ZF Friedrichshafen Von der Zahnradfabrik zum Weltkonzern

Autor Stefanie Michel

Aus der Zahnradfabrik Friedrichshafen, die lediglich bessere Zahnräder für Zeppeline herstellen sollte, ist in 100 Jahren einer der weltweit größten Automobilzulieferer geworden. Wie? Das zeigt ein Einblick in die wechselvolle Geschichte.

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1924: ZF-Ausstellung mit dem Soden-Getriebe.
1924: ZF-Ausstellung mit dem Soden-Getriebe.
(Bild: ZF Friedrichshafen)

Es war Krieg, die Produktion von Luftschiffen lief auf Hochtouren. Dafür waren Untersetzungsgetriebe nötig, doch die eingesetzten Kegelräder waren ungenau und ihrer Aufgabe konstruktionsbedingt nicht gewachsen. Die Folge: starke Erschütterungen und ohrenbetäubender Lärm. Vielleicht war es einfach Glück, dass Alfred Graf von Soden-Fraunhofen, Leiter der Versuchsabteilung der Luftschiffbau Zeppelin GmbH (LZ), auf einen Schweizer Ingenieur aufmerksam wurde: Der Schweizer Max Maag hatte ein Verfahren zur Fertigung genauer, geschliffener Zahnräder entwickelt und benötigte zahlungskräftige Vertragspartner für seine Maschinen. LZ und Maag kamen 1914 in Kontakt, wurden sich schnell einig und unterzeichneten schon im August 1915 den Gesellschaftsvertrag. Damit war die Zahnradfabrik Friedrichshafen GmbH war geboren – mit dem Ziel, bessere Zahnräder herzustellen.

Erfolgreich mit Einheitsgetriebe für Pkw und Lkw

Bis die ersten Zahnräder und Getriebe jedoch ausgeliefert werden konnten, hatten die Zeppeline an Bedeutung verloren; deshalb begann ZF noch während des Ersten Weltkriegs Getriebe für Flugzeugmotoren zu entwickeln. Auch für die Automobilindustrie bot das junge Unternehmen gleich nach Ende des Krieges Getriebe an, denn immer mehr wohlhabende Privatpersonen leisteten sich ein Automobil. Doch wirtschaftlich ging es bergab: geringe Auslastung der Produktion durch fehlenden Markt und hohe Schulden. Hinzu kam, dass das erste Autogetriebe von 1919 ebenso wie das Soden-Getriebe von 1921 keinen Erfolg hatte. Letzteres war seiner Zeit einfach voraus: Es handelte sich um ein Vorwahlgetriebe ohne Schaltgetriebe; die Zahnräder waren speziell gehärtet und geschliffen. Sowohl LZ als auch Maag beschlossen deshalb 1921, die ZF in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln.

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Mitte der 1920er-Jahre kam endlich der ersehnte Erfolg mit dem „Einheitsgetriebe“ für Pkw und Lkw. Damit war bereits damals die Idee eines modularen Getriebebaukastens geboren, wie sie heute noch aktuell ist. Die Qualität der Zahnräder und Getriebe war einzigartig, die Fertigung rationell und günstig wegen vieler Gleichteile. Nun konnte man investieren. ZF kaufte die Lizenz für ein neues Verfahren zum Schleifen von Evolventenprofilen schräg verzahnter Stirnräder – ein weiterer technologischer Sprung.

An den technischen und wirtschaftlichen Erfolg des Einheitsgetriebes schloss sich 1929 das Aphongetriebe (altgriechisch: „ohne Geräusch“) an. Dabei kamen erstmals geschliffene Schrägzahnräder zum Einsatz, was die Laufruhe auf ein neues Niveau hob. Der damals bekannte hohe Pfeifton eines hochtourig laufenden Getriebes gehörte jetzt der Vergangenheit an.

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Serienproduktion der Getriebe machte Eindruck bei NS-Führung

Das größte Umsatzwachstum in seiner Geschichte verdankte ZF jedoch keiner Innovation, sondern dem NS-Regime; dessen ist man sich auch heute bewusst. Schon 1933 besuchte Adolf Hitler als Reichskanzler den Stand der Zahnradfabrik auf der Internationalen Automobil- und Motorrad-Ausstellung in Berlin. Die Serienproduktion von Getrieben machte Eindruck. Sie sollte aber nicht das Volk, sondern das Militär mobil machen. Durch ein riesiges Rüstungsprogramm verdoppelte sich 1933 die Zahl der Beschäftigten bei ZF im Vergleich zum Vorjahr von 533 auf 1082, der Umsatz stieg um 75 %. Bis 1938 hatte das Unternehmen 5000 Mitarbeiter, der Umsatz stieg um 559 %. Man geriet völlig in den Sog der Rüstungsindustrie: 92 % der Getriebe in deutschen Panzern stammten von ZF, die Marine nutzte die ZF-Bootswendegetriebe und auch die Lenkungen von schweren Militärfahrzeugen stammten vom Hersteller aus Friedrichshafen.

