SpanSet Fachtagung „Wir fangen Sie auf!“

30.06.2017

Die Rettungskette zu Ende denken Ende Mai hat SpanSet, Übach-Palenberg, zur Fachtagung „Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz“ in das Praxiszentrum Nürnberg der BG Bau eingeladen. Nach alltagsnaher Theorie und anschaulichen Vorführungen war 100 Fachleuten für Arbeitssiche

Die Rettungskette zu Ende denken

Ende Mai hat SpanSet, Übach-Palenberg, zur Fachtagung „Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz“ in das Praxiszentrum Nürnberg der BG Bau eingeladen. Nach alltagsnaher Theorie und anschaulichen Vorführungen war 100 Fachleuten für Arbeitssicherheit eines klar: Es gibt erstaunliche Innovationen rund um die Persönliche Schutzausrüstung. Aber sie entfalten ihren Nutzen nur in einem Gesamtkonzept, das die Rettungskette zu Ende denkt.

Der Laie mag stutzen. Da widmet SpanSet eine komplette Fachtagung der Persönlichen Schutzausrüstung gegen Absturz, kurz PSAgA. Und dann erklärt der Referent von der BG Bau gleich im ersten Vortrag: „Individuelle Schutzmaßnahmen sind nachrangig.“ Niemand widerspricht. Die über 100 Teilnehmer sind allesamt Fachleute in Sachen Arbeitsschutz und verstehen, was Ralf Sonnenschein zum Ausdruck bringt: Erstens kommt die Absturzsicherung, etwa durch Abdeckungen oder Seitenschutz. Zweitens folgen kollektive Auffangeinrichtungen wie Netze, Schutzwände und Gerüste. Erst wenn eins und zwei nicht ausreichen oder aus der Arbeitssituation heraus untauglich sind, erst dann rückt die – nachrangige – PSAgA in den Vordergrund.

Aber auch mit der Schutzausrüstung ist „der Fall“ noch längst nicht erledigt. Die alarmierenden Erfahrungen der Berufsgenossenschaft zeigen, dass Baustellen zwar oft mit akzeptabler PSAgA ausgestattet sind. Doch wenn man die Frage nach dem Rettungskonzept aufwirft, herrscht große Ratlosigkeit. Die Botschaft von Sonnenschein war demnach unmissverständlich: Wer Verantwortung trägt, muss den Notfall planen. Schon nach 15 Minuten im Auffanggurt drohen Ohnmacht, irreversible Schäden oder sogar der Tod des Abgestürzten. Selbst der sicher abgeseilte Mensch ist längst noch nicht außer Gefahr: Legt man ihn zu früh flach auf den Boden oder bettet man in fataler Unkenntnis seine Beine hoch, kann das zu Kreislaufkollaps und Herzschlag führen. „Denken Sie die Rettungskette zu Ende“, redete Sonnenschein den Tagungsteilnehmern ins Gewissen. Dazu gehöre es auch, die Gesundheit der Helfer zu schützen.

Unverzichtbar: der schlüssige Plan
Thomas Riegler, Fachkraft für Arbeitssicherheit in der Dillinger Hütte, berichtete aus der Praxis. Auch er widmete sich dem Gesamtkonzept Rettung und unterstrich, dass es längst nicht ausreicht, den Mitarbeitern Schutzausrüstungen auszuhändigen. „Unser Konzept setzt nicht bei dem an, was der Mitarbeiter machen soll. Vielmehr muss das Unternehmen vorarbeiten, indem es Stürze verhindert und einen Plan für die Maßnahmen im Falle eines Absturzes festlegt.“ Zur unternehmerischen Verantwortung gehöre es selbstverständlich, die individuelle Kompetenz der Helfer regelmäßig zu schulen. Das Saarbrücker Unternehmen kann elf Höhenretter vorweisen, drei von ihnen durchlaufen derzeit eine Qualifikation zum Ausbilder. Montage- und Wartungsarbeiten in 10 oder 20 Meter Höhe gehören bei Europas führendem Grobblechproduzenten zur Tagesordnung. Deshalb sieht das Dillinger Konzept vor, dass immer drei Spezialisten im Werk und somit unverzüglich zur Stelle sind.

