Distributed-Ledger-Technologie Verspielt der Mittelstand bei der Blockchain den First-Mover-Advantage?

Ein Gastbeitrag von Heinrich Zetlmayer

Neue Finanztechnologien auf Basis der Blockchain schießen wie Pilze aus dem Boden, doch konkrete Anwendungsfälle in Industrie oder Handel scheinen zu fehlen. Es drängt sich das Gefühl auf, dass Deutschlands mittelständischer Wirtschaftsmotor wieder einmal Gefahr läuft, jeglichen First-Mover-Advantage zu verspielen.

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Die Zurückhaltung deutscher Mittelständler beim Einsatz von Blockchain könnte teuer werden.
Die Zurückhaltung deutscher Mittelständler beim Einsatz von Blockchain könnte teuer werden.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Trotz großem Potenzials stoßen die Themen Distributed-Ledger-Technologie (kurz: DLT) und Blockchain im Mittelstand eher auf Widerstand. Statt von der neuen Technologie zu profitieren besteht dadurch das Risiko, dass die Kosten der Aufholjagd auf die Bilanz der Unternehmen drückt, damit diese in der letzten Minute nicht den Anschluss verlieren. Hat der Mittelstand aus den bisherigen Fehlern bei der Digitalisierung nichts gelernt? Warum werden die DLT und damit die Blockchain so stiefmütterlich behandelt? Gibt es Gründe, die für die Ablehnung der neuen Technologie sprechen? Und können diese durch Vorteile der Technologie entkräftet werden und welche nachahmenswerten Anwendungsbeispiele gibt es überhaupt?

Ein Grund für die Ablehnung lässt sich das vor allem durch den allgemeinen Rückstand vieler mittelständischer Betriebe bei der Digitalisierung erklären. Was vor der Coronapandemie bislang wenig auffiel, ist nun in den Fokus gerückt. Gerade das Thema Cybersecurity erschien durch die Pandemie erstmalig auf dem Radar vieler Unternehmen und verdrängt vieles andere von der Agenda. Nicht wenige sind damit beschäftigt, zunächst einmal die bestehenden Rückstände schnellstmöglich aufzuholen. Doch der Blick über den Tellerrand für die entscheidenden Trends von morgen sollte dabei nicht verloren gehen.

DLT scheint Unternehmen schlicht zu neu, um jetzt schon an eine Implementierung im eigenen Umfeld zu denken. Auch fehlt es Unternehmen verständlicherweise noch am notwendigen internen Know-how über DLT, um abschätzen zu können, ob ein Einsatz im eigenen Unternehmen überhaupt möglich und sinnvoll wäre. Zudem wird gerade die Blockchain häufig mit der umstrittenen Kryptoszene und Kryptowährungen gleichgesetzt. Im Netz sind unzählige Artikel zu finden, die sich Bitcoin und Co. widmen, während man nach anderen handfesteren Anwendungsbeispielen erst suchen muss. Doch die Suche danach lohnt sich.

Vorteile von DLT – Was kann die Technologie leisten?

Um der Gleichsetzung von DLT und Kryptowährungen zu widersprechen, seien die Technologie und ihr Potenzial einmal grob wie folgt umrissen: Die Distributed-Ledger-Technologie ermöglicht die Digitalisierung und Dezentralisierung von Transaktionen, Eigentümerschaft und Vertragsverhältnissen – nicht mehr und nicht weniger. Manuelle Prozesse, die traditionell sogenannte Intermediäre übernehmen, können so automatisiert werden. Das wiederum begünstigt eine geringere Fehlerquote bei gleichzeitig höherer Prozessgeschwindigkeit.

DLT hat sich seit den ersten prominenten Anwendungsbeispielen, die wie die Technologie selbst erst wenige Jahre alt sind, bereits stark weiterentwickelt. In Bereichen wie dem Supply-Chain-Management (SCM) und der Logistik allgemein gibt es bereits einige beachtenswerte und im produktiven Einsatz befindliche Lösungen.

Die genannten Bereiche profitieren von der Fähigkeit einer Blockchain-Architektur, Informationen mithilfe eines dezentralen Grundbuchs fälschungssicher zu speichern und abrufbar zu machen. Daten im Blockchain-Netzwerk werden auf allen teilnehmenden Rechnern redundant gespeichert. Jeder neue Vorgang wird als weiterer Block an eine Kette, die beispielsweise ein physisches Objekt repräsentiert, gehängt. Jeder Block wiederum besitzt einen kryptografisch erzeugten Hash-Wert, der ihn mit den vorangehenden Blöcken verknüpft. Jegliche Manipulation würde die Integrität der Kette verletzen und sofort auffallen. Transaktionen innerhalb des Netzwerks werden durch alle Teilnehmenden gemeinsam validiert. Durch die Redundanz der Daten müssten alle Kopien auf allen Rechnern gleichzeitig manipuliert werden, damit die Manipulation erfolgreich ist.

