Werkzeugmaschinen Schweiz: Frankenkatastrophe: Schaublin-CEO Rolf Muster spricht Klartext

Redakteur: Matthias Böhm

Schaublin Machines steht stellvertretend für Schweizer Qualität und Präzisions-Werkzeugmaschinenbau. Im Rahmen der neuen Währungssituation sagt Schaublin-CEO und Mitinhaber Rolf Muster und Douglas Spiesser (Verkaufsleiter) im SMM-Exklusivinterview, wohin die Reise geht.

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Douglas Spiesser, Verkaufsleiter Schaublin Machines SA: «Flexible Fertigung, 24 Stunden, sieben Tage die Woche bei mannarmer Bedienung ist das Ziel. »
Douglas Spiesser, Verkaufsleiter Schaublin Machines SA: «Flexible Fertigung, 24 Stunden, sieben Tage die Woche bei mannarmer Bedienung ist das Ziel. »
(Bild: Thomas Entzeroth)

SMM: Herr Muster, zuerst Gratulation zum 100. Aber Sie hatten sich sicher ein anderes Geburtstagsgeschenk gewünscht als das vom 15. Januar.

Rolf Muster: Die Wechselkursfreigabe des Schweizer Frankens ist kein Geschenk, es ist eine Katastrophe. Ich arbeite seit 35 Jahren in der WZM-Industrie. Ich sehe zum ersten Mal schwarz für die Zukunft. Und ich habe schon einige Krisen miterlebt. Aber die Kumulierung der Ereignisse ist unser Problem. Das fing mit der Krise in 2009/2010 an. Dann gab es für die Schweiz den zweiten Einschnitt in 2011, als der Euro von 1.60 auf 1.20 fiel.

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Die 2009er- und 11er-Einschnitte hat der Werkplatz aber verkraftet.

R. Muster: Das sieht so aus. Aber wenn Sie die Schweizer MEM-Industrie mit der deutschen Industrie vergleichen, erkennen Sie, dass die deutsche Industrie massiv zugelegt hat. Die Schweizer Industrie hat sich zwar erholt, aber in 2014 hat sie gerade einmal das Umsatzvolumen von 2002 erreicht. Das ist kein Wachstum, das ist Stillstand. Gleichwohl die beiden Einschnitte in 2009 und 2011 haben wir dank Umstrukturierungen, Prozessoptimierungen und Bearbeitung neuer Märkte verkraftet, aber wir hätten uns mit einem anderen Wechselkurs massiv besser entwickelt. Jetzt kommt mit der Aufhebung des Euro-Franken-Wechselkurses ein weiterer Einschnitt hinzu. Uns allen steht das Wasser bis zum Hals, und das ist noch positiv formuliert.

Wie hat die neue Währungs-Situation die MEM-Industrie getroffen?

R. Muster: Aus der Sicht unseres Unternehmens Schaublin Machines SA und aus der Sicht vieler mir bekannter Unternehmer hat die Wechselkursfreigabe ein Erdbeben für die MEM-Industrie verursacht. Bei den einen ist die Stärke des Bebens vielleicht bei 2, bei anderen bei 8. Bei uns ist es im oberen Bereich. Die WZM-Industrie ist besonders stark betroffen. Wir haben seit dem 15. Januar zwei Drittel an Auftragseingang verloren gegenüber der Vorjahresperiode. Ursache: die Wechselkurs-Freigabe des Schweizer Frankens. Im Juni/Juli war es zum Glück wieder etwas besser. Hier liegt der Grund in der besseren Währungssituation der Länder China, USA und Russland

Warum ist es aktuell so schwierig?

R. Muster: Wir müssen eine Stärkung des Frankens von 1.60 auf 1.05 zum Euro in 4 Jahren verkraften. Das ist ein zu kurzer Zeitraum, um sich als exportorientiertes Unternehmen darauf einzustellen. Was mich in diesem Zusammenhang besonders ärgert, der Bund und die Kantone kümmern sich überhaupt nicht um unsere Industrie. Wir sprechen von über 500 000 Beschäftigten, die in der Industrie tätig sind. Allein bei den Swissmem-Mitgliedfirmen sind es 330 000 Mitarbeiter. Die Industrie ist der grösste Arbeitgeber der Schweiz. Aber wenn es so weitergeht, werden wir tausende Stellen streichen können.

Wird aufgrund des Euro-Franken-Kurses auch Ihre Einkaufspolitik in Zukunft anders werden?