Neuentwicklungen verkürzen die Fallstrecke
„100 kg Prüfgewicht“ - SpanSet-Schulungsleiter und Anwendungstechniker Jörg Scheilen erläuterte in seinem Vortrag die Hintergründe und die Bedeutung des Prüfgewichtes in Bezug auf Auffanggurt und Verbindungsmittel sowie die Auswirkungen auf den Anwender: Schwere Menschen benötigen nicht nur auf ihre Körpermaße abgestimmte Auffanggurte, sondern auch besonders angepasste Verbindungsmittel, die dieser Fallenergie gewachsen sind. Jörg Scheilen dazu: „Bei 140 Kilogramm Körpergewicht verlängert sich sonst die Länge der Fallstrecke über das maximal Erlaubte hinaus, und im Extremfall wird die Auffangkraft von 6 kN überschritten. Das kann dann ein gesundheitliches Problem werden“. Seit Beginn des Jahres hat SpanSet deshalb seine Verbindungsmittel überarbeitet. Sie erfüllen nun alle die Norm EN 355 auch für Anwender bis zu 140 Kilogramm Körpergewicht. Auch die Gefahr, dass die Anwender die Verbindungsmittel vertauschen, ist damit beseitigt.

Ein weiteres Problem ergibt sich bei den Sturzhöhenberechnungen, die davon ausgehen, dass der Nutzer sein 2-Meter- Verbindungsmittel vollständig ausnutzt und 100 Kilogramm wiegt. Aber was, wenn er leichter oder schwerer ist? SpanSet hat als einziger Anbieter von PSAgA verschiedene Sturzstrecken stufenweise für die Körpergewichte 60 bis 140 Kilogramm getestet. Die dabei ermittelten Werte sind Bestandteil der Gebrauchsanweisungen und helfen dem Träger seinen individuellen Freiraum zu berechnen.

Auffangen und retten
Spätestens mit dem Start der Praxistests am Nachmittag wurde klar, dass die Veranstaltungslokalität klug ausgewählt war: das mehrgeschossige Praxiszentrum Nürnberg der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft. Dort ist es möglich – indoor – den Sturz vom Baugerüst zu simulieren und anschließend vorzuführen, wie man mit den richtigen Instrumenten einen „Ohnmächtigen“ sicher auf den Boden bringt.

Die Falltests mit den verschiedenen neuen Verbindungsmitteln führten den Teilnehmern eines klar vor Augen: SpanSet ist es gelungen, die Fallstrecke wirkungsvoll zu verkürzen. Möglich macht das unter anderem die Neuentwicklung DSL2. Im Fall eines Sturzes zieht sich das Gurtband des Verbindungsmittels blitzschnell ein und reduziert in Verbindung mit dem neu entwickelten Bandfalldämpfer die Fallhöhe deutlich. Dadurch wird der Stürzende frühzeitig aufgefangen. Selbst bei einem Testgewicht von 140 Kilogramm lässt sich die Fallstrecke so um mehr als einen Meter verkürzen. Eine mehr als lebensrettende Innovation.

Wie aber geht es weiter, wenn der Verunglückte im Seil hängt? Zur anschaulichen Klärung dieser Frage zeigten Jörg Scheilen und Rob Hinton, wie man in wenigen Minuten einen Abgestürzten mit dem Gotcha Rettungssystem in Sicherheit bringt. Das System wird in zwei verschiedenen Ausführungen angeboten. Zu den Highlights des Systems Gotcha Basic gehört eine Teleskopstange. Damit erreicht man den Verunglückten, ohne selbst zu ihm herunterzuklettern. Die Stange verfügt über einen speziellen Schnappverschluss, den „Frog“, der in den Haltepunkt des Auffanggurtes einrastet. Der Abgestürzte wird durch Hochziehen oder Abseilen geborgen. Der Vorteil: Helfer brauchen ihre sichere Position nicht zu verlassen.

Ist unmittelbarer Kontakt zum Verunglückten erforderlich, bietet die Variante Gotcha Shark eine Lösung. Der „Rope Rider“ regelt die Abseilgeschwindigkeit des Retters. Das System stoppt den Vorgang automatisch bei Fehlbedienung und verhindert so, dass er wertvolle Zeit für die Bergung verliert. Der Retter sichert die abgestürzte Person und durchtrennt mit einem klingenlosen Drahtseilschneider das ausgelöste Verbindungsmittel. Dann folgt der kontrollierte, langsame Abstieg.

Spätestens nach der Gotcha-Demonstration war den Zuschauern klar, dass SpanSet im Titel seiner Fachtagung nur die halbe Wahrheit angekündigt hatte. „Wir fangen Sie auf“, lautete das Motto der Veranstaltung. Vollständig hätte es heißen müssen: „Wir fangen Sie auf – und lassen Sie anschließend nicht lange hängen.“

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