Cloud Computing Sicherer, als Sie denken

Autor: Robert Horn

Cloud Computing zählt zu den großen Trends, die im Fahrwasser von Industrie 4.0 genannt werden. Aber auch wenn immer mehr Anbieter Cloud-Lösungen im Portfolio haben, so bleibt gerade im Maschinenbau die Skepsis groß. Dabei sollte der Sicherheitsaspekt nicht der Grund sein, warum Maschinenbauer sehr gründlich über den Einsatz von Cloud-Lösungen nachdenken sollten.

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Im privaten Umfeld haben sich Cloud-Anwendungen bereits etabliert, oft sogar ohne Wissen der Nutzer. Industrielle Anwendungen sind ebenfalls auf dem Vormarsch.
Im privaten Umfeld haben sich Cloud-Anwendungen bereits etabliert, oft sogar ohne Wissen der Nutzer. Industrielle Anwendungen sind ebenfalls auf dem Vormarsch.
(Bild: © Julien Eichinger - Fotolia.com)

Wie immer sind es die Amerikaner, die digitale Trends vorleben. Cloud Computing, also der Umgang mit Daten und Programmen, die nicht auf einem lokalen Rechner gespeichert sind, wurde von großen amerikanischen Unternehmen salonfähig gemacht, etwa Amazon, Google oder Facebook. Was zu Beginn des Milleniums an den Start ging, ist in der deutschen Industrie mittlerweile ebenfalls angekommen – Cloud-Lösungen gelten als Begleiter hin zu Industrie 4.0. Auch im Maschinenbau hat die Digitalisierung Einzug gehalten.

„Der Stellenwert von Software im Maschinen- und Anlagenbau steigt erheblich an“, berichtete jüngst Claus Oetter, stellvertretender Geschäftsführer des Fachverbands Software im VDMA, auf der Fachmesse IT & Business. Etwa 350 Mitgliedsunternehmen gehören dem Fachverband an, er zählt damit zu den stärkeren Vertretern innerhalb des VDMA. Rund 50 % der derzeitigen IT-Projekte sind Neueinführungen, an Stellenwert gewonnen haben vor allem Redaktions- und Content-Management-Systeme.

Die Bedeutung der Cloud wächst

Auch der Einsatz von Cloud-Lösungen ist in allen Anwendungsfeldern seit 2014 gewachsen, verrät der IT-Report 2016 des Fachverbands. So messen 50 % der Unternehmen Cloud-Lösungen eine mittlere bis sehr hohe Bedeutung zu, für gerade mal 17 % spielt die Technik keine Rolle. Am stärksten genutzt werden Cloud-Anwendungen dabei im Bereich Datenaustausch (für das Bereitstellen von Kundeninformationen), Electronic Data Interchange (EDI), im Bewerbermanagement und bei Office-Anwendungen.

Wie lukrativ der Cloud-Markt für die Anbieter dabei ist, zeigt das Beispiel von Microsoft. Der amerikanische Softwareriese investierte kräftig in den Ausbau des Serverstandorts Deutschland und bietet seit September 2016 Cloud-Dienste unter dem Namen Azure an. Rund 2,7 Mrd. Euro hat Microsoft in neue Rechenzentrumsregionen in Deutschland, Österreich und Finnland sowie in bereits bestehende in Dublin und Amsterdam investiert.

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„Wir haben signifikant in die Cloud-Infrastruktur Europas investiert, um die wachsende Nachfrage von Kunden und Partnern nach Public-Cloud-Diensten zu befriedigen“, sagte Microsoft-CEO Satya Nadella bei einem Besuch in Deutschland. Dabei setzt das Unternehmen auf den deutschen Partner T-Systems als Treuhänder. Das trägt nicht nur dem Save-Harbor-Urteil des Europäischen Gerichtshofes von 2015 Rechnung, sondern auch dem Sicherheitsbedürfnis deutscher Unternehmen. Das Treuhandmodell soll diese Sicherheit gewährleisten, die Daten unterliegen dem deutschen Recht, Microsoft kann nur mit Zustimmung von T-Systems (und dann auch nur unter Aufsicht und für kurze Zeit) darauf zugreifen.

Noch viel zu holen

Dass der Markt für Cloud-Lösungen sein Potenzial dabei noch lange nicht ausgeschöpft hat, ist Microsoft durchaus bewusst. Das Unternehmen will, wie andere große Anbieter auch, ein Stück vom schönen neuen Cloud-Kuchen abbekommen. Nach dem Cloud-Monitor-Report von Wirtschaftsprüfer KPMG nutzen bisher über die Hälfte (54 %) der Unternehmen Cloud Computing, weitere 18 % planen den Einsatz. Im Maschinenbau sind bereits 65 % der Unternehmen in der Cloud.