Das einzige Auto von ZF: Der Champion

Nach dem Krieg stand ZF buchstäblich vor Trümmern, denn zahlreiche Werke waren zerstört worden und die französische Besatzung erwog die Demontage und Liquidierung des Standorts Friedrichshafen. Doch schon bald konnte die Produktion wieder aufgenommen werden, die zunächst auf Schleppertriebwerken für den damaligen Traktorenfabrikanten Porsche basierte. Aus der Not heraus baute ZF 1946 das erste und einzige Mal selbst ein Auto: den Champion. Nur fünf Exemplare gab es, dann übernahm die Marke 1949 der Rennfahrer Hermann Holbeim. Erst in den 1950er-Jahren lief die Produktion und Innovation von Fahrzeuggetrieben wieder rund. Man experimentierte an einer halbautomatischen Lösung – einer Vorarbeit für die Entwicklung von Stufenautomatgetrieben in den 1960er-Jahren – und arbeitete auch wieder an Getrieben für die Luftfahrtindustrie. Mit dem 3HP12 kam 1965 schließlich das erste von ZF in Serie gefertigte Pkw-Stufenautomatgetriebe auf den Markt und der ZF-Vorstand entschied, in diesem Bereich weiter zu investieren – eine wegweisende Entscheidung, die das Unternehmen zu einem der führenden Anbieter von Pkw-Automatgetrieben machte.

Mit Cherry-Übernahme fit für Entwicklungen in Elektromobilität

Im Laufe der Jahre hat ZF sein Produktspektrum durch Zukäufe stetig erweitert – sei es 1984 durch die Lemförder-Gruppe mit ihren Lenkungs- und Fahrwerkkomponenten oder 2001 durch die ehemalige Fichtel & Sachs AG mit Stoßdämpfern und Kupplungen. Eines hatten die übernommenen Firmen gemeinsam: Sie lieferten Fahrzeugkomponenten. Ganz anders schien 2008 die Übernahme der Cherry Corporation, dem US-Hersteller von PC-Tastaturen. Doch das Geschäftsfeld Automotive stellte schon damals Produkte in den Bereichen Karosserie, Komfort und Sicherheit sowie den Antriebsstrang her. Die meisten der in Westeuropa gebauten Autos enthalten Produkte von Cherry. Auerbach, der zentrale Entwicklungs- und Produktionsstandort des US-Unternehmens, ist seit der Übernahme die Zentrale des ZF-Geschäftsfelds Elektronische Systeme. Im ZF-Konzern steht dieses Geschäftsfeld unter anderem für die Entwicklungen in der Elektromobilität (Leistungselektronik) und für die Fertigung von Steuerungen und Sensoren für Automatgetriebe. Unter dem Namen Cherry werden aber weiterhin Tastaturen, PC-Mäuse und Kartenlesegeräte hergestellt.

Nicht nur Fahrzeug: ZF baut Windkraft-Getriebe

Mit der Übernahme von Hansen Transmission 2011 verlässt ZF aber tatsächlich die Automobilindustrie, bleibt jedoch den Getrieben und Zahnrädern treu: Man wagte den Schritt in Richtung erneuerbare Energien und entwickelte ein Getriebe für Windkraftanlagen. Hansen brachte 30 Jahren Erfahrung im Bereich Windkraft und nahezu 90 Jahren in der Getriebeproduktion für industrielle Anwendungen ein, sodass aus dem Zusammenschluss unter dem heutigen Namen ZF Wind Power einer der wichtigsten Anbieter von Windkraftgetrieben nahezu aller Leistungsklassen entstehen konnte.

Diese Strategie, ins „Non-Automotive-Segment“ zu investieren, führte ZF 2015 fort und übernahm das Großgetriebegeschäft von Bosch Rexroth. Am Sitz des neuen ZF-Geschäftsfelds Industrieantriebe in Witten werden weiterhin Industrie- und Windgetriebe produziert. In diesem Segment will ZF weiter wachsen.

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