R. Muster: Ich habe keine andere Wahl. Aufgrund des starken Frankens – und ich gehe davon aus, dass er noch stärker wird – muss ich meine Einkaufspolitik überdenken. Ich muss günstiger produzieren. Das ist eine Katastrophe für den Werkplatz Schweiz. Die KMU sind wichtig für die Schweizer Wirtschaft. Unsere Regierung wird das aber erst merken, wenn die MEM-Industrie viele Stellen weniger hat. Das Schlimme ist, unser Know-how geht verloren. Es wird ein technologisches Wissensdefizit geben. Die KMU, die verschwinden werden, werden auch keine Lehrlinge mehr ausbilden. Man macht den Industrieplatz Schweiz komplett kaputt, wie in Frankreich. Unsere Regierung und die Kantone sehen aktuell keinen Handlungsbedarf. Einige Nationalräte sind sich dessen bewusst, aber unser Bundesrat ist viel zu weit weg von der Industrie mit Ausnahme von Herrn Bundesrat Burkhalter, der einen super Job für unsere Industrie gemacht hat.

Aber der Schweizer Regierung wird im Allgemeinen Wirtschaftsnähe nachgesagt.

R. Muster: Dann muss sie es aber professionell machen. Schauen Sie sich die Entscheidung zum Gripen an. Zum ersten Mal hat das Schweizer Volk gegen eine solche Entscheidung gestimmt. Aber sie haben nicht gegen den Gripen gestimmt. Sie haben gegen eine sehr «schlechte Kommunikation» gestimmt. Ich verstehe das Schweizer Volk, dass es nein gestimmt hat. Man muss Mehrheiten gewinnen. Das geht aber nur über verbindliche Persönlichkeiten im Bundesrat, die die Mehrheit in der Bevölkerung vertreten. Wir haben im Bundesrat Vertreter, die zu stark polarisieren. Aber es ist so, wie es ist: Wir müssen mit unserer Regierung und den Kantonen leben.

Sehen Sie für die Zukunft der Schweizer MEM-Industrie Parallelen zu England und Frankreich, die einmal eine sehr starke Industrie hatten?

R. Muster: England und Frankreich verfügten über einen hervorragenden WZM-Bau. Heute existiert dieser Sektor in England und Frankreich praktisch nicht mehr. Deren Regierung und die Gewerkschaften haben die Industrie kaputtgemacht. Die waren ausgezeichnet aufgestellt. Aber mit einer 35-Stunden-Woche ist man international nicht konkurrenzfähig als Unternehmen. Peugeot lässt seine Fahrzeuge in Rumänien und Tschechien fertigen.

Und wie sieht es mit der französischen Zulieferindustrie aus?

R. Muster: Ich habe vor kurzem eine Anfrage für bestimmte Zuliefer-Komponenten in Frankreich gestellt. Die waren teurer als meine Schweizer Zulieferanten. Da kann doch etwas nicht stimmen am System. Französische Unternehmen werden massiv besteuert. Das ist schade für den Standort Frankreich. Deshalb wünsche ich mir, dass die Schweizer Regierung und Kantone nicht in die gleiche Richtung gehen wie die französische Regierung. Aber mit dem starken Schweizer Franken geht es genau in diese Richtung.

Was könnte denn die Regierung aus Ihrer Sicht machen?

R. Muster: Ich erwarte keine Subventionen, aber Begleitmassnahmen. Erstens: Technische Berufsschulen kaufen günstige Maschinen aus dem asiatischen Raum. Die Schulen sollten Mittel erhalten, dass sie in hochwertige Schweizer Werkzeugmaschinen investieren. Zweitens: Der Staat sollte Unternehmen unterstützen, die klar in die Ausbildung investieren. Drittens: Wenn wir Kurzarbeit machen müssen, dann sollten Bereiche wie Konstruktion und Entwicklung voll durcharbeiten können bei entsprechender Auszahlung aus der Arbeitslosenkasse. Viertens: Schweizer Unternehmen sollten bei ausländischen Messen unterstützt werden, ähnlich wie unsere europäischen Nachbarn. Fünftens: In den 70er Jahren hat unsere Regierung Entwicklungsländer Investitionsgüter für deren Bildungszentren zur Verfügung gestellt, wie WZM von Tornos, Mikron, Agathon usw. Heute werden Blankochecks ausgestellt, mit denen in Investitionsgüter anderer Staaten investiert wird.

Zurück zu Ihrem Auftragseinbruch. Gehen Sie von einem temporären Einbruch aus?

