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Exportmärkte Tschechiens Wirtschaft wird Europas Musterknabe

| Autor: Stéphane Itasse

Mit einem Paukenschlag ist Tschechien in das aktuelle Wirtschaftsjahr gestartet: Laut Daten des Statistikamtes ČSÚ wuchs das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal um 2,9 % zum Vorjahr, im zweiten Quartal sogar um 4,4 %.

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Die tschechische Industrie, insbesondere der Automobilbau, verzeichnet derzeit hohe Wachstumsraten.
Die tschechische Industrie, insbesondere der Automobilbau, verzeichnet derzeit hohe Wachstumsraten.
(Bild: VW)

Die tschechische Wirtschaft wuchs damit im zweiten Quartal 2015 so stark wie seit dem vierten Quartal 2007 nicht mehr. Auch im europäischen Vergleich steht Deutschlands östlicher Nachbar damit gut da: So schnell hat in diesem Zeitraum keine andere Volkswirtschaft in der EU zugelegt. Das Wachstum wird laut den Daten zu einem Drittel aus der Verbrauchernachfrage getragen und zu zwei Dritteln von Investitionen, insbesondere von Geldern aus Strukturfonds der EU.

Tschechien hat damit seine jüngste Wirtschaftsflaute überwunden. Noch in den Jahren 2012 und 2013 schrumpfte die Wirtschaft um 0,9 beziehungsweise 0,5 %, erst 2014 gab es wieder ein Wachstum von 2 %. Mit diesen Zahlen stand das Land laut den Daten von Eurostat im osteuropäischen Vergleich eher schwach da, nur in Slowenien entwickelte sich die Ökonomie schlechter.

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Deutsche Investoren vom Standort Tschechien begeistert

Auch die ausländischen Investoren sind zufrieden. Nach der jüngsten Konjunkturumfrage der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer (DTIHK) würden 92 % der Unternehmen wieder in Tschechien investieren. Mit diesem Bekenntnis zum Investitionsstandort hätten die befragten, überwiegend deutschen, Investoren einen Rekord aufgestellt. Damit bestätige sich der Trend von 2014: Die tschechische Wirtschaft habe die Talsohle nachhaltig hinter sich gelassen. Zwei Drittel der befragten Unternehmen bewerten die aktuelle Wirtschaftslage in Tschechien als zufriedenstellend, 29 % sehen sie sogar als gut, wie die Kammer weiter berichtet. Damit habe sich der Wert im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt. Gleichzeitig sei der Anteil der Unternehmen, die die Lage als schlecht bewerten, stark zurückgegangen und liege aktuell nur noch bei 7 %. Im vergangenen Jahr habe immerhin noch fast ein Fünftel die Wirtschaftslage als „schlecht“ beurteilt.

Was die Erwartung eines weiteren Wirtschaftsaufschwungs betrifft, seien die Unternehmen etwas verhaltener als im Vorjahr. 33 % (2014: 41 %) erwarteten bessere Aussichten für den Jahresverlauf. Dafür sähen jedoch mit zwei Dritteln deutlich mehr Befragte eine stabile Entwicklung, und nur 4 % – so wenige wie noch nie zuvor – befürchteten eine Verschlechterung.

Export aus Tschechien entwickelt sich 2015 vielversprechend

„Auch der Export, der gerade bei vielen deutschen Unternehmen einen großen Anteil des Umsatzes ausmacht, entwickelt sich 2015 vielversprechend. Das ist eine gute Nachricht“, sagt DTIHK-Geschäftsführer Bernard Bauer. 40 % der Unternehmen rechneten mit steigenden Ausfuhrumsätzen; 2014 war es laut Kammer hingegen knapp ein Drittel. Von stabilen Warenexporten gehe aktuell die Hälfte der Befragten aus.

Es gibt aus Sicht der Investoren eine Reihe guter Gründe für den Standort Tschechien, wie die DTIHK berichtet. Neben der Nähe zu Deutschland und der EU-Mitgliedschaft seien dies die Produktivität und Leistungsbereitschaft der Arbeitnehmer, die lokalen Zulieferer sowie die immer noch relativ moderaten Arbeitskosten und eine solide akademische Ausbildung.

Die problematischsten Standortfaktoren seien dagegen nach wie vor die Korruption, die mangelnde Transparenz der öffentlichen Auftragsvergabe, die teils dramatisch schlechtere Verfügbarkeit von Fachkräften sowie das Steuersystem. Impulse erhält die tschechische Wirtschaft von der Industrieproduktion, die im ersten Quartal 2015 um fast 5 % zum Vorjahr stieg, im August gar um 6,3 %. Das ist für das Land besonders wichtig: „Die Automobilindustrie und der Maschinenbau erwirtschaften etwa ein Drittel unseres Bruttoinlandsproduktes“, erläuterte Wirtschaftsminister Jan Mládek. Besonders stark wuchsen laut Statistikamt zuletzt die Produktion von Fahrzeugen und Anhängern, Metallwaren sowie Gummi- und Kunststoffprodukten. Das Volumen der Industrieaufträge nahm im August um 7,9 % im Vergleich zum Vorjahr zu. Die Auslandsbestellungen stiegen nach Angaben der Behörde um 12,5 %, hingegen sanken die Orders aus dem Heimatmarkt um 0,7 %.

Deutschland und Tschechien kooperieren bei Industrie 4.0

Bei den wichtigsten Zukunftsthemen steht in Tschechien ebenfalls Industrie 4.0 ganz oben auf der Agenda. Das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und das Ministerium für Industrie und Handel der Tschechischen Republik (MPO) haben sich hierfür auf eine Kooperation Industrie 4.0 verständigt, wie die DTIHK berichtet. Eine gemeinsame Absichtserklärung unterzeichneten in Prag Ministerialdirektor Prof. Wolf-Dieter Lukas und Vizeminister Tomáš Novotný. Tschechien sei damit das erste Land, mit dem Deutschland bei diesem Zukunftsthema eine konkrete Zusammenarbeit vereinbart.

Die Ministerien beabsichtigen laut Mitteilung der Kammer, „einen Rahmen für die Anbahnung konkreter Kooperationen in den Bereichen Forschung, Entwicklung und Innovation zum Thema Industrie 4.0 zu schaffen“, heißt es in der gemeinsamen Absichtserklärung. Zeitnah solle in Konsultationen das konkrete Vorgehen für die Umsetzung des Innovationsdialogs festgelegt werden. Bis Ende des Jahres 2015 wollten beide Ministerien Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung benennen, die in den Innovationsdialog einbezogen werden.

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 Stéphane Itasse

Stéphane Itasse

, MM MaschinenMarkt