CAD-Software Vorteile einer Cloudplattform nutzen

Autor / Redakteur: Ralf Steck / Stefanie Michel

Solidworks-Nutzer können mehr und mehr Funktionen der 3D-Experince-Plattform nutzen, was beispielsweise den Datenaustausch mit Partnern oder Unternehmensteilen erleichtert. Diese neuen Möglichkeiten bieten zahlreiche Vorteile, aber auch die Fallstricke muss man kennen.

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Können in der Produktentwicklung Plattformen genutzt werden, vereinfacht das den Datenaustausch mit Partnern oder Kollegen, die mit anderen Softwaresystemen arbeiten.
Können in der Produktentwicklung Plattformen genutzt werden, vereinfacht das den Datenaustausch mit Partnern oder Kollegen, die mit anderen Softwaresystemen arbeiten.
(Bild: Gorodenkoff Productions OU)
  • Dassault Systèmes forciert seit einiger Zeit die stärkere Vernetzung von Solidworks mit der 3D-Experience-Plattform. Jetzt stehen konkrete Pakete zur Verfügung.
  • Solidworks-Nutzer können die Plattform zur Datenverwaltung und Kollaboration nutzen. Sie erhalten also eine PLM-Lösung in der Cloud und sparen sich eine interne Kommunikationssoftware.
  • Trotz der angeboten cloudbasierten Systeme wird es weiterhin Solidworks und PDM Professional als lokal installierbare Software geben.

Dassault Systèmes macht Ernst mit der Verzahnung der Desktop-CAD-Software Solidworks und der Cloudplattform 3D-Experience: Worüber bereits seit einigen Jahren auf Veranstaltungen berichtet wird, wird jetzt konkret. Das Unternehmen präsentierte Informationen zu Lizenzpaketen und der Zusammenarbeit zwischen dem dateibasierten CAD-System und der Plattform. Die Chefetage von Solidworks sowie des Mutterkonzerns Dassault Systèmes gab dazu auf der Bühne der 3D-Experience World in Nashville einen Ausblick.

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Die beiden Systeme, die nun zusammenarbeiten sollen, stammen aus unterschiedlichen Entwicklungssträngen. Während Solidworks in Boston 1995 eines der ersten Windows-basierten 3D-CAD-Systeme präsentierte und 1997 von Dassault Systèmes gekauft wurde, ist die 3D-Experience die aktuelle Ausprägung der Dassault-eigenen Entwicklung rund um das CAD-System Catia. Das französische Unternehmen hatte über die Jahre eine immer breiter werdende Palette von Applikationen aus allen Bereichen aufgebaut und parallel die Solidworks-Mannschaft in Boston weitestgehend selbstständig arbeiten lassen.

Die V6-Architektur von Dassault Systèmes vor sechs Jahren war dann eine große Zäsur, weil sich das Unternehmen damit von der dateiorientierten Datenablage verabschiedete. Eine PDM-Datenbank wurde praktisch direkt in das CAD-System integriert und alle Daten wurden in einer Datenbank gespeichert. Das war ein wichtiger Schritt hin zur Plattform, die sich dann mit der 3D-Experience manifestierte. Sie ist cloudbasiert und die bisherigen monolithischen Lösungen sind in Apps aufgespalten, die wiederum in Rollen organisiert sind.

3D-Experience World: neuer Name – bewährtes Konzept

Exakt 20 Jahre lang war die Solidworks World eine der weltweit größten Anwenderkonferenzen im Bereich der Produktentwicklung. Die aktuelle Ausgabe, die vom 10. bis 13. Februar 2020 in Nashville stattfand, lief erstmals unter dem Namen 3D-Experience World. Das zeigt, wie ernst dem Hersteller die Verzahnung der Desktoplösung Solidworks mit der Cloudplattform 3D-Experience ist. Nach der ersten Ausgabe ist klar: Die Umbenennung war erfolgreich, denn erneut lockte die „World“ fast 6000 Besucher an.
Das Music Center in Nashville bot einen zentralen Veranstaltungsort, den die Teilnehmer nutzten, um Kontakte zu Gleichgesinnten zu pflegen. Die nächste 3D-Experience World findet vom 7. bis 10. Februar 2021 wiederum in Nashville statt.

