RaaS Roboter auf Zeit nutzen

Autor / Redakteur: Werner Kraus / Mag. Victoria Sonnenberg

Das Geschäftsmodell „Robot as a Service“ steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen, ist in den USA aber bereits ein Erfolg. RaaS ist für Anwender ein schneller Weg Roboter ganz einfach zu testen.

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Der mobile Roboter von MiR und Sawyer im Betrieb – die Kombination aus einem mobilen Roboter und Cobot ermöglicht einen automatisierten Warentransport und ist auch als RaaS-Lösung umsetzbar.
Der mobile Roboter von MiR und Sawyer im Betrieb – die Kombination aus einem mobilen Roboter und Cobot ermöglicht einen automatisierten Warentransport und ist auch als RaaS-Lösung umsetzbar.
(Bild: Hahn Robotics GmbH)

Im Zuge der Digitalisierung ist bereits vieles zum „Service“ geworden: Das Besitzen beispielsweise von Software ist nicht mehr einziges Mittel der Wahl, sondern diese steht als Cloudservice bereit und der Anwender zahlt für das, was er nutzt.

Hinsichtlich Plattformtechnologien sind Beispiele mit gleichem Funktionsprinzip die SAP Cloud Platform oder Microsoft Azure. Und was das Thema Rechenpower und -infrastruktur angeht, zeigt der Erfolg von Amazon Web Services (AWS), welch großes Potenzial das Thema „Something as a Service“ (oder abgekürzt XaaS) hat: So generierte Amazon mit AWS 2019 zwar „nur“ einen Umsatz von 35 von insgesamt 280 Milliarden Dollar. Am Gewinn von 11,6 Milliarden Dollar hat AWS aber mit 2,6 Milliarden Dollar einen doppelt so hohen Anteil von etwa 22 %. Ein Jahr davor trug AWS zum Gesamtgewinn von Amazon sogar knapp 60 % bei.

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Zwar ist dieses Geschäftsmodell sicher nicht für jeden geeignet, aber es hat doch signifikante Vorteile. Allen voran die Skalierbarkeit und Flexibilität: Schwanken die Bedarfe zum Beispiel an Rechenleistung saisonal oder wächst das Unternehmen noch, kann die eingekaufte Rechenleistung genau an diese wechselnde Nachfrage angepasst werden. Hinzu kommt ein definiertes Leistungsversprechen des Serviceanbieters. Denn wenn nur noch bezahlt wird, was der Kunde auch nutzt („pay per use“), muss das Angebot eben auch funktionieren, sonst fließen keine Einnahmen.

RaaS erleichtert Einstieg in die Robotik

Auch die Robotik hat das Thema seit wenigen Jahren für sich entdeckt. Hinter dem Begriff „Robot-as-a-Service“ oder „RaaS“ steckt eine smarte Idee: Warum nicht mal einen Roboter und seine Leistung für einen definierten, bedarfsorientierten Zeitraum als Service einkaufen? Bleibt der Bedarf weiterhin bestehen und bewährt sich der Roboter im Einsatzszenario, kann er gekauft werden. Im Fokus stehen hier momentan mobile Roboteranwendungen im Kontext der professionellen Servicerobotik. Denn natürlich lässt sich eine aufwendig zu programmierende Industrieroboter-Anwendung aufgrund der hohen Fixkosten nicht sinnvoll „mal eben“ für ein paar Wochen einrichten. Hinzu kommt: „Klassische“ Unternehmen aus der Automatisierungsbranche wissen bereits um die Mehrwerte von Robotern für ihre Fertigung. RaaS spricht demgegenüber Branchen an, in denen die Automatisierung bisher nicht oder nur partiell Thema ist und für die die Investition in einen Roboter unüblich ist, zum Beispiel Roboter in der Pflege oder der professionellen Gebäudereinigung.

Was hierzulande noch kaum Thema ist, ist in Nordamerika und Asien bereits ein ernstzunehmender Geschäftszweig. So nennt das Institut „ABI Research“ 34 Milliarden US-Dollar Umsatz als Wert, der 2026 mit RaaS erzielt werden dürfte. Gary Yates, Consultant für Robotik und Beiträger für die Webseite „insights.rlist.io“, hat in einem umfassenden Beitrag zu RaaS mehr als 50 Firmen gelistet, die Roboter bereits als Dienstleistung anbieten und auch die Kosten dieser Dienstleistung aufgeführt. Während einige Anbieter mithilfe von Cobots auch bereits das Produktionsumfeld adressieren, sind die Hauptbranchen für RaaS die Reinigung, Sicherheit, Lieferdienste und Logistik.