Douglas Spiesser: In der Schweiz haben wir zwei Kategorien von Kunden. Die, die für die Eurozone arbeiten, können aktuell gar nicht mehr investieren. Das ist eine Kundschaft, die für einen längeren Zeitraum verloren ist. Zur zweiten Kategorie gehören Unternehmen, die nicht für die Eurozone arbeiten. Die sind aktuell sehr verunsichert. Sie warten, wie sich die Wirtschaft entwickelt. Bei diesen Kunden gehe ich davon aus, dass wir sie in naher Zukunft wieder anfragen können.

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Welche MEM-Industrien laufen akzeptabel?

R. Muster: Die Uhrenindustrie als auch die Medizintechnik laufen akzeptabel, haben aber auch Margenprobleme. Die WZM-Industrie wird überleben, aber mit anderen Mitteln. Ich sehe nicht 100 Prozent schwarz, aber es wird sehr schwer für uns. Weniger kritisch sehe ich es für die Werkzeughersteller, sie können sich relativ gut anpassen.

Zurück zu Ihrer Situation, wie viele Maschinen produzieren Sie pro Jahr?

R. Muster: In guten Jahren 500, in schlechten 250. Aktuell sind wir von diesem Ziel entfernt. Ich musste bereits 10 Mitarbeiter entlassen und massive Kurzarbeit einführen und möglicherweise muss ich je nach Situation noch mehr entlassen.

Was unternehmen unsere Verbände und die Schweizer Politik?

R. Muster: Es gibt Gesprächsrunden, aber was am Schluss dabei herauskommt, ist zu wenig. Die Jura-Region ist stark betroffen. Wir sind im Herzen der Fertigungsindustrie. Jeden Tag gibt es Meldungen von Entlassungen. Politik und unsere Nationalbank schauen weg. Es scheint, als kümmere es Regierung und Kantone nicht, was mit der MEM-Branche passiert.

Wie reagieren Sie als Unternehmer in der derzeitigen Situation?

R. Muster: Sie kennen mich gut und wissen, dass ich ein Vertreter des Werkplatzes Schweiz bin. Bisher haben wir immer bei Schweizer Zulieferern eingekauft. Aber bei den aktuellen Rahmenbedingungen ist es nicht mehr möglich. Wenn ich mit unseren Mitbewerbern aus Europa, USA und Japan mithalten will, muss ich meinen Einkauf und auch einen Teil der Fertigung ins Ausland verlagern und das schmerzt für unsere kleinen KMU. Das schwächt im Endeffekt den Werkplatz Schweiz, trotz seiner unbestrittenen Stärken.

Eine der Stärken des Werkplatzes Schweiz ist das hohe Qualitätsniveau und auch das Thema unserer Jahreshauptausgabe: «Swiss Made – die Stärken Schweizer Qualität». Wie hat sich der Werkplatz Schweiz diesen Ruf aus Ihrer Sicht erarbeitet?

R. Muster: Weil Schweizer Produkte weltweit exportiert werden und absolut zuverlässig und sehr langlebig sind. Und das über einen langen Zeitraum hinweg. Unabhängig davon, ob es Werkzeugmaschinen, Werkzeuge, Taschenmesser oder Flugzeuge sind. Alles, was wir hier in der Schweiz produzieren, ist auf einem Qualitätslevel, der am oberen Ende der Skala ist. Darüber gibt es fast nichts mehr.

Welche Aspekte spielen eine Rolle?

R. Muster: Es spielen mehrere Aspekte eine Rolle. Erstens ist die Qualität der Lehrlingsausbildung hochkarätig. In der Schweiz verfügen wir über sehr gut ausgebildete Mitarbeiter in Produktion, Service und Montage. Um das zu bewahren, müssen wir generationsübergreifend agieren, damit sich das Know-how der älteren Mitarbeiter an die junge Generation weitervererbt. Zweitens: Unsere Ingenieurschulen und Hochschulen machen einen ausgezeichneten Job. Sie verfügen über eine sehr hohe Qualität, die den Studierenden und letztlich uns als Unternehmen in Form von Know-how zugutekommt.

Drittens war die politische und finanzielle Stabilität der Schweiz hervorzuheben. Und viertens sind die Schweizer und deren Unternehmen seriös, zuverlässig und verfügen über eine sehr hohe Arbeitsethik. Das sind alles Aspekte, die förderlich sind, um ein hohes Qualitätsniveau halten zu können.

Wie schafft es Ihr Unternehmen, die Qualität der WZM hochzuhalten?

