Exportmärkte Ungarns Wirtschaft durchläuft Wachstumsdelle

Autor: Stéphane Itasse

Das erste Quartal 2016 wollen Ungarns Wirtschaftsführer wahrscheinlich schnell vergessen: Im EU-Vergleich stand nur Griechenland schlechter da. Doch auf längere Sicht bietet das Land Wachstumsaussichten über dem EU-Durchschnitt – wenn nur Fachkräfte verfügbar wären.

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Aktuell stottert Ungarns Konjunkturmotor zwar, aber noch im zweiten Halbjahr 2016 soll er wieder Fahrt aufnehmen.
Aktuell stottert Ungarns Konjunkturmotor zwar, aber noch im zweiten Halbjahr 2016 soll er wieder Fahrt aufnehmen.
(Bild: Siemens)

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat ihre Erwartung für das ungarische Wirtschaftswachstum auf 1,6 % im laufenden Jahr gesenkt. Allerdings soll das Bruttoinlandsprodukt bereits im zweiten Halbjahr 2016 wieder kräftiger steigen und 2017 um 3,1 % zulegen, wie auch das ungarische Wirtschaftsministerium laut eigener Mitteilung erwartet. Im vergangenen Jahr war die Wirtschaft nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) noch um 2,9 % gewachsen.

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Als Gründe für die Wachstumsschwäche im laufenden Jahr nennt die OECD neben den schwachen Daten im ersten Quartal – das BIP legte laut dem ungarischen Statistikamt KSH gerade einmal 0,5 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zu – auch den geringeren Zufluss von EU-Mitteln. Die ungarische Regierung erwartet jedoch, dass diese Finanzhilfen im Jahresverlauf wieder anziehen und damit die Wirtschaft beleben.

Ungarische Industrie kann mit starkem Wirtschaftswachstum rechnen

Eine Trendwende konnte bereits die ungarische Industrie verzeichnen: Nachdem die Auftragseingänge bis März 2016 im Vergleich zum Vorjahresmonat zurückgingen, zogen sie im April wieder um 5,3 % an; im Mai – das sind die jüngsten verfügbaren Zahlen – erreichten sie sogar ein Plus von 9 %. Laut Wirtschaftsministerium hatten im ersten Quartal winterliche Produktionsunterbrechungen und verschiedene technische Probleme das Produktionswachstum geschwächt. Diese Hindernisse seien jedoch mittlerweile beseitigt.

Auch die ausländischen Unternehmen in Ungarn sind wieder optimistischer. Wie die Deutsch-Ungarische Industrie- und Handelskammer (DUIHK) bei der Vorstellung ihrer 22. Konjunkturumfrage mitteilte, sind die Ergebnisse der diesjährigen Umfrage in vielen Bereichen besser als 2015. Die befragten Unternehmen, Mitglieder der Kammer und andere ausländische Investoren, beurteilen die gegenwärtige Situation der ungarischen Volkswirtschaft und ihre eigene Geschäftslage wesentlich besser als im Vorjahr, berichtet die Kammer. Der Saldo der positiven und negativen Antworten sei seit 2005 nicht so günstig ausgefallen wie im laufenden Jahr. Auch für 2016 seien die Firmen sowohl im Hinblick auf die Volkswirtschaft als auch auf das eigene Geschäft zuversichtlicher als vor einem Jahr. Die DUIHK rechnet daher für 2016 in Ungarn mit einem Wirtschaftswachstum von 3 %.

Ausländische Investoren in Ungarn optimistisch wie lange nicht

Die robuste Wirtschaftslage schlägt sich auch in steigenden Investitions- und Beschäftigungsabsichten nieder, wie es in einer Mitteilung der Kammer heißt: 38 % der Firmen wollen mehr, nur 15 % weniger investieren als 2015, das Personal wollen sogar 43 % aufstocken und nur 14 % wollen reduzieren. Dies sind die besten Werte der letzten 15 Jahre. Besonders ausgeprägt sei der Optimismus im verarbeitenden Gewerbe, speziell bei größeren, exportorientierten Unternehmen.

