Lagerverwaltungssoftware Standard als strategisches Best Practice in der Logistik

Autor / Redakteur: Sabine Vogel / Dipl.-Betriebswirt (FH) Bernd Maienschein

Zur Standardisierung seiner IT-Architektur setzt der Polymerspezialist Rehau auf SAP EWM für die Lager- und Produktionslogistik mit direkter SAP-ERP-Integration.

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Staplerbedientes Palettenlager mit etwa 17.000 Stellplätzen.
Staplerbedientes Palettenlager mit etwa 17.000 Stellplätzen.
(Bild: IGZ)

In den Zeiten des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg waren Kreativität und „Anpackmentalität“ mehr denn je gefragt. Auch Helmut Wagner zögerte nicht und startete 1948 im oberfränkischen Rehau kurzerhand mit der Produktion von Wasserschläuchen und Kedern aus Kunststoff. Es folgten erste Produkte für die Automobilindustrie gefertigt, darunter Halteschlaufen und Trittbretter für den legendären VW-Käfer. Als Premiummarke für polymerbasierte Lösungen ist die Rehau-Gruppe heute führend in den Bereichen Bau, Automotive und Industrie. Rund 20.000 Mitarbeitende engagieren sich weltweit an 170 Standorten für den Erfolg des unabhängigen Familienunternehmens, das einen jährlichen Umsatz von mehr als 3 Mrd. Euro verzeichnet.

Zukunftsfähigkeit und Effizienz durch Standardsoftware für die Logistik

Statt kurzfristiger Gewinnmaximierung sieht die Unternehmensphilosophie eine stringente Orientierung an mittel- und langfristigen Zielen vor. So wurde auch das Projekt „REHAU Best Practice“ (RBP) initiiert: Sämtliche Geschäftsprozesse sollen schrittweise auf SAP-Standardsoftware umgestellt und die digitale Transformation systematisch vorangetrieben werden. Die Einführung von SAP ERP für Bau + Industrie (Mill Solution) und SAP EWM kommentiert Ralf Zeising, Head of IBS Logistics Bau/Industrie, mit den Worten: „Wir verfolgen eine durchgängige Standardisierung der IT-Architektur und eine Skalierung der IT-Ressourcen. Eine offene Lagerverwaltungsplattform, die S/4-ready ist und allen Unternehmen innerhalb der Rehau-Gruppe vereinheitlicht zur Verfügung steht, ist folglich obligat.“

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Vor diesem Hintergrund war auch „LAWI“ abzulösen, eine mehr als 18 Jahre alte, selbstentwickelte Lagerverwaltungssoftware, die die aktuellen und zukünftigen Anforderungen nicht mehr abdecken konnte. Betroffen von dieser Maßnahme waren beziehungsweise sind 17 Standorte. Wachsende Risiken offenbarte auch der Einsatz von SAP WM (SAP Warehouse Management) in einigen Niederlassungen, denn SAP hat angekündigt, den Support 2027 einstellen zu wollen. Stattdessen wird SAP EWM von Rehau als in den Kern der Business-Suite SAP S/4HANA eingebundene Lösung favorisiert.

Bewährte Partnerschaft mit IGZ fortgesetzt

2009 setzte der Polymerspezialist erstmals auf die Unterstützung durch IGZ, die SAP-Ingenieure aus Falkenberg in der Oberpfalz. Seither sind in enger Kooperation mehrere SAP-Vorhaben auf den Weg gebracht und erfolgreich finalisiert worden, darunter die Implementierung von SAP EWM im brasilianischen São Paulo und im thüringischen Triptis. Als SAP-EWM-Generalunternehmer treibt IGZ zudem die Umsetzung von zwei neu zu errichtenden Automatiklägern in Triptis und Visbek voran, deren Lagertechnik über das in SAP EWM integrierte Modul SAP MFS (SAP Material Flow System) ohne Zwischen-Layer oder Legacy-Software gesteuert werden. Rehau spart somit weitere Systeme ein.