Nur die benötigten Funktionen bereitstellen

Solidworks-CEO Gian Paolo Bassi sagte einmal: „Jeder Solidworks-Anwender nutzt maximal 60 % des Systems, aber bei jedem Anwender sind es andere 60 %.“ Dieser „Überversorgung“ in herkömmlichen Systemen setzt die 3D-Experience-Plattform ein Rollenkonzept gegenüber. Eine Rolle bezeichnet eine bestimmt Aufgabe im Unternehmen beziehungsweise im Produktentwicklungsprozess; so ist beispielsweise der „3D Creator“ eben jemand, der 3D-Modelle erstellt. Der 3D Creator benötigt für seine Arbeit bestimmte Funktionen und Funktionsblöcke – diese sind in der Rolle enthalten. Ein realer Arbeitsplatz kann eine oder auch mehrere Rollen abdecken. So kann, in der Logik von Dassault Systèmes, jeder Arbeitsplatz durch eine oder mehrere Rollen beschrieben werden. Der „Besitzer“ dieses Arbeitsplatzes bekommt in der Cloud über die Rollen genau die Funktionen aus dem großen 3D-Experience-Portfolio, die er benötigt – im Gegensatz zu einem kompletten System, das viele nicht benötigte Funktionen enthält.

Mehr über die Zusammenarbeit auf der 3D-Experience-Plattform

In den neuen 3D-Experience-Works-Angeboten führt Dassault nun Solidworks mit den X-Apps und einem Teil der 3D-Experience zusammen. Die X-Apps basieren zwar auf Technologie der 3D-Experience-Plattform, sind aber Angebote für die Solidworks-Anwender und damit eine Art Zwischenstadium.

Solidworks an Enovia anbinden

Bisher bestand die X-Apps-Familie aus dem Parametrikmodellierer X-Design mit der zugehörigen Rolle 3D Creator und dem Subdivision-Modellierer X-Shape in 3D Sculptor. In der nächsten Zeit folgen 3D Sheet Metal Creator, 3D Pattern Shape Creator und Function Driven Generative Design. Zu Letzterem zeigte CEO Gian Paolo Bassi in der Keynote am ersten Tag der Veranstaltung eine Demo: Die Software erzeugt optimierte Formen und berücksichtigt dabei Randparameter wie das gewünschte Fertigungsverfahren oder einen optimierten Luftfluss in einem Gehäuse – darauf weist der Namensteil „function driven“ hinweist.

Im Sommer 2020 stellt Solidworks unter dem Namen 3D-Experience Works drei neue Bundles vor, die in den bekannten Abstufungen Standard, Professional und Premium verfügbar sind. Sie enthalten neben einer Solidworks-Lizenz der jeweiligen „Packungsgröße“ verschiedene Ausschnitte des Plattformangebots. Allen drei Paketen gemeinsam ist die Basisanbindung an die Plattform namens Collaborative Business Innovator, die grundlegende Kommunikationsfunktionen – Chats, Dashboard und ähnliches – mitbringt. Die Rolle Collaboration Industry Innovator bindet Solidworks an Enovia in der 3D-Experience an und ermöglicht es, direkt aus Solidworks heraus auf die Daten in der Plattform zuzugreifen und somit Solidworks-Daten in der Plattform zu speichern. Hinter der dritten, in allen Bundles enthaltenen Rolle Collaborative Designer for Solidworks steckt die „Power’By“-Technologie, der seit Solidworks 2018 bekannte Connector zwischen Solidworks und der Plattform.

3D-Experience als Datenverwaltungssystem für Solidworks

Neben den drei genannten Collaborative-Rollen und der Solidworks-Lizenz enthält die Standard-Edition den 3D Creator. Im Professional-Bundle kommt 3D Sculptor hinzu, im Premium-Paket außerdem noch der 3D-Experience Solidworks Simulation Designer, also die Anbindung an einen Teil der Cloudversion von Simulia. Die Preise für diese Pakete sind noch nicht veröffentlicht, sollen aber für Wartungskunden als Upgrade sehr günstig sein.

