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MM TITEL: Chance Flüchtlinge Start in die Integration

| Autor / Redakteur: Hans-Jürgen Kuntze / Denisa Garcia

Die Kanzlerin nennt Deutschlands Offenheit einen „humanitären Imperativ“. Zukunftsforscher heißen die Flüchtlinge als „historische Chance für unsere Gesellschaft“ willkommen. „Die deutsche Industrie wird ihren Beitrag zur Integration leisten“, verspricht VDMA-Präsident Reinhold Festge auf dem Maschinenbau-Gipfel. Und der MM MaschinenMarkt? Hilft mit! In unserer neuen Serie „Chance Flüchtlinge“ zeigen wir Integrationsbeispiele, die Mut machen. Wir schaffen das!

Acht Flüchtlinge erhalten bei Rittal ein dreimonatiges Vorbereitungspraktikum; zwei werden später einen Ausbildungsplatz erhalten. Das Unternehmen der Friedhelm Loh Group handelt mit der Idee „Qualifizierung von Flüchtlingen“ im Geiste seines Inhabers.
Acht Flüchtlinge erhalten bei Rittal ein dreimonatiges Vorbereitungspraktikum; zwei werden später einen Ausbildungsplatz erhalten. Das Unternehmen der Friedhelm Loh Group handelt mit der Idee „Qualifizierung von Flüchtlingen“ im Geiste seines Inhabers.
(Bild: Rittal)

Bayern hat kürzlich1 Mio. Flüchtlinge gezählt; 645.000 Flüchtlinge haben allein im ersten Halbjahr Asyl beantragt. Bei etwa 60 % dieser Menschen hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) den Antrag abgelehnt. Es geht nicht nur darum, wie viele Flüchtlinge Deutschland noch aufnehmen kann. „Wir müssen ehrlich sein: Ein Großteil dieser Menschen wird bleiben“, sagt Alexander Wilhelm von der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände. Es geht demnach auch darum, wie wir die bereits vorhandenen Flüchtlinge und Asylsuchenden sinnvoll integrieren.

Arbeit gibt dem Leben Struktur

Gesellschaftsforscher sind sich einig: Ob Deutschland es schaffen wird, diesen Clash of Cultures zu bewältigen, wird maßgeblich davon bestimmt, wie schnell es die Flüchtlinge in die Arbeitswelt integriert und der drohenden Ghettoisierung in Lagern und Wohnheimen entzieht. Arbeit gibt einem Leben Sinn und Struktur, ein eigenes Einkommen Würde. Flüchtlinge zu Arbeitnehmern zu machen, macht sie zu Konsumenten. Als Arbeitnehmer und Konsumenten können sie den Sozialsystemen später zurückgeben, was sie von ihnen brauchen. Integration ist eine (arbeits-)politische Aufgabe. Es ist eine Aufgabe der deutschen Wirtschaft. Es ist aber auch eine Aufgabe der Gesellschaft und damit der Medien. Deshalb wird sich der MM engagieren. In unserer Serie zeigen wir in den nächsten Wochen Rahmenbedingungen auf, begleiten Flüchtlinge und Arbeitgeber, stellen Initiativen und Hilfsangebote vor. Dies in enger Zusammenarbeit mit den angehenden Kollegen des Studienganges Technikjournalismus der TH Nürnberg, die für den MM als Reporter auf die Reise gehen werden.

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Gute Beispiele tun not: Zwar erwartet die Agentur für Arbeit zunächst nur etwa 130.000 zusätzliche Arbeitslose jährlich durch den Flüchtlingsstrom. Aber die Statistik trügt. Flüchtlinge tauchen erst nach Monaten in den Arbeitslosenzahlen auf. Im Mittel dauern Asylverfahren fünf Monate. Drei Monate dürfen Flüchtlinge gar nicht arbeiten – erst danach kann ein Flüchtling eingeschränkt Arbeit annehmen. Wer zur Schule geht, gilt statistisch nicht als arbeitslos: 55 % der Flüchtlinge sind jünger als 25 Jahre. 58 % haben keine Berufsbildung.

