Brexit Tipps für den Handel nach dem Brexit

Autor: Gary Huck

Der EU-Austritt Großbritanniens markiert ein Novum in der Geschichte der Union. So etwas gab es vorher noch nicht. Die Folgen daraus sind für alle Neuland. Deswegen haben wir einige grundlegende Handlungsempfehlungen für Sie zusammengetragen.

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(Bild: ©sergign - stock.adobe.com)

5 Jahre ist es bald her, dass sich die Briten für einen Austritt aus der EU entschieden haben. Lange wurde verhandelt und zwischenzeitlich sah es so aus, als würden EU und UK nie auf einen grünen Zweig kommen. Seit dem 1. Januar 2020 greift der Brexit. Also erst einmal auch nur in der Theorie. Bis zum 1. Januar 2021 gab es eine Übergangsphase.

Der 1. Januar 2021 kam und mit ihm auch der echte Brexit. Großbritannien ist aus EU-Sicht ein Drittstaat. Auch wenn der Brexit nicht das erwartete Chaos an der Grenze mit sich gebracht hat, störungsfrei läuft de Handel zwischen EU und GB nicht. Wir haben dazu mit Experten gesprochen und Tipps sowie Einschätzungen zur aktuellen Lage eingeholt.

Das Offensichtliche zuerst: Es wird länger dauern. Großbritannien zählt aus EU-Sicht als Drittland, was die Zollformalitäten angeht. Man kann anführen, dass auch das nichts neues ist. Schließlich handeln EU-Mitgliedsstaaten immer schon mit Drittländern. Das stimmt, aber diese Länder waren immer Drittstaaten. GB ist das erste Land, welches den Mitgliedsstatus verliert. Dementsprechend chaotisch ist die Umstellung. Es ist gut möglich, dass sich die Prozesse bald besser einspielen und alle Beteiligten lernen, damit umzugehen.

Die Zeit nutzen, um zu lernen

Laut Alexander Lau, Leiter der Stabsstelle für Europa- und Handelspolitik bei der IHK München und Oberbayern, hat die Pandemie dazu beigetragen, die Prozesse etwas zu entzerren. Die Staus an den Grenzen haben sich in die Lager und auf die Höfe der Unternehmen verlagert. Das ist auch nicht ideal, aber so habe man Zeit gewonnen. Die sollte jetzt genutzt werden.

Unternehmen, die sich mit Zollformalitäten nicht gut auskennen, können ihr Wissen auffrischen. Der Deutsche Zoll hält online dazu Informationen bereit. Die britische Regierung informiert ebenfalls digital. Die Industrie und Handelskammer hat zum Thema Brexit auch ein Beratungsangebot in petto. Es ist außerdem ratsam, sich regelmäßig zum Stand der Dinge zu erkundigen. Noch ist viel in Bewegung und je früher man Neuerungen oder Veränderungen mitbekommt, desto besser kann man reagieren. Das kostet Zeit und Ressourcen, aber langfristig gesehen lohnt es vermutlich für die meisten Unternehmen. Probleme beim Im- und Export sind schließlich auch Kostenfaktoren.

Kosten und Nutzen abwägen

Ein konkreter Tipp kommt von Alexander Heine, Geschäftsführer von CM Logistik: „Unternehmen müssten ihre Waren genauer in den Blick nehmen und gezielt selektieren. Je einheitlicher die Güter, desto einfacher beziehungsweise schneller läuft es später bei der Verzollung.“ Das bringt auch wieder Mehraufwand mit sich. Aber der entsteht momentan beim Handel mit UK immer. Es ist eine Ermessensentscheidung, was sich lohnt und was nicht.

Das Thema Mehrkosten und Ermessen zieht sich wie ein roter Faden durch diesen Beitrag. Auch beim nächsten Tipp spielt das wieder eine Rolle. Man muss nicht alles selbst machen. Auch für Zollformalitäten gibt es Dienstleister. Erfahrene Spediteure können die Prozesse abwickeln. Sie wissen, welche Dokumente gebraucht werden und was wann getan werden muss. Gerade für KMU ist das eine valide Option, komplexe Prozesse auszulagern.

In manchen Bereichen wäre ein Dienstleister beinahe unumgänglich. „In bestimmten Bereichen benötigt man zwingend bereits einen Dienstleister im Zielland, zum Beispiel einen Zollvertreter beim Warenversand oder jemanden für die umsatzsteuerrechtliche Registrierung, wenn man keine Niederlassung vor Ort hat“, sagt Lau.

Intensivieren oder terminieren

Bleiben wir gleich bei der Niederlassung vor Ort. Es ist illusorisch anzunehmen, dass viele Unternehmen aus dem EU-Raum im Vereinigten Königreich neue Niederlassungen gründen. Aber für manche kann das der richtige Ansatz sein. Eigene Mitarbeiter vor Ort zu haben, bedeutet, dass man sich Dienstleister im Zielland sparen kann. Je nachdem, wie hoch der Umfang des Warenstroms aus oder nach UK ist, lohnen sich die Kosten für eine ständige Vertretung möglicherweise auf lange Sicht.

Für manch ein Unternehmen mag genau das Gegenteil funktionieren. Großbritannien hat sich mit dem Brexit vom Europäischen Wirtschaftsraum abgewandt. „Dies wiederum kann dazu führen, dass sich die Auftragslage von britischen Geschäftspartnern verringert. Ein stärkerer Fokus auf innereuropäische Kooperationen sowie die Entwicklung alternativer Routen können hier Abhilfe schaffen“, meint Heine.

Im Zuge der Pandemie und ihrer Konsequenzen haben Unternehmen weltweit ihre Liefer- und Bezugsketten überdacht und angepasst. Die Handelsbeziehungen mit einem Wirtschaftsraum abzubrechen ist ein drastischer Schritt. Aber wenn ein Betrieb seine Lieferketten sowieso überprüft und anpasst, ist es zumindest eine Überlegung wert. Natürlich steht auch hier die Kosten-Nutzen-Frage im Raum.

Arrangieren mit dem „New Normal“

Was lohnt sich noch und was nicht mehr? Diese Frage wird im betrieblichen Umfeld häufig gestellt. Im Zusammenhang mit dem Handel mit UK ist sie für EU-Länder zu einer Maxime geworden. Möglichkeiten, die wirtschaftlichen Beziehungen aufrecht zu erhalten oder sogar zu vertiefen gibt es viele. Alle Optionen sind aber mit zusätzlichem Aufwand und oft auch extra Kosten verbunden. Wichtig ist, dass man sich damit auseinandersetzt, die eigene Situation analysiert und tätig wird. Auch ein Freihandelsabkommen wird Großbritannien nicht mehr die Stellung auf dem EU-Binnenmarkt zurückgeben, die es hatte. So wie es war, wird es nicht mehr werden.

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