Dabei ist es wichtig, das Zusammenwirken zwischen den beiden technisch sehr unterschiedlichen Lösungen zu verstehen, da Dassault Systèmes ganz bestimmte Workflows unterstützt, andere dagegen nicht:

  • Einerseits lässt sich die 3D-Experience als Datenverwaltungssystem für Solidworks und als Kollaborationsplattform nutzen. Dabei speichern Solidworks-Anwender ihre CAD-Modelle über den Collaborative Designer in der 3D-Experience ab und laden sie von dort wieder in Solidworks, um sie weiterzubearbeiten.
  • Die 3D-Experience kann den Dateiinhalt lesen und nutzt diesen beispielsweise für Visualisierungen und die Anzeige von Metadaten. An den Daten selbst wird nur in Solidworks gearbeitet. Dieser Workflow beschert Solidworks-Anwendern eine vorkonfigurierte PLM-Lösung in der Cloud. So lassen sich beispielsweise mehrere Standorte ohne Replikationsserver zusammenschalten.
  • Zudem entfällt die Anschaffung eigener Server und die Administrationsarbeit und eine interne Kommunikationslösung. Auch Dashboards sind enthalten – gerade für kleine Unternehmen ein interessantes Angebot.
  • Andererseits lässt sich Solidworks als „Zulieferer“ zur 3D-Experience nutzen. Die Daten werden dann beispielsweise in X-Shape um Geometrien ergänzt, was zum Verlust der Solidworks-Features führt. Verläuft der weitere Weg der Daten in der 3D-Experience, ist das kein Problem, ein Hin-und-her von Geometrien zwischen Solidworks und X-Apps führt jedoch zum Verlust von Informationsgehalt im Modell. Es lassen sich übrigens auch X-Shape-Modelle in Solidworks-Modelle integrieren; auch jene verlieren dann ihre X-Shape-Features.

Der Weg der Daten ist hier ganz klar – Solidworks ist Autorensystem und liefert der Plattform Daten zu. Das ist beispielsweise interessant, wenn nicht nur Solidworks-Daten verwaltet werden, sondern auch andere Systeme an der Plattform hängen oder Solidworks als Ergänzung zu einer bestehenden 3D-Experience-Installation genutzt werden soll.

Anbindung an Cloudplattform ist nicht alternativlos

Solidworks, seine Anwender und auch die Welt der Unternehmenssoftware insgesamt haben sich über die Jahre kräftig verändert. Zwar dominieren bis heute Unternehmen mit einem oder einigen wenigen CAD-Arbeitsplätzen die Kundenstruktur, aber viele Solidworks-Kunden haben Dutzende bis mehrere Hundert Lizenzen im Einsatz und somit entsprechenden Verwaltungsbedarf. Die Plattformarchitekturen sind entstanden und die Cloud ist kein Thema mehr für Spinner, sondern eine gängige IT-Strategie.

Mit 3D-Experience Works bietet Solidworks seinen Anwendern ein interessantes und komplettes Angebot, an eine Cloudplattform anzudocken und deren Vorteile zu nutzen. Im Gegensatz zu anderen Anbietern ist das aber nicht alternativlos. So wie Solidworks nicht auf ein Mietlizenzmodell umsteigt, sondern dies parallel anbietet, so bietet das Unternehmen neben der Cloudlösung nach wie vor sein PDM Professional als lokal installierbares Datenverwaltungssystem an.

Kleine Unternehmen ebenso wie solche Unternehmen, die in Entwicklungspartnerschaften sind oder mehrere Standorte betreiben, sollten sich auf jeden Fall mit 3D-Experience Works beschäftigen. Hier liefert das neue Angebot Antworten auf viele „Pain Points“. Aber auch für andere Unternehmen, die Solidworks einsetzen, lohnt sich ein Blick auf die Plattformangebote.

* Ralf Steck ist freier Fachjournalist. Weitere Informationen: Carola von Wendland, Dassault Systèmes Deutschland GmbH, Tel. (0 89) 6 42 60-4 09, carola.vonwendland@3ds.com

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