Fast alle müssen lernen – und wenn es nur unsere Sprache ist. Den ersten Ansturm auf den Arbeitsmarkt erwartet die Bundesagentur im Februar, März 2016. Dann wird das Schreckensszenario von Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn Realität: Scharen von jungen Männern, die auf der Straße sind, aber keinen Job haben. Sinn: „Wenn die jungen Männer monatelang in den Lagern aufeinanderhocken und nicht arbeiten dürfen, drehen sie durch – das kann doch nicht gut gehen.“

Bei Bayer wissen sie darum. „Start Integration“ heißt ihre Initiative: 50 Flüchtlinge „mit hoher Bleibeperspektive“ durchlaufen einen modularen Aufbau – Berufsorientierung, Ausbildung, Berufseinstieg. Mit „Gib Flüchtlingen eine Chance“ engagiert sich Phoenix Contact. Das Unternehmen sammelt erste Erfahrung mit der beruflichen Integration von Flüchtlingen, indem neun Kandidaten zunächst ohne Vergütung und Arbeitserlaubnis für drei Ausbildungen getestet werden, die dann in diesem Jahr beginnen sollen. Auch Rittal macht mit. Acht Flüchtlinge erhalten ein dreimonatiges Vorbereitungspraktikum; zwei werden später einen Ausbildungsplatz erhalten. Das Unternehmen der Friedhelm Loh Group handelt mit der Idee „Qualifizierung von Flüchtlingen“ im Geiste seines Inhabers und Vorsitzenden der Geschäftsführung. Als Familienunternehmer und größter Arbeitgeber der Region Mittelhessen trage er Verantwortung für sein Umfeld, betont Friedhelm Loh. „Die Möglichkeit, zu arbeiten und sich eine Existenz aufzubauen, ist ein wesentlicher Bestandteil der Integration.“

Gesetzgeber senkt Beschäftigungshürden

All diese Initiativen eint: Um Gewinnmaximierung geht es bestimmt nicht. Mögen viele syrische Flüchtlinge auch gehobenen Bildungsschichten entstammen und hochgradig motiviert sein, den lang ersehnten Mint-Ingenieur für die eigene Entwicklungsabteilung findet man unter ihnen wohl eher nicht. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist ein Flüchtling für deutsche Unternehmen eher ein Risiko. Eine andere Kultur, die fehlende schulische Bildung, Fluchttraumata, mangelnde deutsche Sprachkenntnisse, die unklare Rechtslage – „multiple Vermittlungshemmnisse“ nennen sie das in den Jobcentern. Über all dem schwebt zudem „das Damoklesschwert einer eventuellen Abschiebung“, wie Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, weiß. „Das führt dann oft dazu, dass Unternehmen davor zurückschrecken, Flüchtlinge auszubilden oder zu beschäftigen.“

Dabei hat der Gesetzgeber für deutsche Verhältnisse unbürokratisch reagiert, unter anderem durch die Reform des Bleibe- und Arbeitsrechtes. Zwar entfachen gerade die Erleichterungen bei der Beschäftigung von Praktikanten und Auszubildenden Debatten um die Unterhöhlung des Mindestlohnes. Ein Arbeitsmarktexperte wie Hagen Lesch vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln hingegen lobt gerade Betriebspraktika als „effektive Tests für die Beschäftigungsfähigkeit“ und bescheinigt ihnen eine „wichtige Brückenfunktion“ für die Integration in den Arbeitsmarkt. Schon heute sind verschiedene Praktika zwischen drei und zwölf Monaten sowie Probejobs vom Mindestlohn ausgenommen. Etwa, wenn sie absolviert werden, damit ein Berufsabschluss aus dem Heimatland anerkannt werden kann. Arbeitsministerin Andrea Nahles prüft weitere Maßnahmen: Übernahme von Ein-Euro-Jobs, Eingliederung in die überbetriebliche Lehre im Rahmen der dualen Ausbildung. Der Mehraufwand für die Qualifikation von Flüchtlingen wird im Arbeitsministerium auf 500 Mio. Euro geschätzt.

BfA hat Personal deutlich aufgestockt

Teamarbeit, ohne die gerade im Maschinenbau gar nichts geht, braucht neben allen Fachkenntnissen aber vor allem auch soziale Kompetenzen und regen Austausch – Teamwork braucht eine gemeinsame Sprache. Seit 1. November 2015 werden flächendeckend Sprachkurse für Flüchtlinge gehalten – dafür hat die Bundesregierung kurzfristig 120 Mio. Euro zur Verfügung gestellt. Bayern plant Berufsintegrationsklassen, die vor einer Ausbildung unter anderem gezielt Sprachkenntnisse vermitteln. Für Josef Amann, Bereichsleiter Berufsbildung bei der IHK München und Oberbayern, eine der wichtigsten Integrationsvoraussetzungen überhaupt: Umgangssprachlich kämen die Flüchtlinge vielleicht mit 1500 Wörtern aus, sagte er der Süddeutschen Zeitung kürzlich, „aber in der Ausbildung kommen mindestens 5000 bis 10.000 Wörter hinzu.“ Unsere jungen Reporterkollegen von der TH Nürnberg werden deshalb nicht nur recherchieren, sondern „Lernhilfen für Flüchtlinge“ anbieten.