R. Muster: Erstens, wir sind hier in dem Herzen des Schweizer Werkzeugmaschinenbaus, mit einer langen Tradition; wir hatten am 3. Juli 2015 unser 100-Jahr-Jubiläum gefeiert. Anspruchsvoller WZM-Bau lebt von seiner Präzision und Zuverlässigkeit. Und wir leben beides seit 100 Jahren. Unsere Mitarbeiter haben die «Tugenden» sozusagen im Blut. Was heisst das? Wir leben in einer sehr ruhigen Region, mit einem sehr ausgewogenen Lebensrhythmus. Unsere Mitarbeiter sind um 6 Uhr im Unternehmen, von 09:00 bis 09:15 Uhr machen Sie Pause, um 12.05 gibt es die Suppe, um 12.15 das Fleisch und um 12:30 den Kaffee, um 16:00 Uhr ist Feierabend. Jetzt denken Sie, warum erwähne ich das? Aber dieser Lebensrhythmus ist für die Arbeit im WZM-Bau substantiell. Es ist die Disziplin, die diese Menschen hier in der Region auszeichnet, und zwar in allen Lebensbereichen. Unseren Mitarbeitern ist es nicht egal, wenn das Istmass um einen Mikrometer vom Soll abweicht. Diese Disziplin, gepaart mit grosser Sorgfältigkeit und Arbeitseinsatz, sind Grundvoraussetzungen für einen qualitativ hochwertigen WZM-Bau. Sie übertragen sich auf die Qualität unserer Produkte. Im Unternehmen habe ich auch 13 % von meinen Leuten, die in der Entwicklung arbeiten – keine einzige Entwicklung wird nach auswärts vergeben. Innerhalb der letzten 13 Jahre haben wir 22 neue Produkte entwickelt.

Wo sehen Sie Ihre Alleinstellungsmerkmale als Werkzeugmaschinenhersteller?

D. Spiesser: Ein Schweizer WZM-Unternehmen, das 5000 Maschinen pro Jahr produziert, ist heute nicht mehr möglich. Wir müssen im Nischenmarkt agieren, Spezialitäten machen, die andere nicht bereit sind zu machen. Vor allem aber müssen wir Fertigungslösungen entwickeln, die unseren Kunden einen Mehrwert bringen.

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Wofür steht Schaublin in diesem Zusammenhang?

R. Muster: Schaublin steht für sehr hohe Präzision sowie kundenorientierte Fertigungs-Lösungen. Das ist eine hohe Schule. Wir verfügen darüber hinaus über ein ausgeklügeltes Ersatzteillager. Selbst für Maschinen, die 70 Jahre alt sind, können Sie Original-Ersatzteile von uns beziehen. Wir haben von allen produzierten Schaublin-Maschinen die kompletten Konstruktions-Unterlagen inklusive Änderungen archiviert. Das ist ein aussergewöhnliches Alleinstellungsmerkmal.

Ersatzteilwesen gehört zum Service; er spielt für Sie somit eine entscheidende Rolle?

R. Muster: Ich würde sagen, der Service ist entscheidend für eine langfristige vertrauensvolle Zusammenarbeit mit unseren Kunden. Wir verfügen über Niederlassungen in Deutschland, Indien und England sowie 80 Vertretungen weltweit. Wir schulen unsere Filiale und Vertretungen 2–3 Mal pro Jahr. Der Service funktioniert weltweit sehr gut, Schaublin geniesst deshalb einen guten Ruf in der Branche.

Wo liegen die besonderen Stärken der Schweizer WZM-Industrie?

R. Muster: Ganz klar bei der Zuverlässigkeit und Präzision und das bereits im Prototypenstadium der Werkzeugmaschinen. Die Schweiz verfügt über einen absolut seriösen WZM-Bau. Vor allem werden Schweizer WZM kundenorientiert entwickelt und angepasst. Wenn Sie die Schweizer WZM-Hersteller anschauen, werden sie immer Maschinen finden, die Alleinstellungsmerkmale haben. Das ist aus meiner Sicht – neben der sehr hohen Qualität – das Spezielle am Schweizer WZM-Bau.

Können Sie ein Beispiel aus Ihrem Unternehmen nennen?

