsberater natürlich Unterstützung bieten. Was uns sehr freut, ist, dass im vergangenen Jahr so viele Unternehmen wie nie zuvor unsere Dienste genutzt haben. Wir konnten 276 internationale Investoren in Österreich ansiedeln und damit eine Investitionssumme von 371 Mio. Euro generieren – das ist eine ganz signifikante Steigerung gegenüber dem Vorjahr. Gerade auch bei deutschen Unternehmern ist die Investitionsbereitschaft wieder stark angestiegen. Kurz dahinter folgt Italien.

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 Stéphane Itasse

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MM MaschinenMarkt