Über Blockchains lassen sich die Zugriffsrechte individuell und sicherer festlegen. Alle Parteien können so zu jeder Zeit nur auf die für sie notwendigen Daten zugreifen, ohne dass ein prüfender Intermediär notwendig ist. So können auch sensible Daten sicher hinterlegt und genutzt werden. Dank all dieser Eigenschaften lassen sich Smart Contracts aufsetzen. Diese halten Vertragsbedingungen zwischen Parteien in einer Blockchain codiert fest und können deren Einhaltung automatisiert überwachen. Mithilfe einer Vernetzung physischer Objekte über das Internet der Dinge lassen sich auch realweltliche Vorgänge automatisiert steuern, wie die folgenden Beispiele aus dem Bereich des SCM zeigen.

Anwendungsbeispiele für DLT

Die bekanntesten Anwendungsfälle von Distributed-Ledger-Technologien sind sicherlich Kryptowährungen. Doch wie bereits angedeutet, gibt es eine Vielzahl weiterer Anwendungsbeispiele für den Einsatz von DLT, um Prozesse zu vereinfachen. So kann DLT beispielsweise helfen, die sichere und zuverlässige Zusammenarbeit zwischen Firmen innerhalb von Wertschöpfungs- und Lieferketten auf digitaler Grundlage zu gewährleisten. Mit DLT können Unternehmen diese auf das Wesentliche rationalisieren, da sich Intermediäre weitgehend eliminieren lassen.

Ein aktuelles Beispiel für die Anwendung von DLT sind biowissenschaftliche beziehungsweise medizinische Supply Chains. Gerade im medizinischen Kontext gibt es seit jeher Probleme mit gefälschten oder gestohlenen Produkten. Die vielfach manuellen, analogen und dokumentenbasierten Prozesse sind extrem intransparent. Ein besonders komplexes Beispiel ist die Retournierung von Arzneimitteln. Diese Aufgabe wird normalerweise in Echtzeit von Pharmagroßhändlern übernommen, bei denen Mitarbeiter Chargennummern händisch prüfen und teils telefonisch mit ihrem Gegenpart bei den Herstellern abgleichen. Wesentlich intelligenter lässt sich diese Aufgabe durch die Anwendung von DLT lösen. Statt eine manuelle Anfrage an den Hersteller zu stellen, bietet eine Lösung des Mediledger Networks, eines US-Amerikanischen Zusammenschlusses mehrerer Pharmakonzerne, die Möglichkeit, dies über einen simplen Scan der herauszufinden. Die für die Prüfung benötigten Informationen werden verschlüsselt und revisionssicher in einer Blockchain gespeichert, sodass die Echtheit des Produkts anhand der sicher aufbewahrten Originaldaten im Handumdrehen geprüft werden kann.

Ein weiteres Beispiel aus dem SCM-Bereich ist ein Projekt der Hyperledger Foundation, deren Mitglied IBM mit mehreren großen Lebensmittelproduzenten wie Walmart das Tracking von Lebensmittel-Lieferketten pilotiert hat. Ein großes Problem in diesem Bereich ist die Nachverfolgung der Ursache lebensmittelbedingter Krankheiten. Mit den bisherigen Systemen dauert es häufig zu lange, bis die Quelle des Problems und alle betroffenen Waren identifiziert sind. Folglich bleiben betroffene Lebensmittel im Umlauf und die Krankheit breitet sich ungehindert aus. Um dies zu verhindern, nutzt Walmart die Blockchain, um Herkunft, Vertrieb und Verkauf der Lebensmittel zu tracken. Dadurch kann im Falle eines Ausbruchs direkt nachvollzogen werden, welche Chargen betroffen sind und der weitere Verkauf gestoppt werden. Ist ein entsprechendes System erst einmal etabliert, sind die Anwendungsmöglichkeiten nahezu unbegrenzt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Distributed-Ledger-Technologie und damit Blockchain-Anwendungen auch für mittelständische Unternehmen großes Potenzial besitzen. Sie zahlen auf unter anderem auf eine erhöhte Datensicherheit, eine Vereinfachung und Beschleunigung von Business-Prozessen und eine größere Unabhängigkeit von Mittelsmännern ein. Zunächst sollten sich Unternehmen ausreichend informieren und externen Rat einholen, ob und in welchen Bereichen die Implementierung von DLT sinnvoll ist. Warum nicht auch über eine Partnerschaft mit einem innovativen Start-up? Für die Zukunft ist es jedoch essenziell, dass Mittelständer bei der Implementierung nicht zu lange warten, wie sie es bei der Digitalisierung und Technologien wie etwa Künstlicher Intelligenz getan haben. Jetzt ist der Zeitpunkt, sich einen First-Mover-Advantage zu sichern und zu überlegen, wo dieser am besten erzielt werden kann und mit welchen Ansätzen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf unserem Partnerportal Industry of Things erschienen.

* Heinrich Zetlmayer leitet als CEO die Geschicke des Cloud-Dienstleisters Skaylink.

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