Ein erfolgreiches Beispiel ist die US-amerikanische Firma Fetch Robotics, die RaaS als Cloudlösung anbietet: „Diese einzigartige Kombination aus dem Geschäftsmodell RaaS und der Cloudinfrastruktur minimiert Hürden im Bereitstellungsprozess einer Anwendung und ist für viele unserer Kunden der bevorzugte Ansatz, um mobile Roboter schrittweise einzuführen“, erklärt Stefan Nusser, Chief Product Officer der Firma. „Der gesamte Prozess, von der ersten Untersuchung bis zum Start einer Lösung, kann in wenigen Tagen abgeschlossen werden und in der heutigen Zeit des „Social Distancing“ auch aus der Ferne erfolgen“, so Nusser weiter.

Erste deutsche Firmen als Anbieter

In Deutschland mischen bereits einige Firmen bei RaaS mit. Die Logistikfirma Magazino sieht das Geschäftsmodell besonders für Branchen mit großen Durchsatzschwankungen als sehr geeignet an. „Es hilft Firmen dieser Branchen, ihr Risiko zu minimieren“, führt Benjamin Sommer aus, Head of Sales & Marketing bei Magazino. „RaaS fördert zudem die Zusammenarbeit zwischen Kunde und Lieferant, da beide Seiten entsprechend der Nutzung partizipieren. Nachteile sind der hohe Liquiditätsvorschuss für Lieferanten und die bisher überschaubare Anwendung von RaaS.“ Tatsächlich spielt RaaS für die Firma bereits eine große Rolle: „Wir arbeiten derzeit mit ungefähr der Hälfte unserer Kunden auf Basis eines RaaS-Modells“, sagt Sommer.

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Auch die Hahn Group mit ihren Unternehmen Hahn Robotics und RobShare setzt bereits RaaS-Anwendungen um. Im industriellen Umfeld sieht die Firma verschiedene Einsatzmöglichkeiten: „Wir haben beobachtet, dass sich vor allem mobile Roboter und Cobots gut für eine Vermietung oder RaaS-Anwendung eignen, da sie bestimmte Grundvoraussetzungen erfüllen wie die Flexibilität, einfache Bedienung und Anwendung sowie hohe Akzeptanz bei Mitarbeitern“, gibt Marco Unverzagt an. Er ist Geschäftsführer der Hahn Robotics GmbH. Sein Kollege Silvester de Keijzer, Geschäftsführer der RobShare GmbH, hat demgegenüber ein breiteres Einsatzgebiet für seine Serviceroboter: „Mit humanoiden Robotern verringert RobShare die Distanz zwischen Mensch und Roboter und bringt Robotertechnologie in unseren Alltag.“ Typische Anwendungen sind beispielsweise bei Events, in der Hotellerie oder im Verkauf.

Stand von RaaS im deutschen Robotikmarkt eruieren

Schließlich beschäftigt sich auch das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA mit dem Aufkommen von RaaS als neuem Geschäftsmodell. Die Forscher sehen es vornehmlich als „Türöffner“, um Unternehmen mit wenig oder keiner Erfahrung erste Automatisierungsschritte mit Robotern zu ermöglichen. Anlässlich eines Online-Erfahrungsaustausch diesen Sommer, den die Beratungsfirma Trebing + Himstedt veranstaltete, konnte das Institut gemeinsam mit den weiteren Referenten von Kuka, Schunk und German Bionic den aktuellen Stand von RaaS im deutschen Robotikmarkt eruieren und dessen Mehrwert sowie auch die Abgrenzung zum ebenfalls möglichen Leasen eines Roboters herausarbeiten.