Trotzdem, so scheint es, bleibt das Verhältnis zur neuen Technik gespalten, gerade kleine und mittelständische Unternehmen fürchten um die Sicherheit ihrer Daten. Dabei können professionelle Cloud-Anbieter (die vier größten sind Amazon Web Services, IBM, Microsoft und Google) weit höhere Sicherheitsstandards bieten als selbst die besten heimischen IT-Abteilungen. Schließlich wäre eine Kompromittierung oder gar der Verlust der Daten gleichbedeutend mit einer Bankrotterklärung. Trotzdem fließt der gefühlte Kontrollverlust sicherlich in die Überlegungen vieler Entscheider mit ein.

Pro und Contra Cloud-Computing

Der größte Nutzen der Cloud, sei es eine Private-, Public- oder Hybrid-Cloud-Lösung, liegt in der Skalierbarkeit des benötigten Speicherplatzes. So lassen sich Kapazitäten je nach Belastung flexibel hinzubuchen und wieder abstoßen, sobald der Bedarf gedeckt ist. Gerade schnell wachsende Unternehmen profitieren davon, da ein Aufbau aus eigener Hand teuer, aufwendig und vor allem langsam wäre. Außerdem sinkt bei der Nutzung von Cloud-Diensten der Administrationsaufwand, da die gesamte IT-Infrastruktur – oder zumindest ein Teil davon – ausgelagert ist. Updates und Sicherungen übernimmt der Cloud-Anbieter, so dass man zusätzlich immer auf dem neuesten Stand der Technik ist. Kostspielige Investitionen in neue Server und Clients fallen damit weg.

Ein weiterer wichtiger Vorteil ist die flexible Erreichbarkeit der Daten. Mit Cloud-Services lassen sich Informationen nicht nur über den stationären Bürorechner, sondern von überall abrufen, solange ein Internetzugang besteht. Das bringt gerade in Service oder Vertrieb oft entscheidende Vorteile. Es ist also nicht verwunderlich, dass auch die meisten Softwarehersteller aus dem Bereich Unternehmens-IT Cloud-Lösungen im Portfolio haben.

Zahlen, was Sie wirklich brauchen

So warten die meisten ERP-, MES-, CRM- oder BI-Anbieter inzwischen mit einer entsprechenden Cloud-Variante auf. Das Pay-as-you-go-Prinzip lohnt sich, das Cloud-Modell bindet Anwender zusätzlich an die Anbieter. Diese neu entstehende Abhängigkeit bleibt bisher noch völlig unkalkulierbar: Denn was passiert, wenn der Cloud-Anbieter plötzlich die Preise erhöht? Oder gar pleite geht? Ein Umzug komplexer Unternehmensdaten dürfte mit Sicherheit kein leichtes Unterfangen werden, bisher fehlen hier noch nötige Standards.

Die Kosten bei On-Premise-Lösungen (also Serverstrukturen, die im eigenen Haus aufgebaut werden) liegen vor allem in der teuren Erstanschaffung von Servern, Clients und volumenabhängigen Lizenzen. Im Cloud Computing sind es die Mietkosten, die zumindest langfristig kräftiger zu Buche schlagen. „Fünf Jahre Miete sind meist teurer als der Kauf“, weiß Martin Böhn von der Softwareberatung Barc. Auch die Nutzungsintensität lasse sich auf der Kostenseite schlechter planen, etwa wenn nach Speicherplatz oder aktiven Instanzen abgerechnet werde und nicht nach Anwendern. Die Kosten für Schulung, Fachadministration und Support hielten sich bei beiden Modellen aber in etwa die Waage, so der Experte.

Ein Umzug sollte wohlüberlegt sein

Nicht zu unterschätzen ist außerdem der Aufwand eines Umzugs in die Cloud. Dabei geht es nicht nur um technische Aspekte wie die Integration bestehender Applikationen oder die Realisierung übergreifender Prozesse. Auch betriebswirtschaftlich gibt es mitunter Hürden. „Bestehende Verträge können nicht immer direkt gekündigt werden“, erläutert Böhn und bezieht sich damit etwa auf die Wartung bestehender Systeme. Außerdem habe nicht jede Organisation die Budgetplanung und Freigabeprozesse für laufende Kosten in signifikanter Höhe, so Böhn weiter. Und auch bei jedem einzelnen Nutzer könne es zu Einschränkungen kommen, etwa wenn Customizing nicht möglich sei, damit eine ständige Update-Fähigkeit durch den Betreiber sichergestellt ist – was im Zweifelsfall erneutes Einlernen und neue Schulungen der Oberflächen und Bedienkonzepte notwendig macht.