„Für IGZ sprachen die positiven Erfahrungen, die wir im Verlauf der bisherigen Zusammenarbeit gesammelt haben“, betont Ralf Zeising. „Im Hinblick auf die Automatisierungsprojekte war es natürlich auch wichtig, auf einen Partner setzen zu können, der hinreichend Erfahrung als verantwortlicher Generalunternehmer für die Planung und Realisierung derartiger Intralogistiksysteme vorweisen kann. Hinzu kommt das benötigte Spezialwissen, um Roll-out-Vorhaben auf internationaler Ebene erfolgreich meistern zu können.“

Template-Verfahren als Erfolgsfaktor

Der verfolgte Ansatz sah vor, zunächst ein für die Sparten Bau und Industrie allgemeingültiges SAP-EWM-Template zu entwickeln, das als „kopierbare“ Vorlage beziehungsweise vorkonfiguriertes Lagerverwaltungssystem den Roll-out über Landesgrenzen hinaus vereinfacht. Das einmal erstellte Template kann standortspezifisch weiterentwickelt werden. Global übergreifend sind dabei funktionale/prozessuale Schwerpunkte, wie der Warenein- und -ausgang, die Kommissionierung, merkmals- und chargenbasierte Bestandsführung, Qualitätskontrolle und MES-gestützte Produktion, mobile RF-Geräte (Radio Frequency), portable und webbasierte Dialoge sowie der Lieferschein- und Labeldruck.

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„Entscheidend für eine erfolgreiche Umsetzung ist nicht primär die Technik, auch die Projektmethodik hat einen großen Anteil daran“, sagt IGZ-Bereichsleiter Stefan Wittmann. „Ein Template mit kopier- und adaptierbaren Funktionen und Abläufen spart Zeit und Kosten und minimiert Risiken bei der Einführung.“ Eigene IT-Kompetenz vorausgesetzt, sind Kunden wie Rehau in der Lage, den weiteren Roll-out in Eigenregie abzuwickeln und zukünftige Optimierungen ohne größere Zeitverluste vorzunehmen. IGZ ist, falls gewünscht, bei Roll-outs nur noch temporär beratend tätig, auch im Remote-Verfahren.

SAP-EWM-Einführung wirkt sich positiv aus

Der Template-Entwicklung war eine Grobkonzeptphase vorausgegangen, in deren Verlauf IGZ auch eine SAP-EWM-Einsatzanalyse durchführte. Es folgten die SAP-EWM/MFS-Spezifikationsphase und die sich anschließende, begleitende Unterstützung bei der Implementierung, den Testläufen und der Produktivsetzung. Zu den Standorten, die zwischen 2018 und 2019 auf SAP EWM umgestellt worden sind, zählen neben São Paulo (Brasilien) und Triptis auch zwei Niederlassungen in Spanien.

So wurde im Rahmen des RBP Anfang 2018 SAP ERP und SAP EWM in São Paulo eingeführt. Ziel war, Produktion und Logistik eng miteinander zu verzahnen und die komplette Prozesskette via SAP-Standardsoftware zu steuern. Gleichzeitig ist es durch die Ablösung des bis dato genutzten rudimentären Lagerverwaltungssystems gelungen, papiergeführte Abläufe ins digitale Zeitalter zu überführen, was zu Einsparungen in den Logistikkosten führt. Ein weiterer Vorteil besteht darin, heute auch die in Brasilien geltenden, teils schwer überschaubaren steuerrechtlichen Anforderungen gemäß „Nota Fiscal“ auf elektronischem Wege vollautomatisiert bedienen zu können.

Nahezu zeitgleich erfolgte der Go-live in Triptis. Dort hat Rehau ein Produktionswerk mit angebundenem Logistikzentrum, das bereits mehrfach erweitert wurde. Als Teil des RBP hat SAP EWM die veraltete Lagerverwaltungssoftware „LAWI“ abgelöst und kommuniziert heute ebenfalls medienbruchfrei mit dem Rehau-eigenen Manufacturing-Execution-System EVF. Eine spezifische Besonderheit ist der Einsatz von Multifunktionsterminals (MFT). Auf dieser durch Rehau entwickelten, webbasierenden Nutzeroberfläche laufen sämtliche Applikationen. Angestoßen werden in SAP EWM darüber unter anderem die Anforderungen und Rücklagerungen von Komponenten, die Verbrauchsbuchungen und die Zubuchungen von Fertigwaren. „An diese MFT-Frames haben wir die SAP-Dialoge angepasst, ein eindeutiges Indiz dafür, wie flexibel lauffähig die Standardsoftware auch in anderen individuell konzipierten Umgebungen ist“, betont Stefan Wittmann.