Als Hauptkriterien für die Entscheidung, ob RaaS zu einem Unternehmen passt, sahen die Referenten die Kombination aus Flexibilität und Risikotransfer, letzterer sowohl gegenüber der Investition in einen Roboter als auch gegenüber seiner zuverlässigen Leistung. Klar ist der Fall, wenn ein Unternehmen kontinuierlichen Bedarf an dem Robotersystem hat, kaum Flexibilität bedarf und das Risiko einer erfolgreichen Anwendung selbst trägt. Dann lohnt es sich, den Roboter anzuschaffen, denn die Investition zahlt sich über den mehrjährigen Betrieb mehrfach aus. Für den Fall, dass das Risiko ebenfalls beim Endanwender verbleibt, aber Flexibilität ein wichtiges Kriterium ist, bietet sich das Leasen an.

Ein Beispiel aus dem Online-Erfahrungsaustausch: German Bionics bietet ihre Exoskelette Autowerkstätten übers Leasing an. Die körpergetragenen Robotersysteme erleichtern den Mechanikern durch Kraftunterstützung das Wechseln der Autoreifen. Außerhalb dieser Anwendung haben die Werkstätten keinen Bedarf, ein Kauf der Exoskelette würde sich nicht lohnen.

Geht es für den Endanwender darum, das Risiko auszulagern und agiert er in einem weitgehend beständigen Markt, kommt das Geschäftsmodell „Pay per Use“ in Betracht. Anstatt den Roboter zu kaufen, zahlt er den Robotereinsatz nur entsprechend der Nutzung. Hinzu kommt, dass die Nutzung des Roboters mit einem Leistungsversprechen einhergeht, zum Beispiel in Form von Key-Performance-Indikatoren (KPIs). Das Risiko wird somit vom Anwender des Roboters auf den Anbieter transferiert.

Und schließlich spielt RaaS als vierte Geschäftsmodell-Variante dann seine Vorteile aus, wenn in einem volatilen Markt automatisiert werden soll. Dafür braucht der Anwender kurzfristig qualifizierte Roboter-Workforce mit zugesicherten KPIs. So bietet beispielsweise das Unternehmen Robozän seine humanoiden Roboter der Firma pi4robotics im Sinne eines „pay per workforce“ als Leiharbeiter an, unter anderem als Concierge oder als Verkaufsassistenten in einer eigenständigen Minifabrik. Das Versprechen: Der Roboter ist nach 48 Stunden eingelernt und kann dann alleine seinen Dienst verrichten. Matthias Krinke, Geschäftsführer von Robozän, betont: „Der Kunde hat kein Risiko, da es ein Full-Service-Vertrag ist und er damit nur bezahlt, wenn der Roboter seinen Job macht. Es ist das ideale Modell für Kunden ohne Roboterkenntnisse.“ Bewährt sich der Roboter im Alltag und besteht der Bedarf über die sechs Monate hinaus, wird der Roboter-Leiharbeiter nicht selten „übernommen“, das heißt gekauft. Die Nachfrage ist da: Laut Krinke werde seine Firmengruppe mit Robozän und pi4robotics im Jahr 2022 vermutlich 90 % des Umsatzes mit RaaS machen.

RaaS eignet sich nicht für die komplexe Automation

Kriterien, die RaaS ungeeignet machen, gibt es natürlich auch. Die genannte Flexibilität bei RaaS setzt geringe Integrationskosten und eine schnelle Inbetriebnahme voraus, die zunächst Fixkosten darstellen. Diese Aufwände bestehen beispielsweise für die Parametrisierung, Schulungen oder die Sicherheit der Anwendung, und müssen umgelegt werden. Auf dem RaaS-Markt finden sich daher vor allem mobile Roboter. Krinke betont: „Komplexe Automationsprojekte sind für RaaS ungeeignet.“ Zudem müssen Unternehmen beachten, dass es sich um unterschiedliche Kostenarten handelt. Während der Kauf eines Roboters zu den Investitionskosten zählt, sind Kosten für RaaS Betriebskosten. Oftmals sind die Freigabeprozesse für die weit geringeren Betriebskosten bei RaaS einfacher und schneller, aber eben auch dauerhafte Posten. Zudem ist der Anwender abhängig vom RaaS-Anbieter. Es gilt also gerade für Unternehmen, die bisher nicht automatisieren, gründlich zu eruieren, welches Geschäftsmodell am besten zu ihrem Anwendungsfall passt.

* Dr.-Ing. Werner Kraus leitet am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung die Abteilung Roboter- und Assistenzsysteme, Tel. (07 11) 9 70 10 49, werner.kraus@ipa.fraunhofer.de

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