R. Muster: Eine unserer jüngsten Entwicklungen ist die Schaublin 202TG (TG – turning/grinding), bei der die Prozesse Drehen, Fräsen und Schleifen integriert sind. Wir haben sie vor 2 Jahren rausgebracht, sie ist einmalig auf dem Markt. Eine solche Maschine benötigt nicht jedes Unternehmen, aber es gibt eine gute Nachfrage nach diesen Maschinen. Für uns ist das eine ausgezeichnete Nische. Allerdings benötigt es, um diese Nische bedienen zu können, ein aussergewöhnliches Know-how, um die verschiedenen Prozesse auf der Maschine zu integrieren und vor allem prozesssicher laufen zu lassen. Schleifen, Fräsen und Hart-Drehen sind auch steuerungstechnisch komplett unterschiedliche Verfahren.

Welche Rolle spielt für Sie Qualität und was sind aus Ihrer Sicht die entscheidenden Aspekte, dass die Schaublin Maschinen auf einem hohen qualitativen Niveau sind?

R. Muster: Qualität spielt eine zentrale Rolle. Bereits im Wareneingang über die gesamte Fertigung, Produktion und Montage bis hin zum Warenausgang haben wir eine ausgeklügelte Qualitätskontrolle. Ein Beispiel: Jede unserer Spindeln – auch hier setzen wir auf internes Fertigungs-Know-how – wird unter 0,5 µm Rundlauf ausgeliefert. 0,5 µm Rundlauf bieten noch einige andere Hersteller an, aber es gibt einen grossen Unterschied: Die meisten garantieren das für eine 6-monatige Laufzeit, wir garantieren 0,5 µm für 5 Jahre. Ein Spindelstock ist enorm kompliziert, wenn es um solche langfristigen Toleranzen geht.

Sie agieren international. In welchen Ländern sind derzeit Ihre grössten Absätze und in welchen Märkten sehen Sie Wachstumschancen?

D. Spiesser: Weltweit haben wir 250 000 Maschinen im Markt. 70 Prozent unserer Maschinen gehen in den Export. Aber: Absatzmarkt Nummer 1 ist die Schweiz, dann kommen Russland, China, Deutschland und Indien. Deutschland ist derzeit das einzige Land, bei dem es in der Eurozone gut läuft. In China könnten wir besser verkaufen, wenn wir dort präsenter und aktiver wären. Dort müssen wir in eine Niederlassung investieren. Indien hat auch Potential, aber es ist – positiv ausgedrückt – ein kompliziertes Land. Aber Indien wird kommen.

Warum ist die USA nicht unter den ersten fünf Exportländern?

R. Muster: In den USA hatten wir ein Stillhalteabkommen mit einem dort ansässigen WZM-Hersteller. Zwar besteht das Stillhalteabkommen nicht mehr, aber den Markt anzugreifen, ist schwierig und es ist fast zu spät. Wenn wir dort agieren wollten, dann müssten wir ebenfalls in eine Niederlassung investieren.

Europäische WZM-Hersteller werden zunehmend von Japanern und Chinesen gekauft, wie sehen Sie diese Entwicklung?

R. Muster: Ich bekomme fast Monatlich eine Anfrage, ob wir verkaufen wollen oder an einem Joint-Venture interessiert seien. Oder Anfragen von Regierungen, ob ich die Produktion verlagern möchte. Das ist fast eine Art Sport geworden.

Kommt das nicht einem Technologie- ausverkauf gleich?

R. Muster: Das stimmt vollkommen. China und Taiwan sind hier sehr aktiv. Sie investieren sehr stark in europäische WZM-Unternehmen. Wenn es so weitergeht, werden in einigen Jahren die Japaner, Chinesen, Inder und Taiwanesen den WZM-Markt beherrschen. Ich hoffe, dass ich das nicht erleben werde. Die Japaner sind technologisch ausgezeichnet, teilweise besser als die Europäer, die Taiwanesen werden immer besser, ich habe dort zwei Jahre gelebt, damals war die Qualität noch nicht so gut. Heute sind sie gut aufgestellt bei den einfacheren Maschinen.

Welchen Nutzen bringt Ihnen als Werkzeugmaschinen-Hersteller das Label «Swiss Made» am weltweiten Markt?

R. Muster: Swiss Made hat einen ausgezeichneten Ruf, weltweit. Deshalb muss Swiss Made unbedingt geschützt werden. Viele Schweizer denken, dass die Bankenkrise den Ruf der Schweiz etwas geschädigt hat. Das ist bei weitem nicht der Fall.

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Wie viel Swiss Made steckt in Schaublin-Maschinen?