Schlüssige, visuell unterstützte Dialogführung

Integriert sind zudem Kommissionier- und Packdialoge. So ist unter anderem die Kommissionierung gemäß Plan-HUs (Handling Unit) inklusive Packstückoptimierung möglich. Diese „Case Calculation“ wird automatisiert bei der Lieferanlage im ERP aufgerufen, über die mithilfe von Algorithmen die Plan-HUs im ERP generiert werden. Diese werden an SAP EWM übertragen und zur Kommissionierung freigegeben. „Das Verfahren hat den Vorteil, dass sich die anschließende physische Erstellung der Handling Units deutlich vereinfacht und die Ressourcenauslastung im Warehouse und beim Transport bereits zum frühen Zeitpunkt feststeht und somit besser planbar ist“, so Wittmann weiter. Da auch SAP TM (SAP Transportation Management) auf die „Case Calculation“ im SAP ERP ECC Mill Solution zugreift, sind die erwarteten HUs zeitgleich der Transportabwicklung bekannt. Weiter unterstützt werden die Mitarbeitenden durch den direkt in SAP integrierten EWM-Packtisch, indem ihnen angezeigt wird, welche Positionen wie zu verpacken sind. Per Scan werden die passenden Packmittel identifiziert und auch die Etiketten und den Handling Units beizufügende Lieferpapiere lassen sich automatisiert erzeugen. Ein weiteres Prozess-Highlight ist die Bestandsfindung über Chargenselektionsmerkmale im SAP-Standard.

Auf Hochtouren vorangetriebene Automation

Aktuell stehen die Aufstockung der Lagerkapazitäten und eine nochmals verbesserte Kommissionierleistung auf der Tagesordnung. Um dies zu erreichen, investiert der Polymerspezialist weiter in den Werksausbau und zwei neue Automatikläger in Triptis. Die Produktivsetzung des Palettenlagers erfolgte termingerecht im November 2020. Läuft alles nach Plan, kann der Go-live der zweiten Automatikanlage, die primär als Kommissionierpuffer dient, in 2021 stattfinden. Auch diese Lösung wird von IGZ als SAP-EWM-Generalunternehmer geplant und realisiert. In den Verantwortungsbereich der SAP-Ingenieure fallen neben der Anlagen- und SPS-Steuerungstechnik die Implementierung von SAP EWM samt integrierter Materialflusssteuerung (SAP MFS) sowie die direkte ERP-Integration.

Standortübergreifend nivellierte IT- und Prozessplattform

„Das erstellte Template hat den Roll-out von SAP EWM auf unsere innerdeutschen und ausländischen Standorte deutlich beschleunigt und Einführungsrisiken, die niemals gänzlich ausgeschlossen werden können, minimiert“, bilanziert Rehau-Head of IBS Logistics Bau/Industrie Ralf Zeising. „Gleichwohl bewegten sich die stets erforderlichen spezifischen Anpassungen im Fall der neuen, auf Automatiksteuerung ausgelegten Läger in Triptis auf einem ganz besonderen Niveau.“ Derzeit dient das Template als Designvorlage für den Roll-out der Software auf mehr als 20 Rehau-Bau/Industrie-Standorte. Im Sinne des RBP-Ansatzes schafft das Unternehmen damit die Voraussetzungen für eine gruppenweit vereinheitlichte und zukunftssichere IT- und Prozessplattform, über die sich flexibel auf Marktveränderungen reagieren lässt. „Gemeinsam mit IGZ haben wir das bestens gemeistert, auch, weil unsere eigenen SAP-Experten sukzessive neues Know-how aufgebaut haben, sodass wir in der täglichen Praxis weitgehend autark wirken können“, sagt Zeising. Mit Weitsicht agieren er und sein Team zudem in Hinsicht auf das sich abzeichnende S/4-Zeitalter. Denn als Embedded-Version ist SAP EWM als zentrale Lagerverwaltungsplattform auch innerhalb der neuen ERP-Generation SAP S/4HANA nutzbar.

* Sabine Vogel ist freie Redakteurin in 44227 Dortmund.

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