Auch ihr Personal hat die Bundesanstalt für Arbeit deutlich aufgestockt. Fast 2000 zusätzliche Mitarbeiter in den Arbeitsagenturen und Jobcentern kümmern sich um die Vermittlung von Flüchtlingen. Yasin Birinci, Teamleiter der Arbeitsvermittlung in München, ist einer von ihnen. Ursprünglich hatte der MM MaschinenMarkt für seine Initiative „Chance Flüchtlinge“ auch eine Matching-Plattform aufbauen wollen – eine Onlinebörse ähnlich der studentischen Initiative www.workeer.de. Dort bieten Flüchtlinge ihre Arbeitskraft an und Arbeitgeber ihre freien Stellen. „Das ist kontraproduktiv“, hatte Vermittler Birinci abgewunken. Wenn die Kenntnisse des Flüchtlings nicht zur Arbeitsstelle passten, führe dies nur zur Frustration auf beiden Seiten. In den Integrationspoints der Arbeitsämter hingegen werden Kompetenzprofile erarbeitet, die dem Arbeitgeber eine wichtige Vorselektion erlaubten. „Wir informieren die Arbeitgeber außerdem über mögliche Zuschüsse und andere Unterstützungen“, so Birinci. Überhaupt mache eine Vermittlung erst Sinn, wenn klar sei, wohin der Flüchtling komme: „Arbeitsvermittlung ist regional.“

Mitarbeiter mit Mentorenfunktion

Regional engagiert sind bereits zahlreiche Mitarbeiter deutscher Industrieunternehmen. Sie geben private Sprachkurse, übernehmen als Mentoren Behördengänge, helfen, wo immer Hilfe benötigt wird. Bei einer TNS-Umfrage im Auftrag des Spiegel gaben 42 % von mehr als 1000 Befragten an, sich selbst für Flüchtlingen zu engagieren. Gleichzeitig zeigt diese Umfrage aber auch die zunehmende Verunsicherung unserer hilfsbereiten Gesellschaft. 84 % der Befragten glauben, dass die hohe Zahl von Flüchtlingen Deutschland nachhaltig verändern wird. Nur eine knappe Mehrheit von 56 % denkt, dass Deutschland von den Flüchtlingen wirtschaftlich profitieren kann; jeder Vierte denkt das überhaupt nicht. 43 % aller Befragten fürchten, dass die Arbeitslosigkeit steigen wird, bei den Arbeitern sind das sogar 62 %.

Die Morde von Paris, die Hetze von Pegida und AfD, der bewusst geschürte Streit um Sozialleistungen, die Demagogie um die „Islamisierung des Abendlandes“ lassen Innenminister Thomas de Maizière fürchten, dass die Million Flüchtlinge für eine neue politische Bewegung ausgeschlachtet werden: „Wir müssen aufpassen, dass Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus nicht in die Mitte der Gesellschaft kriechen.“ Die Angst vor Überfremdung treibe dieser Bewegung täglich besorgte Bürger zu. Mit ihrem mangelnden Respekt gegenüber Frauen, anderen Religionen, vor anderen, offeneren Formen der Sexualität befeuern viele Flüchtlinge diese Ängste noch. Ausgrenzung trifft auf Abgrenzung. Schon fordern Politiker wie Julia Klöckner (CDU) ein „Integrationspflichtgesetz“ – eine Art Führerschein für und durch die deutsche Gesellschaft.

Umso wichtiger ist deshalb jede Initiative der deutschen Industrie. Der tägliche, gemeinsame Umgang mit beruflichen Herausforderungen lehrt Kollegialität. Er fördert, dass man sich gegenseitig hilft, die Achtung vor der Meinung des anderen. Er sorgt für einen permanenten Werteabgleich und -ausgleich, und sei es nur über ein Grundgesetz des Miteinanders wie „Bitte“ und „Danke“. Nur ständiger Austausch führe zur Assimilation an neue Kulturen, betonen Gesellschaftsforscher nicht erst seit dieser Flüchtlingswelle.

Es gibt sie also schon, die guten Beispiele. Nennen Sie uns Ihre Initiative – der MM MaschinenMarkt wird ihr in seiner Serie zu angemessener Publizität verhelfen. MM

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