R. Muster: Ich bin überzeugt von der Stärke des Werkplatzes Schweiz. Praktisch alles was in unseren Maschinen steckt, kommt aus der Schweiz, von der Steuerung einmal abgesehen. Sogar den Guss – 300 Tonnen pro Jahr – beziehen wir aus der Schweiz. Wir setzen auf Schweizer Guss, weil er technologisch top ist.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Voraussetzungen, dass am Werkplatz Schweiz eine derart hohe Qualität produziert werden kann?

R. Muster: Die Zuverlässigkeit, Engagement, das Know-how der Mitarbeiter und wir müssen Maschinen entwickeln, die für die Märkte der Zukunft ideal zugeschnitten sind. In der Präzision sind wir weit oben angelangt, diesen Status müssen wir unbeding bewahren. In den Nano-Bereich müssen wir vorerst nicht gehen, weil dort der Markt zu klein ist.

Welche Rolle spielen Ausbildung, traditionelles Handwerk sowie Erfahrungen und Prozess-Know-how im heutigen High-Tech-Werkzeugmaschinenbau?

R. Muster: Ohne gut ausgebildete Mitarbeiter würden wir nicht existieren. Deshalb müssen sich unsere Mitarbeiter kontinuierlich weiterbilden. Das ist entscheidend. Wir setzen auf interne und externe Weiterbildung in allen Sektoren, Technik, Montage, Entwicklung sowie die Integration von IT in allen Ebenen. Software spielt eine immer grössere Rolle, gerade wenn wir den Bereich der Automation ansprechen. Interessanterweise ist es für uns einfach, Software-Spezialisten zu finden. Auch Ingenieure sind einfach zu finden. Aber versuchen Sie einmal einen guten Polymechaniker zu finden. Das ist ein Problem. Doch sie bilden die Basis, das Fundament für unseren WZM-Bau. Jetzt könnte ich wieder von politischen Aktivitäten einer Partei zu sprechen beginnen, aber ich halte mich jetzt zurück.

Typisch im Schweizer WZM-Bau ist das Schaben. Wird es Schaben in 10 Jahren noch geben?

R. Muster: Schaben steht stellvertretend für Swiss Made. Es hat in der Schweiz eine lange Tradition. Und das nicht ohne Grund. Noch heute kann keine Schleifmaschine das Schaben ersetzen. Vielleicht kommt es irgendwann, aber ich denke es wird noch Jahrzehnte dauern. Ich persönlich glaube nicht daran, dass es ersetzt werden kann. Es ist ein sehr komplexer und äusserst präziser Prozess im Mikrometerbereich. Ich habe 12 Jahre bei Dixi gearbeitet. Wir haben bei einer Maschine bis zu 500 Stunden geschabt. Das war entscheidend für die Präzision am Werkstück. Die Oberflächenstruktur, die durch das Schaben erreicht wird, widerspiegelt 100 Prozent Swiss Made, übrigens war mein Vater 40 Jahre lang Schaber bei Tornos.

Jetzt zur Automation. Wie viel Prozent der Kunden setzen auf Automation?

R. Muster: In der Automobilindustrie ist sie Alltag. Aber auch in der Medizintechnik geht es immer mehr in die Richtung, dass hoch automatisierte Prozesse realisiert werden. In der Werkzeugproduktion ist Automation ebenfalls Alltag. Im Bereich der Luft- und Raumfahrt sind es oft kleine Serien bis Einzelteile, aber selbst hier wird das Thema Automation immer wichtiger. Aber es wird viel schwieriger, weil die Automation auf ein ständig wechselndes Werkstückspektrum angepasst werden muss.

Was heisst das?

D. Spiesser: Flexible Automation zu akzeptablen Preisen ist das Thema der Gegenwart. Wir arbeiten in vielen Projekten eng mit Stäubli Robotik zusammen, um individuelle Kundenlösungen zu konzipieren. Flexible Fertigung, 24 Stunden, sieben Tage die Woche bei mannarmer Bedienung ist das Ziel.

Wie reagieren Sie in diesem Zusammenhang auf individuelle Kundenanfragen bezüglich Automation?

R. Muster: Wir müssen auf die Wünsche des Kunden eingehen, wir machen ihm Offerten mit unterschiedlichen Roboterherstellern. Das «Verkaufen» von Fertigungslösungen wird immer aufwendiger, weil wir recht komplexe Systeme kundenorientiert entwickeln müssen. Hier müssen unsere Verkäufer und Konstrukteure sehr eng und kooperativ zusammenarbeiten, um eine Offerte zu erstellen. Früher hat man am Telefon 100 Maschinen verkauft. Das ist heute nicht mehr möglich.<<

Matthias Böhm, Chefredaktor

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