Insgesamt habe sich die Zufriedenheit mit den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen verbessert, in mehreren Bereichen sogar erheblich, vor allem in Bezug auf die Rechtssicherheit und die Berechenbarkeit der Wirtschaftspolitik, aber auch hinsichtlich der steuerlichen Belastung und der Steuerverwaltung. „Verbessert“ heißt allerdings nicht automatisch „gut“, wie die Handelskammer betont: In mehreren Bereichen ist noch immer über die Hälfte der Unternehmen unzufrieden. Unzureichend sei die Situation weiterhin in Bezug auf Korruption und Transparenz der öffentlichen Vergabe, hier verzeichneten die Investoren keine Verbesserung gegenüber dem Vorjahr.

Ungarn braucht eine starke Industrie und Investitionen in die Produktion

„In vielen Bereichen sehen wir eine positive Entwicklung, dennoch bleibt noch viel Raum für weitere Verbesserungen“, sagte der Präsident der DUIHK, Dale A. Martin, zur Vorstellung der Umfrageergebnisse. „Die gegenwärtig günstigen konjunkturellen Bedingungen bieten jetzt die Möglichkeit, auch in den noch als unzureichend beurteilten Bereichen weitere Anstrengungen im Interesse der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen in Ungarn zu unternehmen“, erläuterte er weiter.

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István Lepsényi, Staatssekretär für Wirtschaftsentwicklung und -regulierung im ungarischen Ministerium für Nationale Wirtschaft, sagte bei der Vorstellung der Konjunkturumfrage: „Ungarn braucht für ein ausgewogenes Wirtschaftswachstum eine starke, wettbewerbsfähige Industrie mit modernen Strukturen. Deshalb richtet die Regierung besondere Aufmerksamkeit auf die Entwicklung der Industrie und auf Investitionen in die Produktion.“

Sorgen macht allerdings der zunehmende Fachkräftemangel, wie die Kammer berichtet. 54 % der Befragten sind unzufrieden mit der Verfügbarkeit von Fachkräften, im verarbeitenden Gewerbe sogar 66 %. Dies erschwert den Unternehmen eine flexible Reaktion auf die steigende Marktnachfrage und kann mittelfristig auch die Investitionspläne der Unternehmen negativ beeinflussen, wie die Kammer beklagt.

Fachkräftemangel in Ungarn wird zur Investitionsbremse

Im engen Zusammenhang mit dem Fachkräftemangel stehe auch, dass für die Mehrheit der Investoren die Qualität der Berufsausbildung sowie des Hochschulwesens weiterhin noch nicht ausreichend sind. „Auch die Regierung ist sich der Notwendigkeit bewusst, dass hinsichtlich des Mangels an Fachkräften so rasch wie möglich Fortschritte erzielt werden müssen. Sie arbeitet dazu an einem umfassenden Programm und stimmt sich regelmäßig mit der Kammer ab“, sagte Lepsényi.

Sehr gute Bewertungen erhielten bei den Investoren in Ungarn erneut die Infrastruktur und das Arbeitsrecht. Die Verfügbarkeit und Qualität einheimischer Zulieferer werde zwar immer noch überwiegend positiv eingeschätzt, in der Industrie sei allerdings rund jedes dritte Unternehmen unzufrieden (Vorjahr: 24 %). Die „Bindungsbereitschaft“ der Investoren hat sich 2016 im Vergleich zum – sehr schwachen – Vorjahreswert (71 %) deutlich erhöht: Aktuell würden nach Angaben der DUIHK 80 % der Investoren erneut in Ungarn investieren.

Die deutschen Auslandshandelskammern (AHK) haben 2016 zum insgesamt 11. Mal eine parallele Umfrage in 16 Ländern der Region Mittel- und Osteuropa (MOE) durchgeführt. Alles in allem beteiligten sich daran 1623 Unternehmen. Im Vergleich mit den anderen 15 Ländern konnte Ungarn en bloc seine relativen Positionen leicht verbessern, bleibt aber meist noch hinter den Spitzenwerten zurück. In der Rangfolge der attraktivsten Investitionsziele in der Region verbesserte Ungarn seine Punktzahl leicht, lag aber wie schon in den beiden Vorjahren erneut auf Platz 9 unter den 20 untersuchten Ländern.

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