Die bereits erwähnte Abhängigkeit vom Cloud-Betreiber kann ebenfalls zu Problemen führen. „Oft entscheidet der Anbieter, wann und welche Updates eingespielt werden – das kann zu mancher Überraschung führen, wenn Buttons nicht mehr da sind oder nicht mehr dort, wo sie vermutet wurden“, so Böhn.

Wirtschaftlicher Nutzen ist oft fraglich

Die Überlegung, in die Cloud zu ziehen oder nicht, sei im Grunde recht simpel, meint Dr. Karsten Sontow, Vorstand der Trovarit AG, Softwareberatung aus Aachen. „Entweder ist es wirtschaftlich sinnvoller, ich spare also Geld, oder es bringt mir einen derartigen Mehrwert, etwa durch eine modernere Lösung, dass es der On-Premise-Installation überlegen ist“, erklärt Sontow.

Gerade aber Maschinenbauer hätten meist schon ein oder zwei Dekaden Softwareerfahrung, dazu hochgradig integrierte und an die Bedürfnisse angepasste Systeme sowie eine entsprechend aufgestellte IT-Abteilung. Eine Variabilisierung des Infrastrukturbetriebs sei hier kaum möglich, so Sontow, da gerade Shopfloor-nahe Systeme, die nicht in die Cloud wandern, weiterhin betreut werden müssten. Die besonders im Maschinenbau verbreitete, hohe Individualisierung der Lösungen macht den Umzug in die Cloud zeitaufwendig und damit teuer.

„Die wirtschaftlichen Vorteile erschließen sich für viele Unternehmen, gerade im Maschinenbau, überhaupt nicht“, ergänzt Sontow. Dabei würden einige Anbieter ihre Cloud-Angebote künstlich attraktiver gestalten, indem sie ihre On-Premise-Varianten etwa verteuerten oder mit geringeren Innovationszyklen oder höheren Wartungskosten „diskriminieren“. Nach etwa drei oder vier Jahren, schätzt Sontow, werde eine Cloud-Lösung teurer, als die etablierte On-Premise-Variante. „Bei einem Lebenszyklus von 15 oder 16 Jahren ist das eine Katastrophe“, findet Sontow. Am Ende werde es schlicht keine On-Premise-Angebote mehr geben. Und: „Derjenige, der davon profitiert, ist heute aus meiner Sicht überwiegend der Anbieter.“

Trotz dieser negativen Aspekte sind Cloud-Angebote eine logische Fortentwicklung im IT-Betrieb. Meist nicht wertschöpfende Tätigkeiten wie technische Administration werden ausgelagert, dazu wird auf die Erfahrung von Experten zurückgegriffen. Nutzung und Funktionalität können flexibel erweitert werden, was gerade kleinen Unternehmen ohne eigenen IT-Betrieb Vorteile verschaffen kann.

Heute, so erklärt Martin Böhn, würden viele Cloud-Projekte vor allem in Mischformen betrieben, etwa mit Hybrid-Cloud-Modellen, bei denen Anwendungen und Daten teilweise im eigenen Haus gelassen werden. „Es ist hier wie in vielen Bereichen eine ‚Rent or Buy’-­Entscheidung. Für manche wird sich der Kauf stärker lohnen, für andere die Miete“, sagt Böhn. Er glaube, dass die Akzeptanz von Mietmodellen in den kommenden Jahren weiter steigen werde.

On Premise bleibt (noch) die Cash Cow

Viele Anbieter von Unternehmens-IT stehen sowieso noch am Anfang ihrer Cloud-Reise. Der ERP-Anbieter Pro Alpha etwa hat nach eigenen Angaben viel in die neue Technik investiert und gerade die ersten Kunden in die Cloud gebracht. Langfristig sei Cloud Computing nicht mehr wegzudenken, erklärt Michael Ludes, Leiter Presales. Für den derzeitigen Umsatz sei das Geschäft aber noch marginal. „Wir haben jetzt auch große Kunden, die wirklich extremes Interesse bekunden und sich da genau informieren“, erzählt Ludes über das wachsende Geschäft.

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Das On-Pre­mise-Geschäft werde aber auf viele Jahre noch das Standbein bleiben, wiegelt Ludes Befürchtungen ab, das Cloud-­Geschäft werde das bewährte Portfolio verdrängen. Derzeit betreibt Pro Alpha sein Cloud-Geschäft wie die meisten Anbieter mit einem Partner, eigene Rechenzentren sind (noch) Zukunftsmusik.

Cloud-Angebote werden in Zukunft also immer häufiger auf dem Markt zu finden sein. Die Vorteile liegen auf der Hand, aber auch die Nachteile sind nicht unerheblich. Ob und in welcher Form eine Cloud-Lösung für das eigene Unternehmen infrage kommt, sollte vor allem bedarfsgetrieben entschieden werden.

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